Was ging bei ... Die Heiterkeit im Slow Club?

Alexander Ochs

Wer die Band Die Heiterkeit kennt, weiß: Es wird alles andere als heiter bei einem Konzert der wahrscheinlich selbstironisch so getauften Combo. Wie es war...

Die Crowd

Wo man auch hinblickt: Junge Menschen. Also, sie sind jünger als sonst bei Konzerten im Slow Club der Fall ist. Hier sind heute die U-30er zu Hause. Apropos Crowd: Geraucht wurde auch, manchmal roch es leicht süßlich.

Die Show

Im Grunde genommen ist das Wort "Show" eine vollkommen falsche Kategorie für einen Auftritt der vierköpfigen Combo. Ein dezent feierlicher, geplant düsterer und sehr schwerwiegender Ernst lastet auf den Schultern der vorne aufgereihten Frauenriege: links Sonja Deffner am Keyboard, mittig Sängerin und Songschreiberin Stella Sommer mit ihrer Fender Jazzmaster, rechts Bassistin Hanitra Wagner. Hinten am Schlagzeug werkelt Philipp Wulf, der auch bei Messer die Drumsticks schwingt.

Was auffällt: Alle vier sind merklich zugeknöpft; die Palette reicht vom hochgeschlossenen Rundhals über zweimal Rolli bis zum geschlossenen Hemdkragen. Eine formale Strenge, die auch ihrem Werk und ihrem Wirken auf der Bühne zu eigen ist.

Die Mucke

Wer mit Die Heiterkeit feucht-fröhliche Partyexzesse verbindet oder locker-flockige Unterhaltung erwartet, liegt komplett falsch. Die früher drei, heute vier Musiker, phasenweise gehypet (beim Debüt 2010, wenn auch in ganz anderer Besetzung, und beim dritten Longplayer im letzten Sommer), haben sich einem kühlen, sakral angehauchten Pop verschrieben, den sie in ostentativer Langeweile durchgehend stoisch darbieten. Während Philipp Wulf mit angezogener Handbremse drummt, tun sich die saitenschwingenden Ladies vorne schwer und haben immer wieder mit ihren Instrumenten zu kämpfen. Mal ist die Kälte schuld, mal die schlechte Nacht oder das falsche Essen.

Im Prinzip erinnert die Herangehensweise an die dilettantisch geprägte Schreddelzeit der frühen Tocos. Nur fehlt die Spielfreude und Slogantauglichkeit der damals frischen Hamburger Schulanfänger. Die Heiterkeit wandeln auf dem schmalen Grat zwischen Ernst und Ennui, zwischen Bürde und Boredom. Und Stella Sommer singt ihre wenig heiteren Lieder monoton mit Nico-hafter Grabesstimme.

Track-Check

1. Die Kälte
2. Betrüge mich gut
3. Weiße Elster
4. Alles ist so neu
5. Panama City
6. Pop + Tod
7. Schlechte Vibes im Universum
8. Im Zwiespalt
9. Alle Menschen
10. Vergessen
11. Dünnes Eis
12. Das Ende der Nacht
13. Komm mich besuchen
14. Kapitän
Zugaben
15. Pauken und Trompeten
16. The End

Fail

Missgestimmte Saiteninstrumente, wiederholte Liedanfänge und der Drumstick, der Philipp Wulf gleich bei den ersten Takten aus der Hand flutscht. Immerhin fängt er ihn reaktionsschnell wieder auf.

Geil

Schönster O-Ton des Abends: "Mach ma" die Bassdrum runter, die knackt wie Sau." (Drummer zum Mischer) Zweitbester Satz: ""Schlechte Vibes im Universum" – das passt ja gut hier." (Stella Sommer)

Flirtalarm

Wie bitte? Falsche Frage. In der verräucherten Luft liegt eine seltsame Spannung, die sich bis zur bleiernen Lähmung steigert. Bloß keine Emotionen riskieren.

Kassensturz

12 Euro für vier Hoffnungsträger des deutschsprachigen Indiepoptums – das geht in Ordnung. Schön, dass sie überhaupt hier Station machen und 70 Minuten spielen.

Pauschalurteil

Keine Jubelarien, kein Abgehen, kein Tanzen. Es wurde vielstimmig gesungen, es wurde viel gestimmt, und es hat auch viel gestimmt. Die Heiterkeit – der Name steht für ein Konzerterlebnis der etwas anderen, unterkühlten Art. Aber durchaus interessant. Um es mit einem Songtitel zu sagen: Im Zwiespalt.