Was ging bei … Sportfreunde Stiller auf dem ZMF?

Bernhard Amelung

"Applaus, Applaus", "Ein Kompliment", "Ich, Roque": Die Songs der Sportfreunde Stiller kennt eigentlich jeder – nur nicht unser Autor. Deshalb haben wir ihn aufs ZMF ins Zirkuszelt geschickt.

Die Stage

2016 starb der US-amerikanische Schauspieler Bill Nunn im Alter von 63 Jahren, an Leukämie. Zuletzt war er in der Rolle des Rettungssanitäters Cash in der TV-Serie Sirens zu sehen. Für immer in Erinnerung bleiben wird er mir jedoch als Radio Raheem; eigentlich der coolste Typ in Spike Lees Film "Do The Right Thing" aus dem Jahr 1989; ein Film über den Alltagsrassismus, der schwarzamerikanischen Jugendlichen im New York der Achtzigerjahre begegnete.

Im Film trug Nunn alias Raheem stets Basketballstiefel, schwarze Shorts und ein weites, weißes T-Shirt, mit bunten Aufdrucken. Wenn er durch die Straßen von Brooklyn lief, hatte er stets einen Kassettenrekorder dabei. Eine "Boombox", auch "Jam Box" oder "Boogie Box" genannt; J1 Super Jumbo für alle, die es ganz genau wissen wollen. Schlechterdings das Statussymbol der aufkommenden HipHop-Kultur in den Achtzigerjahren.

Radio..... #DoTheRightThing #FightThePower #PublicEnemy #SpikeLee #RipBillNunn #RadioRaheem

Ein Beitrag geteilt von Benny Chill (@tristate.benny) am 30. Jun 2017 um 7:55 Uhr



Jetzt stehen die Sportfreunde Stiller beim Zelt-Musik-Festival auf der Bühne des Zirkuszelts. Im Gegenlicht erkennbar: Transparente, mit Boomboxen bedruckt. "Lässig", sagt eine Frau Ende 30, die zwei Stufen hinter mir steht. Ich aber finde, die Band bedient sich eines Codes, der ihr nicht zusteht. Die Boombox war ein geradezu ikonisches Instrument, mit dem sich Gegenkulturen Sicht- und Hörbarkeit auf der Straße verschafft haben. Die "Sportis", wie Peter Brugger, Florian Weber und Rüdiger Linhof auch genannt werden, haben drei Nummer-1-Alben ("La Bum", "MTV Unplugged in New York" und "Sturm & Stille"). Mehr Sicht- und Hörbarkeit geht im Pop doch nicht.

Die Crowd

"Fußballband", "Musterknaben", "sympathische Bayern". So werden die Sportfreunde Stiller in der Berichterstattung genannt. Ich befürchte Schlimmes. Jungs und Mädels mit Deutschland-Trikot, mit Fan-Devotionalien diverser Fußballvereine geschmückt, auf der einen Seite. Auf der anderen Seite Menschen, die ihren wachen Geist und Lebenshunger längst abgegeben haben. Ich liege falsch. Ich betrete einen Ort, an dem knapp 3000 Menschen auf engstem Raum stehen. Familien mit kleinen Kindern, Teenager, frisch verliebte Pärchen, beste Freunde, beste Freundinnen. Alle scheinen sich zu freuen, dass meine Begleitung und ich nun auch Teil dieses Abends werden. Fast so, als ob ein verlorener Sohn endlich nach Hause kommt. Alle lachen, überall begegne ich Freundlichkeit und guter Laune. Das ist unheimlich und schön zugleich.

"Überall begegne ich Freundlichkeit und guter Laune. Das ist unheimlich und schön zugleich."

Track-Check

Sieben Alben haben die Sportfreunde Stiller seit Bandgründung im Jahr 1997 veröffentlicht. Dazu kommen noch einmal zwei Live-Alben, unter anderem "MTV Unplugged in New York". Also plus minus alle drei Jahre ein Album. Das ist geradezu popindustrielle Präzision, denn mit einem Album kann man im Durchschnitt zwei Jahre auf Tour gehen. Ein Jahr in Clubs und Konzerthallen, ein Jahr auf Festivals.

Bei so viel musikalischem Output kann ich unmöglich in einem Nachmittag die ganze Diskographie kennen lernen. Erst recht nicht während der Arbeit. Die Kommentare auf YouTube zu Songs wie "Das Geschenk" oder "Zwischen den Welten", beide auf dem aktuellen Album "Sturm & Stille" (2016), sind die gleichen wie zu "Applaus, Applaus", "Wieder Kein Hit" (vom Album "New York, Rio, Rosenheim", 2013), "Ein Kompliment", "7 Tage, 7 Nächte" oder "Hurra, Wir Fliegen" (vom Album "Die Gute Seite", 2002). "Schöner Song", "Mitsingen nicht vergessen", schreiben die Nutzerinnen und Nutzer.

