Was ging bei … Kadavar auf dem ZMF?

Simon Langemann

Über den Riffs der drei langhaarigen Berliner von Kadavar schwebt nicht nur der Geist von Black Sabbath und Led Zeppelin, sie umgibt auch ein Hauch Psychedelic und die trockene Härte des Stoner Rock. Was ging bei Kadavar im ZMF-Spiegelzelt?

Die Musik

Auf den ersten Blick spielen Kadavar so schnörkellosen Hard Rock, dass man sich fast wundert, warum man nicht intuitiv gelangweilt das Weite sucht. Irgendwas ist anders, fesselnder, faszinierender, vielleicht auch klüger, in jedem Fall aber eigenartiger. Über den Riffs der drei langhaarigen Berliner schwebt nicht nur der Geist von Black Sabbath und Led Zeppelin, sie umgibt auch ein Hauch Psychedelic und die trockene Härte des Stoner Rock. Nur eines spielt hier ganz bewusst keine Rolle: der Sound des 21. Jahrhunderts.

Die Location

Hundert Meter weiter spielt Dieter Thomas Kuhn sein erstes von zwei ZMF-Konzerten, das finden offenbar auch Kadavar skurril. Doch davon mal abgesehen: Es lässt sich an diesem Abend kaum ein Ort erdenken, der dem Retro-Rock des Trios besser stünde als das Spiegelzelt mit seinem hölzernen Interieur und den bunten, fast Kirchenfenster-haften Scheiben, durch die sich von rechts die Abendsonne bricht.




Die Crowd

Die erste Kadavar-Platte erschien beim geschmackssicheren Münsteraner Indie-Label "This Charming Man Records" neben Bands wie Messer und Die Nerven, die beiden darauffolgenden Alben beim Donzdorfer Metal-Giganten "Nuclear Blast".

Eine Art Analogie zur Zusammensetzung der Hörerschaft: Hier treffen sich Alternative-affine Szenemenschen – und natürlich die gängigen Rock-Fans und Headbanger mit Shirts von Guns’N’Roses, Black Sabbath, Iron Maiden, Whitesnake, System Of A Down, Korn, Heaven Shall Burn, Wacken, ... Camp David und SC Freiburg.

Die Stage

Die drei Mitglieder tragen die Bühnennamen "Lupus" Lindemann (Gesang, Gitarre), "Dragon" Bouteloup (Bass) und "Tiger" Bartelt (Drums). Und der Sänger eröffnet seine erste Ansage doch tatsächlich mit den Worten: "Habt ihr Bock auf bisschen Rock?" Es ist angenehm offensichtlich: Kadavar geben sich wenig mühe, prätentiös oder cool zu sein.

Geil

Denn genau das sind sie selbstverständlich trotzdem – von Natur aus. Vielleicht liegt es an ihrem völlig aus der Zeit gefallenen Äußeren, den beeindruckenden Bärten. Vielleicht aber auch an der glaubwürdigen Nostalgie, die der Musik innewohnt.

Fail

Ein Konzertbesuch im Zelt bei 30 Grad, das fühlt sich bei aller Schönheit schlichtweg verkehrt an.

Track-Check

Erst 2010 gegründet schöpfen Kadavar für ihre Setlist aus mittlerweile drei Platten. In Erinnerung bleiben vor allem "Doomsday Machine" vom 2013er-Album "Abra Kadavar", "The Old Man" mit seiner gnadenlos eingängigen, beschwörerischen Gitarrenmelodie und das als großes Finale dienende Beatles-Cover "Helter Skelter".

Kassensturz

Stolze 25 Euro im Vorverkauf, 3,20 Euro bis 4,00 Euro das Bier – alles eher unstudentische Preise.

Sprit-Check

Ein klassischer Bier-Abend. Die Wahl besteht zwischen Bilger Stümple aus der Flasche und Fürstenberg aus dem Plastikbecher.

Schwitzfaktor

Was soll man sagen? Es war in etwa so heiß und stickig wie man es sich vorgestellt hatte. Nur Vereinzelte lassen gelegentlich ihre Mähne wirbeln, ansonsten heißt es Kräfte sparen. Erst als sich das Ende abzeichnet, bekommt einer von ihnen doch noch Lust auf Stagediving.

Sekundenschlaf

Zwischendurch heißt es demnach frische Luft schnappen und sich kurz vors Zelt setzen. Und da setzen dann doch Müdigkeit und die Gewissheit ein, dass 90 Minuten Konzert sich ab einer gewissen Luftfeuchtigkeit ganz schön lang anfühlen können.

Pauschalurteil

An Kadavar lag das aber mitnichten. Ihren leidenschaftlich performten Vintage-Rock darf man guten Gewissens als eines der künstlerischen Glanzlichter des eher drögen ZMF-Line-Ups bezeichnen.

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