Was ging bei...Konstantin Wecker auf dem ZMF?

Carolin Buchheim

Er ist Stammgast: Zum fünften Mal war Konstantin Wecker am Montagabend beim Zelt-Musik-Festival. Dort wurde der 70-Jährige von der ersten Minute an gefeiert – für Poesie, Songs und politische Parolen.

Die Crowd

Das Zelt ist bist auf den letzten Stuhl ausverkauft. Die Best Ager der Stadt, gealterte Hausbesetzer und linke Anwälte sind gekommen. Man trägt lockere Leinenkleidung und Sandalen, es ist ja schließlich warm im Zelt. ZMF-Profis erkennt man an den mitgebrachten Fächern – alle anderen behelfen sich, indem sie sich mit ihrem Ticket bewedeln.

Der erste Eindruck

Dieses Publikum muss Konstantin Wecker sich nicht erst erspielen, nein. Als der 70-Jährige in ausgeblichener Jeans, hellgrauem Hemd, Regenbogenkettle und den Spuren südbadischer Sonne auf der Nase auf die Bühne kommt, wird so enthusiastisch geklatscht, als wäre der Gig schon vorbei. Gut schaut er aus – aber ganz schön weißhaarig ist er geworden. Also los!

Track-Check

Es ist nicht unbedingt ein Greatest-Hits-Abend, den der Liedermacher präsentiert, sondern eine eigenwillige Kombination aus Poesie, Liedgut, Lesung. Wecker startet mit dem Mission -Statement-Song"Leben im Leben" in den Abend: "Ich sing für alle, die mit mir noch auf der Suche sind/
nach einer Welt, die es vielleicht nie geben kann/
die kein Gemälde sein wolln, sondern immer Skizze sind/und unvollendet enden, irgendwann/für die Verrückten und für alle die daneben stehn/auch für die Leisen, die man meistens übersieht/die ohne Mehrheit bleiben, ausgegrenzt und unbequem/
für die Vergessenen im letzten Glied."

Seine Band mit Pianist Jo Barnikel hat sehr viel Bock auf alles, aber trägt manchmal mit reichlich viel Streichern doch ein bisschen dick auf – das haben die Songs eigentlich gar nicht nötig. Dafür entschuldigt Wecker sich dann auch gleich selbst: "Wecker du bist viel zu pathetisch! Aber Pathos ist Leidenschaft und Kunst muss Leidenschaftlich sein!" Immerhin kann Puccinis "Nessum Dorma" den wummernden Bass aus dem Nachbarzelt übertönen. Groß sind Wecker und Band, als sie den Blues raushängen lassen – und wenn Wecker sich selbst ans Klavier setzt. Hängen bleibt seine wunderbare Interpretation von Lucio Dallas "Caruso". Was für ein Hit. Überhaupt: So viel Gefühl, in allem.

Schwitzfaktor

Hoch, sehr hoch. Wecker:"Letztens hat mich mal jemand gefragt ’Konstantin, warum schwitzt Du nicht mehr so wie früher?’ Heute Abend ist es mal wieder so wie früher, aber aus anderen Gründen, als in den 90ern."

In der Pause

Kurz raus aus dem Zelt, auf ein Viertele Glottertäler Wein und ein heruntergestürztes Nullfünfer-Wasser. "Nur anständige Leute heute hier!", sagt ein gealterter Gewerkschafter zu einer gealterten Gewerkschafterin vor dem Zelt. "Schön!"

Fail

Nur das eigene Deo. Als Wecker anregt, doch mal den Sitznachbarn zu umarmen ("Nicht nur beim Kirchentag, das geht auch beim Wecker-Konzert!") ist das ganz kurz unangenehm.

Geil

Dass Kultur politisch sein kann, merkt man ja nur noch bei wenigen Musikern. Wenn einer seine Haltung dann so raushängen lässt, wie Wecker, ist das – selbst, wenn man weiß, dass er so ist und die Welt ähnlich sieht wie er – zuerst überraschend irritierend, aber dann letztendlich ermutigend und beruhigend.

Das Freiburger Publikum war genau für dieses Gefühl gekommen und hatte diese Gemeinschaft offensichtlich nötig. Im Herzen sind sie alle noch Revoluzzer, immer wieder gibt’s Zwischenrufe und -applaus. Zum Beispiel für Textzeilen wie: "Einen einzigen, großen Wunsch hätte ich noch/da seid mit mir bitte konform: egal was sie dir versprechen, mein Kind/trag nie eine Uniform."

Kommentar eines Konzertbegleiters: "Als bei ’Sage nein’ alle so hochgeschnellt sind, hatt’ ich Angst, dass die zwei weißhaarigen Mütter vor uns als erste aufspringen, wenn er zur Plünderung des Flammkuchen-Stands aufrufen würde."

Und ja, das gesamte Zelt hat wirklich zusammen gesungen: "Lasst uns jetzt zusammen stehen/ es bleibt nicht mehr so viel Zeit/ lasst uns lieben und besiegen/ wir den Hass durch Zärtlichkeit." Zärtlichkeit! Diese Revolution will ich auch!

Die besten Sätze

  • "Mein Vater hat meine Lebensweise mal mein ’saudummes Rollenspiel als Möchtegernmacho’ genannt."
  • "Es gibt so ein paar Bilder, die würde ich gerne löschen. Wie ich im bodenlangen Nerzmandel durch München lief und mich freute, dass ich als Zuhälter durchging."
  • "Poesie ist Widerstand, etwas zu Ende interpretieren ist ein Fehler."

Kassensturz

Tickets gab’s für 39,60, 51,10 und 62,60 Euro – dafür gab’s rund drei Stunden Konzertwohlgefühl. Das Regenbogenkettchen, das Konstantin Wecker trug, gab’s für 10 Euro am Merchandise-Stand – es sah so aus, als ob am Ende alle weg gewesen seien. Zum Glück gibt’s sie auch im Internet – und sie dienen auch noch einem guten Zweck!

Pauschalurteil

Ein Konzert, nach dem alles ein bisschen besser ist. Nachdem man darüber nachdenkt, wie verdammt radikal eigentlich Pazifismus ist und sich fragt, was man eigentlich selbst tut, "um zu tun, und nicht um zu gewinnen". Und darüber, wie toll es ist, das ausgerechnet Musik sowas mit einem machen kann – wie irre ist das bitte? Danke, Herr Wecker.

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