Was ging beim... Eurockéennes-Festival in Belfort?

Alexander Ochs

Die "Eurocks" gelten als eines der schönsten großen Festivals in ganz Frankreich. Wie es am Sonntag mit Phoenix und Arcade Fire – und dem Wetter – war.

Das Setting

Nach brütend heißen zweieinhalb Tagen kippt das Wetter am Sonntagnachmittag und verwandelt das malerisch auf einer Halbinsel im Lac de Malsaucy gelegene Festivalgelände in einen Matschpfuhl erster Güte. Pünktlich zum Beginn des Tagesprogramms schüttet es wie aus Kübeln.

Die Eurockéennes bieten vier Bühnen, die recht nahe beieinander gelegen sind. Das sorgt für kurze Wege, bisweilen aber auch für reichliche akustische Überlagerungen. Gesäumt wird der Weg zur Hauptbühne durch Dutzende Streetfood-Stände von Texmex über, klar, Flammkuchen bis hin zu libanesischen und indischen Spezialitäten.

Die Crowd

Wichtigstes Accessoire: ein Plastikponcho – und geeignetes Schuhwerk. Und ja keinen falschen Schritt setzen auf dem leicht hügeligen Gelände. Entsprechend wimmelt es unter Plastikplanen, Regenjacken, durchsichtigen Folien und auch gelben Säcken versteckten festivaliers, wie man in Frankreich sagt. Die Alterspanne reicht von gerade erwachsen bis Fast-schon-Rentner.

Sehr entspannt und defensiv gibt sich die etwas zerfeierte Meute, zumal Hanfschwaden nicht nur in homöopathischen Dosen nonstop übers Gelände wabern. Das führt zum berüchtigten Plexiglas-Effekt: perplexer Gesichtsausdruck bis glasiger Blick allenthalben. Einige versuchen sich in den Pausen publikumswirksam im Schlickrutschen, andere retten sich auf die schmale Mittelachse vor der Hauptbühne, denn die bietet festen Boden.

Die Mucke

Als Hauptacts des Sonntags treten an: das gehypte britische Rockduo Royal Blood, Frankreichs gefeierte Indiepopper Phoenix und die gerade in Festtagslaune auftrumpfende kanadische Indierockband Arcade Fire.

Royal Blood pumpen ihren groovend treibenden und sägenden Stonerrock unters Volk, der eine geradezu sensationelle Wall of Sound aufbaut, dafür, dass es nur zwei Musiker sind! Ben Thatcher an den Drums und Mike Kerr als singender Bassmann. Ihr gerade rausgebrachtes Album spielen sie durch, dazu kommen einige 08/15-Ansagen und leicht prollaffige Einlagen. Die musikalischen Bezüge zu Led Zep, QOTSA und RATM sind so auffällig, dass mein Begleiter eine handfeste "Epigonenproblematik" ausmacht. Aber sie machen Spaß, die beiden Vollblutjungs!

Die französischen Megastars Phoenix legen zu sechst einen blitzsauberen Auftritt hin, auch wenn der Bass viel zu kräftig pumpt und die Strobos viel zu wild zucken, sodass die eigentliche Band dahinter fast schon wieder verschwindet. Mit den wobbelnden Synthiewellen vom aktuellen "Ti Amo" beginnen die Herren aus Versailles, schwenken dann zum "Entertainment" vom flachen 2013er-Album, lassen tausende Herzen aufgehen bei "Lisztomania" vom jungen Klassiker "Wolfgang Amadeus Phoenix". Zuckersüßer Hall und die schöne Idee, den Bühnenboden als Leinwand zu benutzen – von oben gefilmt – sorgen für ein rosarotes Vergnügtsein. Der Sänger liegt auf dem Boden, umflossen von pinkem Nebel. Höhepunkt? Kommt noch.

Und Arcade Fire? Gehen Punkt Null Uhr an den Start und machen im Grunde alles richtig: Auch ein bisschen Zucker fürs Stadiongefühl, opulentes Auftreten, fast immer zu neunt, mit Geige, Umhänge-Keyboard, zwei Schlagzeugen, Piano, Saxofon, Cowbell und allem Drum und Dran. Die rollende Discokugel, ein bisschen ABBA, die ganze Zeit über irre Instrumentenwechsel, eine unablässig wuselige Régine Chassagne, die genau wie alle anderen auf der Bühne sichtlich gerne – und angenehm – performt, egal ob sie Keyboard oder Klavier spielt, drummt, singt oder einfach als Schattenriss agiert.

Auch dank der Herren Butler bietet die kanadische Formation eine klassische Will-Win-Situation. Alle Hits werden quasi durchgespielt, egal von welchem Album, einige deutlich aufgepeppt und beschleunigt, so zum Beispiel das grandiose "Reflektor". Die Stimmung ist superb, und auch der Regen hat nachgelassen.

Bestes Outfit

Ein schlanker Beau stolziert im hautengen schwarzen Neoprenanzug über die Matschwiesen.

Kassensturz

Trinkwasser gibt es an Extrastationen vor den Klocontainern für umme. Der halbe Liter Bier kostet sechs Euro. Wer sich gleich anderthalb Liter einschädelt, zahlt dafür 17 Euro. 0,5 Liter Cola etc. werden für drei Euro angeboten – für französische Verhältnisse sensationell günstig. Fritten gibt’s für drei Euronen. Der Burger schlägt mit Minimum 7,50 Euro zu Buche, und Pizzen oder andere Gerichte erfordern zweistellige Investitionen. Das Tagesticket ist für nen fairen Fuffi zu haben, ein Zwanziger geht pro Nase für Flüssiges drauf, ein Zehner fürs Essen. Kommen noch die Péage und der Sprit dazu.

An der Tanke / Sprit-Check

Wenn nicht Bier aus Festivalbechern runtergekippt wird, schnorchelt man sich Härteres oder zumindest Wein per Schlauch aus der irgendwo verstauten Plastikpackung rein. Oder man holt sich ne Cola, trinkt ab und würzt dann entsprechend mit Whiskey oder Rum nach. Da die Hitze vorbei ist, hält sich die Getränkelogistik in Grenzen. Alles easy. Und alles andere wird inhalativ konsumiert.

Schwitzfaktor

Null, da die Sonne sich verkrümelt hat und die Temperaturen recht angenehm sind. Nur als Phoenix-Frontmann Thomas Mars liegend übers Händemeer auf mich zukommt, komme ich kurz ins Schwitzen, die Meute wogt und wankt wie wild, einige geraten ins Straucheln. Doch Mars, ganz mobil, genießt seinen Ausflug minutenlang.



Flirtalarm

Nach durchzechten Tagen und Nächten unter tropischer Hitze ist der Aktivitätslevel runtergefahren. Sehr friedlich und ruhig insgesamt. Nur einige Pärchen – frisch gefunden oder gerade am Checken? – knutschen inniglich.

Pauschalurteil

Geil. Und gar nicht so aufwändig. Bei entsprechendem Line-Up im nächsten Jahr einfach mal einplanen. Rekord: Um die 130.000 Leute kamen zur 29. Ausgabe der Eurockéennes.