Was ging bei...Tim Bendzko in der Sick-Arena?

Joshua Kocher

Vom Weltretter zu "Ich bin doch keine Maschine" in nur zwei Minuten. Der Sänger Tim Bendzko war zu Gast in der Sick-Arena, brachte jede Menge Gefühl mit und versuchte zu erklären, warum der deutsche Pop nicht immer eine Message braucht.

Das Publikum

Was direkt auffällt: Es sind extrem viele Familien gekommen. Die Kleinen in Bendzko-Fanshirt, Mama in Bluse und Papa hat das schicke Karohemd von s.Oliver aus dem Schrank geholt. Am Eingang werden eigens dafür saure Zungen, Gummibärchenschlangen und gebrannte Mandeln verkauft – die Frühjahrsmesse rückt näher und die Kiddies sind glücklich.

Ebenfalls gekommen sind zahlreiche Paare. Bendzko-Konzertkarten waren wohl ein besonders beliebtes Geschenk zum Jahrestag. In den vorderen Reihen sind die kreischenden Teenies zu finden, die beinahe zusammenklappen, als sie ihren Schwarm auf der Bühne entdecken. Sie sind es auch, die Bendzko später ihre Plüschtiere zuwerfen.

Die Bühne

Unpassender als für ein Tim Bendzko Konzert könnte die Sick-Arena kaum sein. Mit ein paar wenigen Tüchern wurde zwar versucht, etwas Wohnzimmer-Atmosphäre zu schaffen, doch Herzschmerzmusik mag einfach nicht zu den steilen, kalten Wänden der Messehalle passen.

Umso besser, dass wenigstens die Bühne von mühevoller Arbeit zeugt. Absolutes Highlight ist der schwulstige, barocke Vorhang, der mehr Falten hat, als ein ganzes Altersheim. Er verdeckt die Bühne vor dem Konzert und wird auch während des Auftritts immer mal wieder heruntergelassen, wenn Bendzko seine Gitarre schnappt und auf die zehnköpfige Band verzichtet.

Der Act...

liegt eigentlich seit einer Woche mit einem Magen-Darm-Infekt im Bett. Mit einer halbstündigen Verspätung kommt er dennoch auf die Bühne und lässt sich davon nichts anmerken. Vor seinem aktuellen Hit "Leichtsinn" wird endlich der riesige Vorhang gelüftet und die breit aufgestellte Band sichtbar. Bendzko selbst lächelt dem Publikum schelmisch in einem eng geknöpften blauen Hemd entgegen. Noch schüchtern tänzelt er über die Bühne. Er begrüßt die Freiburger Menge mit Glückwünschen zu einer "überragenden Bundesligasaison", merkt dann aber schnell an, dass es wenig Sinn macht, auf einem "Konzert mit 90 prozentigem Frauenanteil über Fußball zu reden".

Hinter Bendzko steht seine Band, die etwas an ein MTV-unplugged-Orchester erinnert und in gold-orangenem Licht angestrahlt wird. Der Großteil der Musiker scheint mehrere Instrumente zu beherrschen. Neben den Klassikern Schlagzeug, Bass und Gitarre sind zwei Celli, eine Violine, ein Klavier und teilweise ein Akkordeon sowie ein Umhängekeyboard zu hören.

Die Show...

beginnt mit einem großen Tamtam – bei "Leichtsinn" tobt die Halle. Wird dann eine knappe Stunde sehr ruhig und gefühlsvoll. Es geht um Liebe, Herzschmerz und Wiedergutmachung. "Woran soll man glauben, wenn die Liebe nichts taugt? Wo ist die Zuversicht, wenn man sie braucht? Wie kann man verbergen, dass das Herz gefriert?" frägt er bei "Winter" ins Publikum.

Immer wieder und etwas zu oft baut er "Freiburg" in seine Texte ein, was in der Menge gut ankommt. Zeitweise schleicht sich das Gefühl ein, seine tiefgründigen Lieder laufen in Endlosschleife. Doch dann spielt er seinen Riesenhit "Nur mal kurz die Welt retten" und das Publikum scheint aufgewacht zu sein. Erstmals sind sogar singende Leute zu hören. Die Disko-Funk Version des Liedes spielt er deshalb extra ausführlich.

Doch vom Weltretter gelingt er schnell zu seinem zweiten großen Hit "Ich bin doch keine Maschine", in dem er all das relativiert, was er im Song zuvor noch voraussagte. Die Stimmung bleibt dennoch auf dem Siedepunkt. Er singt "Ich werde nicht kapitulieren, bis ich die Schwerkraft besiege" und fährt auf einem elektrischen Einrad über die Bühne. Er kann also doch entertainen. Bei "Keine Zeit" versucht er sich kurzerhand am Squaredance, erinnert dabei aber eher an Forrest Gump, als dessen Fußfesseln im gleichnamigen Film abfallen und er endlich frei laufe kann.

Die Message

Deutschpop, wie ihn Tim Bendzko, aber auch Max Giesinger, Andreas Bourani oder Clueso verkörpern, sieht sich immer wieder der Kritik ausgesetzt, keine Botschaften zu vermitteln, sondern nur wahllos persönliche Texte unter die Leute zu bringen. Nicht erst seit Böhmermanns Pop-Satire, bei der er mit "Jim Pandzko" deutlichen Bezug auf Bendzko nimmt, muss sich der Sänger der Frage stellen, ob er mit seiner Musik nicht irgendetwas vermitteln möchte.

Die Antwort liefert er auf der Bühne: "Ich finde nicht, dass jemand der auf der Bühne steht zwangsläufig mehr Ahnung vom Leben hat. Warum sollte ich es besser wissen als ihr?" frägt er.

Moment des Abends

Plötzlich liegt auf der Bühne ein weißer Briefumschlag, auf dem fett "Songs für Tim" draufsteht. Darin ein kurzer handgeschriebener Text mit der Bitte, die Lieder auf dem beigelegten USB-Stick anzuhören und ein Feedback zu geben. Die Verfasserin ist schnell ausfindig gemacht und Bendzko verspricht ihr eine ehrliche Kritik. "Aber nicht, dass du zu DSDS gehst, wenn es positiv ausfällt. Immer schön kleine Schritte machen."

Die Zugabe...

war eindeutig zu lang. Bendzko geht zu "Es ist noch nicht das Ende" von der Bühne und deutet damit an, was noch folgen soll. Er kehrt zu drei weiteren, wieder besonders emotionalen Songs zurück, bevor das vermeintlich große Finale mit "Sag einfach Ja" erreicht wird. Als sich der Großteil der Zuschauer dann endlich Richtung Ausgang bewegt, kehrt der Lockenkopf erneut zurück, stellt sich mit seiner Gitarre ganz alleine auf die Bühne und spielt einen bisher unveröffentlichten Song: "Nach Hause". Dahin zieht es auch die Zuschauer, nach der fünften Zugabe.

Pauschalurteil

Tim Bendzko gelingt es auf seiner "Immer noch Mensch Tour", den in Verruf geratenen deutschen Pop etwas vor der Kritik zu schützen. Er gesteht ehrlich ein, dass der Großteil seiner Texte nicht von großer gesellschaftlicher Bedeutung sind. Gleichzeitig schafft er es, seine Zuhörer mit wehleidigen Liebesgeschichten und Mutmachertexten zu berühren. Der Großteil der Anwesenden scheint begeistert und genießt die endlose Zugabe.

Fotos: Das Konzert von Tim Bendzko und Band in Freiburg

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