Was ging bei … Motorama im Slow Club?

Simon Langemann

Treffen drei schüchterne Jungs, die einfach nur ihre Lieder spielen wollen, auf einen ausverkauften Slow Club. Wie das Konzert von Motorama am Freitag war, weiß fudder-Autor Simon Langemann.

Der Act

Motorama, eine russische Indie-Band aus Rostow am Don. 2005 gegründet, vier Alben veröffentlicht, den ein oder anderen Untergrund-Hit gelandet, derzeit zu dritt unterwegs. Spielen Post-Punk und Wave Pop. "Kalt" und "kühl" sind gern genutzte Attribute bei der Umschreibung ihres Sounds.

Die Crowd

... passt diesmal nicht ganz in den für maximal 100 Menschen vorgesehenen Slow Club. 40 Tickets gingen im Plattenladen Flight 13 per Vorverkauf über die Theke, die restlichen 60 sind am Abend innerhalb von einer halben Stunde ausverkauft. Der Rest der Schlange muss leider den Heimweg antreten oder weiterziehen.

Die Stage

Besonders auffällig und skurril: Mit Ausnahme der Musiker ist alles auf der Bühne klein. Während andere Bands ein ganzes Gitarren-Arsenal durch’s Land transportieren, teilen sich Sänger Vlad Parshin sein Nebenmann Maxim Polivanov eine schlanke E-Gitarre, eine Mini-Akustikgitarre und einen Bass mit extrakleinem Korpus.

Schlagzeuger Oleg Chernov hat seine Bassdrum Zuhause gelassen, ein sparsames Kick-Pad tut’s auch. Und eine Person, die im Motorama-Sound durchaus prominenten Synthesizer live spielt, spart man sich dieser Tage gleich ganz. Entweder hat das Budget auf dieser Tour nur für einen Kleinwagen gereicht – oder die drei Bandmitglieder leiden an chronischen Rückenschmerzen.

Die Show

Kennt noch jemand die Band Antitainment? Diese geniale Wortschöpfung (eigentlich ein Wunder, dass da vorher niemand draufkam) stünde der Motorama-Show als Genre bestens zu Gesicht. Doch auch deren Name skizziert das Geschehen ganz gut: Die drei verschrobenen Russen rattern ihr Set herunter, als gälte es möglichst wenig Zeit zu verlieren und Blicke zu treffen. Keine Mimik, keine Gestik, keine Ansagen, keine Mitklatschaktionen – nichts. Nur gelegentliche Gesichtsverrenkungen, wenn es die gesangliche Tonlage erfordert.

Und nach 80 Minuten ein dann doch überschwänglich dahingenuscheltes Dankeschön, bevor Motorama ohne Zugabe das Weite suchen. "Welch Soziopathen!", könnte man sich echauffieren. Doch eigentlich ist diese Band der geniale Gegenentwurf zu all den sich anbiedernden Quasselstrippen auf den Bühnen dieses Landes: drei schüchterne Jungs, die einfach nur ihre Lieder spielen wollen.

Sekundenschlaf

Vielleicht wollen sie aber auch genau diesen vermeiden – der Plan geht auf: Wer Motoramas maschinenartig unterfüttertem Sound mit Hang zur Monotonie generell zugeneigt ist, der erlebt an diesem Abend keine Sekunde der Langeweile.

Fail

Na ja, mancher wird sich vielleicht darüber mokieren, dass Motorama die überbordenden Rufe nach einer Zugabe am Ende einfach ignorieren. Aber letztlich ist das in ihrem Kontext nur konsequent.

Geil

Neben der erfrischend sonderbaren Performance: die eigenartigen Vintage-Filme, die im Hintergrund ablaufen. Und der finale Part von "Lottery", in dem die drei so sehr aus ihrer Haut fahren wie nie.

Kassensturz

15 Euro die Abendkasse, 2,50 das Flaschenbier.

Der Schwitzfaktor

... ist im ausverkauften Slow Club durchaus beachtlich. Und getanzt wird natürlich auch. Ganz vorne teils sogar so ausladend punkig, dass man sich in der ersten Reihe konstant von den Fäusten seines Hintermannes massieren lassen kann.

Pauschalurteil

"Letztes Mal war mehr Joy Division, heute war mehr The Cure", kommentiert ein Fachmann in der Diskussionsrunde vorm Club den gewachsenen Melodie-Anteil bei Motorama. Jedenfalls: toll war’s!