Was ging bei … Sarah Connor auf dem ZMF?

Laura Maria Drzymalla

Ventilatorwind, Knicklichter und eine viel zu enge Hose: fudder-Autorin Laura-Maria Drzymalla war bei Sarah Connor auf dem ZMF. Sie fand es gar nicht mal so gut, möchte aber trotzdem mit Sarah einen Virgin-Aperol trinken.

Die Show

Schicki! Das Management von Sarah befand offensichtlich das grundlegende Thema "Jaaaaazz!" als den angebrachten roten Faden für die Show ihres neues Album "Muttersprache" – und so sind sämtliche Schlagzeuger, Gitarristen, der Bassist und der Pianist in abwechselnd rotes und blaues Licht getaucht. Drei Backgroundsängerinnen stehen an der Seite, wippen nach links und nach rechts, wedeln mit den Händen und wirken adrett.

So weit, so langweilig. Sarahs Haare wehen im Ventilatorwind, der ihr vorwitzig immer wieder einzelne Haare in den Mund pustet. Sie läuft hin und her, winkt, und zeigt zielsicher ins Publikum, als würde sie jeden einzelnen von uns "Süßen" (ihre Wortwahl, nicht meine) kennen und wirkt an sich eigentlich ziemlich entspannt – wäre da nicht:

Das Outfit

Ein eindeutiger Fall von oben Hui, unten Pfui. Ein toller Hut auf sehr blondem Haar, ein schwarzer Blazer über einem sehr durchsichtigen schwarzen Oberteil. Dann der fast schon liebevolle Beweis, dass sich Sarah ihrem durchaus trashigen Stil treu geblieben ist: eine schwarze Hotpant aus ungefähr 100% Plastik, aalartig an die Pobacken und Schenkel geschmiegt.

Saß wohl gar nicht so gut, denn nach dem achten Mal in den Schritt greifen begreifen wohl alle, dass es sich hier nicht um eine Hommage an Michael Jackson handelt, sondern einfach um eine verdammt unbequeme Hose. Keep away from fire. In einer normalen Jeans hätten wir sie wahrscheinlich auch sehr schön gefunden.

Für die Songs von früher wirft sich Sarah außer Rand und Band eine rote Trainingsjacke über den schwarzen Fummel – crazy Sarah von früher ist nämlich wild und sporty.

Die Musik

Haja. Schlager halt. "Ich geb's jetzt endlich zu – keiner ist wie du!" Sarah singt neuerdings auf Deutsch, anstatt auf Englisch. Was bei Helene Fischer funktioniert, kann ja gar nicht schiefgehen. Das Konzert war schon lange komplett ausverkauft, ebenso wie das von Dieter Thomas Kuhn. Das ist kein Zufall, sondern zeugt davon, dass ihre Lieder durch und durch massentauglich verwurstet sind.

Popsongs sind toll, über Gefühle singen geht immer, Schmerz hatten alle schon mal, also kann man sich als Fan damit gut identifizieren. So muss die Rechnung ungefähr aussehen. Und ja, das ist in Ordnung – aber mit den Texten verschenkt sie mit ihrer durchaus nicht schlechten Stimme wirklich viel Potential. Statt spannende Themen mit schönen Sprachspielereien, die der Albumtitel verspricht, sind die Reime eher so Haus – Klaus - Maus – Applaus... sorry, mein innerer Germanist ist raus.

Beim Lied "Meine Insel" halten sich ungefähr alle Frauen mit vielen Knicklichtern im Arm, er geht nämlich um beste Freundschaft. Hach!

Die Crowd

Mit dem Kauf der Eintrittskarte gingen Besucher offenbar stillschweigend eine Offenbarung ein: Außergewöhnlich viel Geld für eine gar nicht mal so außergewöhnliche Show. Da den Fans das wohl auch unterbewusst völlig klar war, scheint der Druck, ein super-crazy Konzert zu haben, besonders hoch zu sein. Nicht, dass es reichen würde, eine aberwitzige Menge an kreischenden Frauen im Zirkuszelt zu haben – nein! Die tatsächlichen Problemfälle mit bösen Vibes waren hier eher von der männlichen Brigade.

So wurde ich bei dem Versuch, als sehr kleine Frau einen guten Platz am Rand der Absperrung zu bekommen, sofort von zwei älteren Fans mit ungläubigen Kopfschütteln verscheucht: "Des isch ja unmöglich, des geht ja mol gar net!" Als ich dann etwas hilflos neben den Fotografen herumlümmele, werde ich direkt von einem Fan gebeten, endlich mit dem Filmen aufzuhören. Mein Argument, ich sei für die Zeitung da, lässt er nicht gelten. "Jetzt filmt die Presse schon mit'm Handy, Gerda. Sieh’sch des?"

Mein Moment der Freude

Ein Medley aus den alten Songs! Let' get back to bed, boy - Bounce! - From Zero to Hero! Whoooooop!

Mein Moment der Gerührtheit

Musik ist ja Geschmackssache – und meiner ist das leider nicht. Aber Sarah Connor überzeugt mich trotzdem auf einer Art Meta-Ebene: Sie hat einfach Bock auf das, was sie da macht! Sie steht irgendwie richtig drauf: Auf den Pathos, auf den Trash und auf schlecht gereimte Zeilen.

Zum zweiten Mal mit einem ehemaligen Boybandmitglied verheiratet, ist sie jetzt gerade zum vierten Mal schwanger. Delphine, Tyler und Summer bekommen ein Geschwisterchen (Ja, Marc Terenzi ist der Vater der ersten beiden und die Boyband, bei der er gespielt hat, hieß "Natural". Nein, ich konnte mich auch nicht daran erinnern.) Auch ein feiner Moment: Eine Mutterpass-Hülle wandert durch die Fanreihen, Sarah packt ihn aus und freut sich lautstark am Mikro über das Geschenk.

Und deshalb ist sie irgendwie eine sympathische Haut: Sie ist eine von uns. Ich kaufe ihr das Image wirklich ab und ich verstehe, warum Fans ihre Emotion so stark in ihre Zeilen legen. Als sie "From Sara with love" ansingt, rasten auch meine Vergangenheitsgefühle komplett aus, ich bin plötzlich wieder 15 Jahre alt. Leider spielt sie es schlecht gesungen in einer Jazz-Version.

Fazit

Die Band war besser als Sarah, sie hätten viel mehr Beachtung kriegen sollen. Trotzdem würde ich mit Sarah gerne mal einen Virgin-Aperol in Berlin trinken, ich glaube, mit ihr hat man viel gute Laune.