Was ging bei... der Lesung von Ninia LaGrande im Haus 037?

Phil Hensel

Die Autorin, Slam Poetin und Moderatorin Ninia LaGrande war im Haus 037 für eine Lesung zu Gast. Ihre witzigen, mal ernsten Alltagsgeschichten sind ein starkes Plädoyer für Vielfalt und Akzeptanz.

Impulse für Inklusion. So heißt die Veranstaltungsreihe der städtischen Behindertenbeauftragten, die die Hannoveranerin Ninia LaGrande für eine Lesung nach Freiburg geholt hatte. Und in der Tat hat La Grande mit mal witzigen, mal ernsten Geschichten aus ihrem Alltag ein starkes Plädoyer für Vielfalt und Akzeptanz gehalten.


Wie findet man Witz in nervigen Kommentaren der Anderen?

Ninia LaGrande hat eine Körpergröße von 1,40m und gilt im medizinischen Sinne somit als kleinwüchsig. Dieser Umstand an sich wäre im Jahr 2017 nicht weiter erwähnenswert. Die Reaktionen der Menschen auf diesen Umstand sind es nach wie vor. Und sie kommen in den unterschiedlichsten Situationen, sei es beim Bahnfahren oder beim Arztbesuch ("Ach, huch, Ihre Gebärmutter ist ja ganz klein!!"). Ninia La Grande hat all diese Geschichten zu Papier gebracht und in dem Buch "... und ganz, ganz viele Doofe!" vereint.

Ninia LaGrande erzählt nicht nur über sich. Auch die Welt da draußen mit ihren absurden gesellschaftlichen Konventionen kommentiert sie süffisant. Warum werden schwangere Frauen eigentlich als Allgemeingut betrachtet? Und warum haben Väter, die ihrem Baby einfach nur die Spucke wegwischen, Superheldenstatus?

Ninia LaGrande liest im voll besetzten Haus 037, dem Stadtteilzentrum im Vauban. Das Publikum ist dabei so vielfältig wie die Geschichten, von denen sie erzählt. Menschen aus dem Quartier, viele Studierende, bekannte Gesichter aus der Inklusionsszene.

Eine Veranstaltung, bei der endlich mal alles richtig gemacht wird

Einiges ist besonders an diesem Abend. Der Veranstaltungssaal ist über Aufzug barrierefrei zu erreichen, ein WC für Rollstuhlfahrer vorhanden. Das kennt man. Was recht neu ist: Für Menschen mit einer Hörbehinderung gibt es eine induktive Höranlage und die Lesung wird simultan in Gebärdensprache gehalten. Zwei Dolmetscherinnen sitzen dazu neben der Autorin, haben die Texte vor sich und gebärden in einer so ausdrucksstarken Art und Weise, dass man sich als Hörender von dem entstehenden Gesamteindruck mitreißen lässt und nebenbei noch ein paar Gebärdenskills erlernt. Gerne mehr davon, liebe Freiburger Kulturverantwortliche!



Die besonderen Momente des Abends passieren unmittelbar nach dem letzten Satz einer Geschichte. Und davon gibt es bei Ninia LaGrande viele. Man kann das eben Gehörte noch nicht so richtig einordnen, fühlt sich aber im selben Moment an all die Situationen aus dem eigenen Leben erinnert, in denen man von anderen ebenfalls belehrt, beurteilt und beschämt wurde. Dann ist es kurz ganz still und eine Gefühlsmischung aus Fassungslosigkeit, Ergriffenheit, aber auch tiefer Freude im Publikum zu spüren. Das Klatschen drückt dann nicht nur den Beifall für die tollen Texte von Ninia aus, sondern bedeutet auch, dass wir für einen Moment lang eins werden in dem Wissen, dass man eine Verantwortung hat, sich jeder Form von Diskriminierung bewusst entgegenzusetzen!

Nach 90 Minuten und einer Zugabe verabschiedet sich Ninia LaGrande vom Freiburger Publikum. Dieser Abend hat wahrlich Impulse gesetzt.
Mehr Ninia LaGrande:
  • Ninia LaGrandes Buch "... und ganz, ganz viele Doofe!" ist 2014 im Blaulicht Verlag erschienen.