Was ging bei... Esther Bejarano im United World College?

Bernhard Amelung

Einst hat ihr eine Lüge im Vernichtungslager Auschwitz das Leben gerettet. Heute tourt Esther Bejarano, 91, durch Deutschland und berichtet vom Grauen des NS-Regimes. Am Mittwoch war sie zu Gast im United World College in Freiburg. Wie's war:



Der erste Eindruck

Esther Bejarano lacht. Wenn sie lacht, sammeln sich kleine Fältchen um ihre Augen. 91 Jahre alt ist sie, 1924 hineingeboren in die Weimarer Republik. Aufrecht sitzt sie an dem Tisch im Auditorium des United World College. Vor ihr liegen ein Notizbuch, ihr Manuskript, aus dem sie später vorlesen wird, und eine Lesebrille.

"Wie kann ich den Menschen vergeben, die meine Eltern umgebracht haben", sagte sie unlängst in einem Interview. Die Härte ihrer Worte kann man ihr kaum verdenken. Mit 16 kommt sie in ein Zwangsarbeitslager, mit 18 wird sie in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verbracht. 1941 ermorden die Nazis ihre Eltern. Das allerdings erfährt sie erst Jahre später. Dass sie die dunkelsten Stunden der deutschen Geschichte am eigenen Körper erfahren, dass sie solche seelischen Verletzungen ertragen musste, sieht man ihr nicht an. Sie wirkt friedvoll und mild. Eine große, eine würdevolle Frau.

Das Publikum

Ein Kerl mit Kapuzenpullover rennt über das Parkett des Auditoriums. "What happens in Berlin, stays in Berlin". So der Aufdruck auf dem Pullover. Ein anderer trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift "antifascista siempre". Mädels rennen barfuß durch den Raum. Sie machen Selfies, snapchatten, lachen. Zwischen die Schülerinnen und Schüler des Unites World College mischen sich zahlreiche Besucher aus der Stadt. Auch Gäste aus der Schweiz und Luxemburg sind an diesem Abend anwesend. Das verraten die Kennzeichen der Autos, die auf dem Gästeparkplatz stehen.

Esther Bejarano folgt ihren Bewegungen aufmerksam. Sie scheint aus der Unbeschwertheit und Lockerheit, mit der die vornehmlich jugendlichen Gäste das Auditorium betreten, Kraft zu ziehen; Jugendlichkeit, Unbeschwertheit, Güter, die ihr die Nazis geraubt hatten.

Die Lesung

April 1945. Das Konzentrationslager Ravensbrück wird geräumt. Esther Bejarano und sechs ihrer Freundinnen werden auf einen Todesmarsch durch Brandenburg und Mecklenburg geschickt. Wer strauchelt, stolpert, hinfällt, wird von den Soldatinnen und Soldaten der SS erschossen. Irgendwann ereilt die Todeskolonne die Nachricht, dass keine Häftlinge mehr erschossen werden sollen. Bejarano und ihre Freundinnen fliehen heimlich, eine nach der anderen. Sie kommen in die Kleinstadt Lübz, verstecken sich, werden Tage später von US-amerikanischen Soldaten befreit. Wieder Tage später treffen Soldaten der Roten Armee in Lübz ein. US-Amerikaner und Russen fallen sich in die Arme, feiern die Befreiung - und verbrennen auf dem Marktplatz ein großes Bild von Adolf Hitler. Hitler, Chiffre für das Böse an sich, verbrennt. "Das war meine zweite Geburt", sagt Esther Bejarano.

Zuvor hat Bejarano ihr Publikum mitgenommen in das Leben der Arbeits- und Vernichtungslager Ravensbrück und Auschwitz-Birkenau; sofern man das Dasein in diesen Orten überhaupt noch als Leben bezeichnen kann. Bejarano (und mit ihr Millionen Menschen) mussten sich ausziehen. Sie wurden von SS-Ärzten untersucht. Bejarano begegnete Josef Mengele, der an der Rampe von Auschwitz die ankommenden Menschen in zwei Kategorien eingeteilt hat. Ein Blick oder eine Geste von ihm nach links bedeuteten Gaskammer. Ein Blick oder eine Geste nach rechts bedeuteten Weiterleben. Tinder des Todes. Nach rechts zu gehen, war kein Schritt ins Leben. "Niemand wusste, wann er der Willkür der KZ-Aufseher zum Opfer fiel oder an Krankheiten und Entkräftung starb", sagt Bejarano.

Eine Lüge hat ihr das Leben gerettet. Sie gab vor, Akkordeon spielen zu können und kam in das Mädchenorchester des Lagers. "Die rechte Hand war kein Problem, denn die Tastatur ist wie beim Klavier. Doch von den Bässen auf der linken Hand musste ich mir mühsam herleiten", erzählt sie. Sowieso Musik. Jiddische Volkslieder, französische Chansons, deutsche Schlager, Werke klassischer Komponisten prägten die Tochter des Oberkantors der jüdischen Gemeinde in Saarbrücken. "Die Musik konnten mir die Faschisten nicht nehmen."

Das Konzert

Italienische Partisanenlieder, jiddische Volkslieder, Auszüge französischer Chansons, vermengt mit Auszügen deutscher Schlager und den Rapzeilen von Kutlu Yurtseven - Esther Bejarano zeigt zusammen mit dem Mitglied der Kölner Rapformation Microphone Mafia ein großes Repertoire. Es ist eine musikalische Reise in ihre Vergangenheit. Gleichzeitig beweist sie ein offenes Kulturverständnis, das über ein gesellschaftliches Gruppen- und Schichtendenken hinaus reicht. "Sie hat mich, den Türken, als Enkel adoptiert", sagt Yurtseven. "Eingeenkelt", nennt der Rapper der 1989 in Köln gegründeten Band diesen Vorgang. Er witzelt weiter. "Das heißt auch, das Joram (Esther Bejaranos Sohn, d. Red.) mein Vater ist. Wenn ich nicht brav bin, wird er mich entsohnen."

Apropos Witz: Mit zahlreichen Anekdoten führen Kutlu Yurtseven und Esther Bejarano durch den zweiten Teil des Abends. "Einmal sangen wir ein Lied auf Kölsch. Danach kam eine Frau zu mir, Tränen in den Augen. Sie dachte, wir sangen jiddisch und war tief berührt", sagt Bejarano und lacht. Sie betont mehrmals, wie wichtig Lachen und Singen sei. "Es verbindet Menschen."

Satz des Abends

"Dass ich heute hier sein und meine Erinnerungen teilen kann, ist meine Rache an den Nazis."

Fazit

  Angesichts des Grauens, das Esther Bejarano erfahren hat, kann man nur still werden und schweigen. Bald werden wir diese unvorstellbaren Grausamkeiten, die das NS-Regime Millionen Menschen angetan hat, nur noch aus den Geschichtsbüchern kennen. Umso wichtiger wird das lebendige Erinnern an diese Zeit, auf dass Auschwitz nie wieder sei.

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[Foto: Esther Bejarano / Ingo Schneider]