Was ging bei... Hubert von Goisern im Zirkuszelt?

Alicja Schindler

Schnops, Liadl und ein bisschen Amerika. Hubert von Goisern spielte am Mittwochabend im Zirkuszelt. Fudder-Autorin Alicja Schindler mischte sich unters Alpenvolk und ließ sich außer der Essenz des Schnapses, die Essenz des Alpenrocks erklären:



Die Crowd

Leichter als zu beschreiben, wer zu diesem Konzert gekommen ist, wäre wohl zu beschreiben, wer eben nicht kam. Es kamen nicht die, die Alpenmusik hören. Auch keine Rocker. Und bestimmt keine Punker.

Zum Hubert von Goisern Konzert kamen die "dazwischen". Daneben fielen auf: Frauen mittleren Alters mit langen, offenen Haaren und abgewetzten Chucks an den Füßen, eine Gruppe von Männern, die überall verteilt im Zirkuszelt die Kollektion eines aufstrebenden Jungdesigners ausführen wollte, wobei alle zum gleichen karierten Hemd griffen, sowie eine dieser Gruppe verwandte Sorte von Mann, die selbst aussieht wie Hubert von Goisern.

Die Stage

Groß, schlank, schwarze Haare. So steht er aufrecht auf der Bühne. Hubert von Goisern empfängt seine Zuhörer mit dem tiefen Klang des Alphorns, der das Zirkuszelt vollkommen ausfüllt und alle Menschen im Kreisrund mit einschließt. Was für ein Instrument. Bis ein Mann mit breiten Kopfhörern um den Hals und verschmitztem Grinsen im Gesicht die Bühne betritt und das meterlange Wunderding an einen unbekannten Ort bringt.

Er wird zum Hüter und Überbringer der Schatzkiste. Immer wieder kommt er wie der Weihnachtsmann vom linken Bühnenrand mit einem neuen funkelnden Instrument in der Hand. Goisern schnallt sich die wahlweise rot, weiß oder schwarz glänzende Ziehharmonika um und umgreift sie jedes Mal, als sei sie eigentlich schon immer da gewesen – da vorne, an seinem Bauch. Das, was bei seinen Zuhörern das zärtlich umfasste Bier vorm Bauch ist, ist bei Goisern die Ziehharmonika.

Als Goisern bei der Zugabe zum ersten Mal am E-Piano sitzt, fragt man sich, ob der Weihnachtsmann ihm nicht besser die Klaviatur so hätte hinstellen sollen, dass er sie mit beiden Händen von links und rechts greifen kann, statt so unnatürlich von oben herab.

Fail

À propos "von oben herab": Passend zum Titel seines neuen Albums "Federn" hat sich irgendjemand ausgedacht, dass es doch schön wäre die hintere Bühnenwand ab und zu pinkfarben auszuleuchten und darauf in Dauerschleife ein paar weiße Federn vom imaginären Zirkushimmel runter segeln zu lassen.

Während die Federn also müde segeln, wackeln auch die meisten Besucher nur unter möglichst wenig Körpereinsatz mit dem linken Fuß. Als Goisern sich zu einem, im Vergleich zu den ruhigeren Nummern eher seltenen, schnellen und lauten "Liadl" hinreißen lässt und sich schwungvoll der Menge zudreht, packt es die Lady mit dem Kurzhaarschnitt und der lila geblümten Bluse. Sie reißt ihre Arme in die Luft, macht zwei unkoordinierte Schritte nach vorn, wedelt alphorntrunken mit den Händen in der stehenden Zirkuszeltluft, um mit diesen dann verantwortungsbewusst im selben Zuge eine Fliege wegzuscheuchen.

Geil

Und sie lebt doch. Die Menge lebt! Sie tanzen und grölen. Insgeheim sind alle nur wegen "Brenna tuat's guat" gekommen.



Die Musik

Hubert von Goisern spielt nicht, er "spült". Das ist wichtig, wenn man aus Oberösterreich kommt. "Ich war nämlich in Amerika", erzählt Goisern während einer Verschnaufpause. Dort habe er den Blues spielen gelernt. Und auch wenn der "Schnops" in Amerika nicht mal ansatzweise so nach der "Essenz der Frucht" schmeckt wie bei ihm zuhause: "In Louisiana und in den Alpen spült man an sich dasselbe."

Dass der Blues und Goisern sich gefunden haben, merkt man, wenn er das schwere Instrument um seinen Bauch vergisst, sich immer näher ans Mikro presst und dann einmal nach ganz oben, nach unten in die tiefsten Tiefen, rein und raus, kratzig und dann wieder butterweich nur mit seiner Stimme improvisiert. Da arbeiten sich die Laute von amerikanischen Anklängen zu österreichischen Nasallauten, klebt das Gehauchte am Geschrienen, vergisst auch der Zuhörer das Bier auf dem Bauch, bleibt still stehen und fragt sich: Jodelt oder bluest der?

Fazit

Hubert von Goisern ist der sympathischste Jodler, den man sich vorstellen kann. Und eben weil er keine Alpenmusik macht und keine Lederhosen trägt, keinen Rock spielt und seine E-Gitarre trotzdem streichelt, kommt er am Ende, genauso wie bei seinen Weltreisen, doch immer dahin zurück, wo er hergekommen ist. Nämlich zum Alphorn, mit dem er beim letzten Stück jeden Zuhörer im Zirkuszelt zu einem kleinen Wiesenhügel im Alpenzelt erklärt.

Das war kitschig – allerdings war ich das der pinkfarbenen Bühne mit den hinab schwebenden Federn einfach schuldig.

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Foto-Galerie: Patrick Seeger

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