Was ging bei…K.I.Z. in der Sick-Arena?

Laura Wolfert

Die Fans randalieren, krakeelen und werfen Strumpfhosen auf die Bühne. Grund dafür ist unter anderem ein Freiburger Bobbele. Die deutsche HipHop-Band K.I.Z. hat am Samstag die Sick-Arena zerlegt – blutüberströmt.

Die Fahrt zum Konzert

Am Freiburger Hauptbahnhof fallen Schneeflocken sanft auf den Boden, ein Pärchen verabschiedet sich liebevoll, küsst sich – und Jugendliche brüllen "Boom, boom, boom, ich bring euch alle um". Sie quetschen sich in die Linie 4, kreischen Songtexte von K.I.Z und nippen an ihrer Bierflasche.

Ein älterer Herr mit selbstgestrickter Wollmütze runzelt die Stirn. "Kein Essen und Trinken in der Straßenbahn. Das ist verboten", sagt er und stupst das Mädchen neben ihm an. "Freiburg braucht mehr Vorbilder!". Wenn er bloß wüsste, dass die Bahninsassen auf Grund eines Freiburger Bobbeles so in Rage sind: Bandmitglied Tarek würde nämlich 1986 in Freiburg geboren.

Doch Bobbele hin oder her: Als an der Eschholzstraße die nächste Meute einsteigt, schüttelt der Herr verzweifelt den Kopf. "Ich will raus", sagt er. "Jetzt!"

Die Stage

Die Fans pressen sich mit ihren verschwitzten Oberarmen in der Sick-Arena in Richtung erste Reihe. Ihr Bier schwappt über, der Qualm ihrer Kippe brennt in den Augen. An den Sohlen der Turnschuhe kleben gefälschte Deutsche-Mark-Geldscheine auf denen die die Rapper Maxim, Nico und Tarek abgebildet sind.

Die Bühne ist in rotes Licht gehüllt. Vier Statuen, die die vier Band-Mitglieder in dreifacher Körpergröße repräsentieren, stehen vor einer Wand

(Fotogalerie). Auf ihr sind zerstörte Wolkenkratzer abgebildet. In der Mitte der Bühne prangt ein Panzer, auf ihm thront DJ Craft.

Eine Melodie für Kleinkinder erklingt, im Hintergrund lacht ein Baby. Dann wechselt die fröhliche Musik in einen düsteren, tiefen Ton. Das Baby lacht nicht mehr, es weint. Es schreit. Es kreischt. Der düstere Ton schallt durch den Saal. Aus Holz ist der Schritt einer Frau nachgestellt, die ihre Beine weit spreizt, rote High-Heels und schwarze Strapse trägt.

Aus ihr gebärdet sich ein rot verschmierter Kopf: Maxim kraxelt aus einem Loch zwischen den Beinen hervor. Seine Augen sind weit aufgerissen. Er stützt sich an den Schenkel ab und zieht sich eigenhändig aus dem Schritt. Er trägt lediglich eine Windel. Sein Körper ist mit Blut überströmt. Rote Farbe tropft von seinem Gesicht auf den Boden. "Ich wuchs auf in kuschliger Wärme, meine Nachbarn waren Mamas Gedärme", rappt Maxim.

Die Show

Die ausgefallene Performance des Songs "Käfigbett" ist aber nicht das einzige Spektakel des Konzerts. Die schwarz gekleideten Rapper hängen während des Songs "Wir" aufrecht an Seilen in der Luft. "Ihr seid alles, wird sind nichts", grölt das Publikum. K.I.Z blicken herablassend auf die Zuschauer und rappen "Fans wollen ein Bild von mir machen – aber sie dürfen sich kein Bild von mir machen".

Die Show ist eine Sensation und ein Skandal gleichermaßen. Als Rapper Nico auffordert, beim sogenannten "Schweigepogo" sanft seine Mitmenschen zu schubsen, plätschert das Pils auf die Füße. Die Zuschauer schwanken zur Seite und rempeln ihre Mitmenschen an. Bei "Geld" flattern Deutsche-Mark-Scheine aus Papier von der Decke, nach denen die Fans gierig greifen. Bei "Spasst" schießen Glitter-Schnipsel aus Kanonen und bei "Abteilungsleiter der Liebe" stehen K.I.Z in Mitten der Zuschauer hinter einem Pult und verkünden, dass "große Macht auch viel Verantwortung mit sich bringe".

Die Crowd

Auf den Jacken, Caps, Pullovern und Shirts der Fans steht K.I.Z geschrieben – oder es ist das zweideutige Band-Logo, der "Notenständer", aufgedruckt. Sie werfen Strumpfhosen auf die Bühne, hüpfen, randalieren, krakeelen. Sie haben ein Lachen im Gesicht, strecken ihren Arm in Richtung der Rapper und tragen sich gegenseitig auf den Schultern.

Sprit-Check

Vor dem Eingang wird die Plastikflasche mit Wodka-Lemon – halb-halb – gekippt, das Desperados geext und die Zigarette auf dem Boden ausgedrückt. Kaum sind die Fans im Warmen, rennen sie direkt zum Bierstand: "Drei Pils, bitte".

Track-Check

Hauptsächlich werden die Lieder aus ihrem neusten Album "Hurra die Welt geht unter" gespielt, aber auch ältere Songs wie "Urlaub fürs Gehirn" sind Teil des Repertoires.

Zugabe

Eine Leinwand verdeckt den hinteren Teil der Bühne. Auf ihr ist eine Rauchwolke abgebildet, aus der sich die Köpfe von K.I.Z abbilden. Tarek, Maxim und Nico schlendern, nachdem sie sich eigentlich verabschiedet hatten, wieder zurück auf die Bühne. Sie haben sich einen schwarzen Bademantel umgeworfen und ein Handtuch über die Schulter gelegt.

Die Melodie von "We are the World – USA for Africa" schallt durch die Anlage. Doch statt "Let’s start giving" singen die Rapper "Du Huresohn, Ihr Hurensöhne" – und die ganze Crowd macht es ihnen gleich. Sie zücken ihr Feuerzeug, schwingen ihre Arme nach rechts und links und singen aus vollem Halse immer wieder den gleichen Text – als wäre es das normalste der Welt.

Pauschalurteil

Wer die Texte von K.I.Z kennt, hätte ahnen können, dass die Show so bizarr wird. 35 Euro für so ein Spektakel ist allerdings mehr als fair – die Musik und die Art der Performance ist hingegen Geschmackssache.