Konzertkritik

Was ging bei … Sophie Hunger und Mine auf dem ZMF?

Florian Fromm

Elektronisch-sphärische Klänge und Beats gab es am Donnerstag von Sophie Hunger im ZMF-Zirkuszelt. Die Folksängerin und Liedermacherin aus der Schweiz begeisterte mit ihrem Live-Auftritt.

Die Künstlerin

Nach einer halben Stunde ist es soweit. Das Publikum im Zirkuszelt erkennt ein kleines Stückchen der früheren Sophie Hunger wieder, wippt zu den elektronisch-sphärischen Klängen und Beats, summt jetzt aber leise den Text zur 2012 erschienenen Zeitgeist-Hymne "Das Neue" mit und beginnt sich einzurichten in der neuen musikalischen Welt der Schweizer Ausnahmekünstlerin. Es gehört zu den abgedroschenen Phrasen der Musikindustrie, dass sich Bands und Künstler ständig "neu erfinden". Sophie Hunger meint es ernst.

Die Folksängerin und Liedermacherin mit Akustik-Gitarre und echtem Klavier gehört der Vergangenheit an. Die Gabe, einen großen Konzertraum in ein intimes Wohnzimmerkonzert zu verwandeln, hat sie eingetauscht gegen wummernde Synthesizer-Beats und E-Gitarren, die so manches Mal an große Stadionbands wie die britischen Virtuosen von Muse erinnern. Kein Mitsingen, keine Massenchoreografie mehr, nur noch perfekt modulierte, komplexe Klangwelten und mittendrin dieses faszinierende Wesen im reduzierten Scheinwerferlicht: Willkommen in der Welt der Sophie Hunger. Ihrer neuen Welt.

Das Publikum

Es überrascht wenig, dass Sophie Hungers Publikum sehr heterogen ist. Wer sich in 15 Jahren auf extrem hohem Niveau durch verschiedenste Musikstile bewegt und sich dabei einen Ruf als unübertroffene Live-Musikerin erarbeitet, der nimmt ganz unterschiedliche Menschen mit. Männlich, weiblich, zwischen 25 und 50 Jahre alt, mit viel Liebe zu guter Musik und schlauen Texten. Noch Fragen? Ein kleiner, bestens gelaunter Teil des Publikums ist noch jünger, was wohl eher der zweiten Künstlerin des Abends zu verdanken ist. Die Elektro-Pop-Rap Newcomerin Mine nutzt ihre Stunde Bühnenzeit optimal und kann sich nach einem energiegeladenen Auftritt bestimmt über einige neue Fans freuen.

Die Show

Keine aufwendigen Bühneninstallationen, nur reduzierte Lichtspiele. Zweimal fünf große übereinander gesetzte, warme Lampen als Rückwand. Ein minimalistisches Setting, der Star ist die Musik.
Die Kompositionen von Sophie Hungers jüngstem Album, die an diesem Abend immer wieder von neu arrangierten, kaum wiederzuerkennenden Titeln älterer Veröffentlichungen unterbrochen werden, kommen als dichte elektronische Klangteppiche daher.

Das ZMF-Publikum geht mit bei ihrer Verwandlung und wird mit einem unvergesslichen Abend belohnt. Die Schweizerin hat riesigen Spaß an ihrer neuen Art Musik zu machen, immer wieder brechen während des Singens kleine Lachattacken über sie herein. Die Neuerfindung erscheint als logischer Schritt in ihrer Entwicklung, weil sie eine herausragende Musikerin ist, die gar nicht anders kann als ständig zu experimentieren. Genre egal.

Wie immer ist die junge Schweizerin mit vorzüglichen Musikerinnen und Musikern angereist. Alleine von der E-Bassistin Martina Berther könnte stundenlang erzählt werden. Über ihr virtuoses Erobern einer musikalischen Männerdomäne, ihre eigenartigen und doch so schönen Klangwelten, die heute beinahe alle Songs faszinierend entrücken.

Nach dem Auftakt mit Stücken des letzten Albums, folgen die bekanntesten Tracks aus 15 Jahren Sophie Hunger. Alles stets in neuem Gewand bis hin zur kompletten Dekonstruktion. Ungewohnt, manchmal sperrig und dann wieder einfach wunderschön.
Absolute Highlights sind neben den bekannten und sehr tanzbar inszenierten Pop-Pamphleten "Das Neue", "Shape" und "1983", die Soloeinlagen der einzelnen Musiker*innen. Das Publikum gerät in Ekstase.

Ganz besondere Gänsehaut-Momente liefern die A-Cappella und in Schweizerdeutsch vorgetragene Hymne Z’Lied vor Freiheitsstatue und die lautstark vom Publikum eingeforderte Ballade Walzer für niemand als Zugabe.

Das Spezielle

Kleine, scheinbar pointenlose Alltagsgeschichten erzählt Sophie Hunger hin und wieder bei ihren Shows. Seltsam anmutende Anekdoten, oft kokettierend mit der eigenen Unfähigkeit, Dinge kurz und trocken auf den Punkt zu bringen. Heute liefert sie diese kleinen, einnehmenden Zwischeneinlagen in Perfektion. Das Publikum klebt an ihren Lippen, wenn sie davon erzählt, wie sie und ihre Band tagsüber im Golf Caddy ("Ihr wisst schon, diese Dinger, die aussehen wie abgebrannte Autos....") über das Mundenhofgelände gefahren wurden um am Ende von Unbekannten mit einem riesigen Raclettegerät überrascht zu werden.

Ihre Erwähnung des Schweizer Nationalfeiertags mündet dann gar in einer kurzen Darbietung der Schweizer Nationalhymne. Ein wenig seltsam, aber irgendwie schön.

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