Was ging bei … Ry X auf dem ZMF?

Bernhard Amelung

Wie oft geht man an einem Montagabend auf ein Konzert, um zu meditieren? Ry Cuming alias Ry X ermöglichte im Spiegelzelt beides: Musik und Tiefenentspannung.

Die Stage

Einssein mit dem Publikum. Dieses Gefühl möchte Ry X, eigentlich Ry Cuming, auf seinen Konzerten erreichen. Auf seinem eigenen Festival "Sacred Ground", das seit drei Jahren an der deutsch-polnischen Grenze stattfindet, bewegt er sich in und mit der Crowd. Auch im Spiegelzelt des Zelt-Musik-Festivals tritt er so nahe wie möglich an den Bühnenrand. Manchmal kann es so einfach sein, emotionale Nähe durch räumliche Nähe herzustellen (Fotos: Ry X auf dem ZMF).

Die Crowd

Kantine am Berghain, Sónar, Sacred Ground: Wer ein Konzert des 33 Jahre alten Australiers besucht, trägt schwarz. Wie der Musiker selbst. So verlangt es ein ungeschriebenes Gesetz, der codex vitae junger urbaner Menschen. Solche Regeln haben in Freiburg noch nie interessiert. Die geschätzt 250 Männer und Frauen, die meisten von ihnen zwischen 18 und 30 Jahre alt, tragen, was sie zuhause auch tragen würden. Oder wenn man mit den besten Freunden auf dem Balkon oder an der Dreisam abhängt. Das Spiegelzelt ist die verlängerte Wohlfühlzone.

Track-Check

Man sagt, dass wahrhaft Erleuchtete die Fähigkeit zu schweben haben. Quasi außerkörperlich zu gehen. Ry X, aufgewachsen in einer Hippie-Familie an der Küste des australischen Bundesstaats New South Wales, ist ein Erleuchteter der Folktronica. Seine leicht raue Stimme schwebt über dem Klangteppich, fein gewebt aus E-Piano-Akkorden, Synthesizerflächen und Drums. Die fließenden Klangentwicklungen schaffen eine gedankliche Verbindung zu den Elementen Luft und Wasser.

Was dem Yogi eine Matte ist, ist für @ryxhart ein Synthesizerteppich. Beide schweben drüber. #zmffreiburg #whatthefreiburg #latergram

Ein Beitrag geteilt von Bernhard Amelung (@emotional_content) am 17. Jul 2017 um 23:07 Uhr



Diese ziehen sich wie ein Leitmotiv auch durch seine Songs, die Cuming seit 2013 als Ry X veröffentlicht und im Frühjahr 2016 auf dem Album "Dawn" zusammen gefasst hat. "We let love be like water to wine", singt er zum Beispiel in "Salt". Und "Shortline", mit dem er sein Konzert im Spiegelzelt eröffnet, beginnt mit den Worten "Rushing water". Cuming, der selbst akustische und E-Gitarre spielt, setzt auch seine Stimme wie ein Instrument ein. Er raunt und murmelt, dunkel und melancholisch. Er haucht und wispert. Glasklar und zerbrechlich wirkt dann seine Stimme, die sich aus der Tiefe heraus in falsettartige Höhen entwickelt.

Eine minimale Musik, die Elemente des Folk, Pop und der elektronischen Musik in sich trägt, unterstreicht die hypnotische Wirkung. Die einfachen Akkorde verändern sich kaum. Die Drumloops kreisen in abgesteckten Bahnen. Ein Soundtrack zum Hinübergleiten in einen Traum, in dem man das Geschehen trotzdem konkret erlebt. Das handelt von Liebe, Lust, Leidenschaft, aber auch den Schattenseiten dieser Gefühle. Am Ende aber obsiegt das Gute, wie er auch in "Salt" mantraartig besingt: "We let love be the fire divine."

"I've been awake for deliverance". Thank you @ryxhart #whatthefreiburg #zmffreiburg #latergram

Ein Beitrag geteilt von Bernhard Amelung (@emotional_content) am 18. Jul 2017 um 3:45 Uhr



Hypnosemoment I

Ry X schafft von Anfang an ein raum- und zeitloses Kontinuum. "Wo sind wir hier? Ist heute Montag? Ist heute Dienstag?", fragt er, nachdem er das Publikum kurz begrüßt hat. "Schön, bei euch zu sein, ihr seid wunderschöne Menschen", sagt er.

Hypnosemoment II

Ry X ist ein spiritueller Mensch. Er zieht Energie auch aus der Verbindung mit seinem Publikum. Diese möchte er im Spiegelzelt auch mit einer kurzen Meditation herstellen. "Habt ihr an einem Montagabend schon einmal auf einem Konzert meditiert?", fragt er und sagt: "Lasst uns die Augen schließen. Dreißig Sekunden an nichts denken. Nur atmen." "Fill our lungs" singt er ja auch in "Shortline". Luft. Das andere Element. So steigert er noch einmal die Tiefenentspannung, mit der er sein Publikum in den Sommerabend entlässt.

Pauschalurteil

Klavier- und Gitarrenakkorde plus Synthesizerflächen plus ganz viel Hall. Für Folktronica-Songs braucht es eigentlich nicht viel – außer einen Musiker wie Ry X, der dieses Superformel elegant umsetzt.

Mehr zum Thema: