Was ging bei … Martin Schulz auf dem Platz der Alten Synagoge?

Eyüp Ertan

Erst Schulz, dann Merkel. Innerhalb von drei Tagen sprechen beide Kanzlerkandidaten in Freiburg. Den Anfang machte heute Martin Schulz von der SPD. Mit seiner Rede auf dem Platz der Alten Synagoge konnte er mehr überzeugen als beim TV-Duell.

Martin Schulz

Wahlkampfauftritt Nr. I: Vor dem Auftritt von Bundeskanzlerin Angela Merkel durfte SPD-Kandidat Martin Schulz vorlegen - und gleichzeitig die erste Großveranstaltung auf dem Platz der alten Synagoge abhalten. In 45 Minuten konnte er viele Themen präsentieren, hatte den ein oder andere Witz parat und vor allem den Wettergott auf seiner Seite.

Die Rede

War gut. Schulz schafft es - im Gegensatz zum TV-Duell vor zwei Wochen - seine Themen zu präsentierten, zu zeigen, wofür er steht und was er verändern will. Spitzbübisch echauffiert er sich über den Wahlkampf, "ich muss mein Thema präsentieren, und das von Frau Merkel, weil die macht das ja nicht." Freute sich am Anfang darüber, die erste Großveranstaltung auf dem Platz der alten Synagoge zugesprochen zu haben, nennt das kollektive Erinnern ein "Vermächtnis an die Nation."

Schulz hangelt sich anschließend durch sein Wahlprogramm: Die Rentenpolitik zieht beim Freiburger Publikum nicht, die Ehe für alle schon. "Deutschland geht es gut, aber nicht allen Deutschen geht es gut" - das kennt man schon vom TV-Duell (Zitat Martin Schulz: "Diese Begegnung mit Frau Merkel in Anwesenheit von ein paar Journalisten"). Bezahlbare Wohnung für alle, Kitaplätze, "gute Ausrüstung statt Aufrüstung" und Kritik an der AfD - mit all diesen Punkten schafft es Martin Schulz, das Freiburger Publikum für sich zu gewinnen.

Das Publikum

Braucht etwas, um mit Martin Schulz mitzugehen. Klar, immer wieder gibt es Applaus von den schätzungsweise 4.500 Anwesenden für den SPD-Kanzlerkandidaten. So richtig mitreißen lässt es sich aber erst nach einer knappen halben Stunde, dann erst gibt es frenetischen Szenenapplaus. Auf dem vollen Platz der alten Synagoge ist alterstechnisch alles vertreten, von Kleinkindern bis hin zu der Generation, die sich eher für die Rentenpolitik interessiert. Zwischenrufe gibt es kaum welche, wenn dann nur, um etwa die AfD auszubuhen.

Der Lacher des Tages

Martin Schulz zählt die Beschreibungen auf, die er über sich gelesen hat. "Hat ne Glatze, sieht aus wie ein Eisenbahnschaffner, wie ein Sparkassenangestellter, hat einen Bart" - die Liste ist lang. Schulz fragt ins Publikum: "Wissen sie was? Das geht mir am… (das Publikum fängt an zu lachen)…es ist mir gleichgültig", beendet er seinen Satz mit einem Lacher. Die folgende Passage wird seitens des Publikums mit Szenenapplaus quittiert, man spürt: Das Eis zwischen den Freiburgern und dem Buchhändler aus Würselen ist jetzt endgültig gebrochen.

Das Wetter

Spielte freundlicherweise mit. Empfängt Martin Schulz mit strahlend schönem Sonnenschein, wartet mit dem Regen, bis der SPD-Politiker mit seiner Rede pünktlich um 14.45 Uhr fertig ist. Wenn schon der Wettergott auf Seiten Schulz’ ist, steht einer Kanzlerschaft wohl nichts mehr im Wege.

Fazit

Martin Schulz gelingt in Freiburg die Mischung aus Kampfrede und Überzeugen-mit-Argumenten. Gleichzeitig verpasst er es nicht, mit Humor und dem ein oder anderen flotten Spruch das Publikum zum Lachen bringen. Er stellt dar, was in Deutschland mit ihm als Kanzler anders sein wird, gibt den Zuhörern eine Vorstellung dessen, was genau "soziale Gerechtigkeit" für ihn bedeutet. Die zu Freiburg passende Themenwahl überwindet das anfängliche Fremdeln des Publikums. Alles in allem ein solider bis guter Wahlkampfauftritt.

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