"Plus minus alle drei Jahre ein Album. Das ist geradezu popindustrielle Präzision."

Diese Songs spielen sie an diesem Abend auch im Zirkuszelt. Sie reagieren sogar auf Publikumswünsche. Reihe eins bis Reihe vier wünscht sich quasi im Kollektiv "Applaus, Applaus", und Sänger Peter Brugger sagt: "Okay, dann singen wir das."

Die Sportfreunde Stiller wirken tatsächlich harmlos nett. Vielleicht sind die drei Musiker aus Bayern auch abseits der Bühne so; harmlos nett, wie dieser eine Freund im Bekanntenkreis, den man trotzdem überall hin mitnimmt, weil man’s nicht über’s Herz bringt, ihn außen vor zu lassen. Man will ja selbst auch kein schlechter Mensch sein.



Zum Konzert selbst: Die Stärke der Sportfreunde Stiller ist, dass sie tatsächlich gefühlvolle Liebeslieder schreiben können – so zum Beispiel "Das Geschenk", "Ein Kompliment" oder "Lass Mich Nicht Mehr Los". Schwärmerische Balladen mit Texten, wie man sie vielleicht in der Phase des ersten Verliebtseins in sein Smartphone tippt – und dann trotzdem nicht abschickt. Denn irgendwann würde man sich vermutlich nur darüber aufregen, dass man seinem Gegenüber einen Satz wie "Wie ein Wort das nicht zählt / So als ob dem Alphabet ein Buchstabe fehlt / So bin ich ohne dich..." geschickt hat.

Die Schwäche der Sportfreunde Stiller ist das, womit sie sich einst positioniert haben: Gitarrenakkorde, Gitarrenriffs. Indierock halt. Das können sie meiner Meinung nach wirklich nicht. Die Gitarrenriffs klingen seicht. Warenhauspop-seicht. Sie schaffen es mit ihrer Spielweise tatsächlich, dass jeder Song, der im Kern durchaus schöne Harmonieläufe enthält, am Ende gleich klingt. Dabei könnte man leidenschaftlich gespielte Riffs – und den "Sportis" Leidenschaft absprechen, wäre gemein – durchaus zu einem komplexen Klangbild verdichten.

Dazu noch die Stimmen. Immer ein wenig atonal, ausdruckslos klingen sie. Aber dahinter steckt nicht das Konzept des New Wave oder EBM, möglichst kalt, stählern, maschinell und nichtmenschlich zu klingen. Aber vielleicht liegt gerade darin ihr Erfolg. Nicht perfekt, nicht ausgereift, irgendwie linkisch und ungelenk; immer noch die Teenager und Anfangzwanziger geblieben, die sie Mitte der Neunzigerjahre waren. Ich nehme es ihnen sogar ab. Die Sportfreunde Stiller sind nicht falsch.

So, jetzt kenne ich auch die "Sportis". #latergram #zmffreiburg

Ein Beitrag geteilt von Bernhard Amelung (@emotional_content) am 19. Jul 2017 um 10:06 Uhr



Geil

Bevor die Sportfreunde Stiller den Song Zwischen den Welten anstimmen, hält Sänger Peter Brugger kurz inne – und spricht sich deutlich gegen Rechtspopulismus und soziale Ausgrenzung aus. Das verdient Respekt. Immer.

Fail

"...heute Abend bleibt niemand einsam, wir selbst fühlen uns dreisam", sagen Florian Weber, Rüdiger Linhof und Peter Brugger. Sie wechseln sich am Mikrofon ab, versuchen sich im Sprechgesang. So geht das eine ganze Weile. Davon abgesehen, dass Endreime im Sprechgesang technisch mit das Anspruchsloseste sind, sind auch die Inhalte ihrer Einlagen platt. Kein Punch, kein Sprachwitz. Da bedient sich die Band wieder eines Codes, der ihr nicht zusteht.

Pauschalurteil

Gute-Laune-Rock. Keine Band hat dieses Prädikat wahrscheinlich mehr verdient, als die Sportfreunde Stiller. Am Ende ihres Konzerts habe ich den Eindruck, fast 3000 neue Freunde hinzugewonnen zu haben. Alle strahlen, lachen, wirken glücklich, gehen entspannt und gelöst nach Hause. So muss das vielleicht sein. Unheimlich ist es aber trotzdem. Und sollte ich mal schwerverliebt sein, kenne ich jetzt hunderte Textzeilen, die ich in mein Smartphone kloppen kann. Abschicken werde ich sie trotzdem nicht. Denn auch das wäre ein bisschen unheimlich.