Was ging bei … der Lesung von Josefine Rieks im Jos-Fritz-Café?

Carla Bihl

Am Samstag las Josefine Rieks im Jos-Fritz-Café aus ihrem Debütroman Serverland vor. Darin zeichnet sie ein Welt, in der die Menschen ohne Internet leben.

Die Handlung

Reiner aus Berlin, Zusteller bei der Deutschen Post, privat Nerd und Tüftler, gelangt in den Besitz eines Macbook Air, für ihn das Non plus ultra, Zeugnis einer geschichtlichen Blütezeit. Die alten Serverhallen von Google in den Niederlanden werden für ihn und seine stetig wachsende Anhängerschaft zum Serverland. Eine Untergrundbewegung entsteht. Revolutionsgetrieben muss der Protagonist jedoch letztlich die Ungleichheit seiner Gruppe begreifen. Desillusioniert von der Heterogenität der Ziele der Bewegung muss die Re-Digitalisierung warten. Reiner fährt zurück nach Berlin.

Das Thema Internet

Kennt ihr noch das Internet? Kaum zu glauben, dass da mal was war, die Möglichkeit Informationen in sekundenschnelle abzurufen. Millionenfach geteiltes Wissen, Musik, Videos. Aber wahrscheinlich, weil Menschen ja bekanntlich mit Macht nicht umgehen können oder wegen zu enormen Reizüberfluss, oder weil eben, wird das Internet abgeschaltet. Per Referendum mutiert die vernetzte Welt in den späten 20er Jahren back to the roots. Die Debatte um the wire, um pro und kontra wird unbedeutend. Das world wide web ist worldwide weg. Das Internet gibt es schon lange nicht mehr. Und wie einst der Griff zu verbotenen Rauschmitteln, hat schließlich auch das Netz seinen Reiz.

Die Lesung

21.30 Uhr. Das Café ist gut besucht, die Plätze größtenteils belegt. Eine hagere Frau mit lockereren Jeans, zugeknöpftem Hemd, getönter Hornbrille und Kurzhaar-Zottelfriese tritt nach vorne. Es ist, die in Berlin lebende Autorin Josefine Rieks. Prototyp Geisteswissenschaften, Erscheinungsform Tendenz alternativ. Publikum auch. Sie liest mit ruhiger Stimme. Ab und zu hält sie inne, schenkt sich Wasser nach, trinkt, liest weiter. Nach etwa 55 Minuten endet die Lesung. Oder doch nicht? Alle schon geklatscht. Erste stehen auf, dann folgen noch zwei Sätze der Autorin. Verwirrung. Dann aber wirklich. "Danke" sagt Rieks grinsend, steht auf, läuft durch die Menge und dreht sich eine Zigarette. 22.30 Uhr ist die Lesung dann nun wirklich vorbei.

Die Autorin

Rieks, geboren 1988 in Höxter in Nordrhein-Westfalen, studierte Philosophie. Vor der Veröffentlichung ihres ersten Romans Serverland dieses Jahr war sie als Drehbuchautorin für den No-Budget-Film U3000 – Tod einer Indieband tätig. Außerdem erhielt sie 2017 das Alfred-Döblin-Stipendium.

Kritik

Es wäre ein Fehler in dem Buch Antworten auf Fragen finden zu wollen, die die kurze Beschreibung zu suggerieren versucht. So bleibt "Serverland" irgendwo doch nur ein Roman. Weshalb gab es dieses Referendum zur Abschaffung des Internets? Wie hat sich das Leben der Menschen dadurch verändert? Wie ist die Welt jetzt, in der sie leben? Und vor allem: Ist ein Leben ohne Internet überhaupt noch möglich?

Leben ohne Internet?

fudder traf sich in diesem Zusammenhang mit dem Medienkulturwissenschaftler Dr. Harald Hillgärtner vom Institut für Medienkulturwissenschaft Freiburg. Er glaubt, dass ein Leben ohne Internet noch möglich wäre: "Letztlich befinden wir uns noch in einer Transitionsphase. Diese alten Infrastrukturen sind noch vorhanden. Würde man das Internet ausschalten, müsste man natürlich ein Stückweit Infrastruktur neu schaffen oder reintegrieren."

Aber auch er gibt zu, dass das anders sein könnte, gäbe es keine Generationen mehr, die auch ohne das Internet aufgewachsen sind: "Nicht, dass es grundsätzlich unmöglich wäre, aber es sind eben noch Infrastrukturen existent, die es möglicherweise in zehn oder sogar zwanzig Jahren nicht mehr gibt." Die Auflösung der Infrastrukturen beginne bereits jetzt, wie beispielsweise mit der Umstellung des Fernsehens von Kabel auf digital, so Hillgärtner. Medien würden natürlich auch unsere Wahrnehmung, unsere Gebrauchsweisen oder unsere alltäglichen Vollzüge massiv modifizieren, so der Medienkulturwissenschaftler. Ebenso würden bei der Abschaffung des Internets viele Kosten verursacht und sich viele Gewohnheiten ändern aber, so denkt er, würde die Gesellschaft ein Stück weit noch relativ so funktionieren, wie sie jetzt funktioniert.