Was ging bei... der Basler Museumsnacht?

Claudia Förster Ribet

Wenn "Nachts im Museum" Realität wird: Von Freitagabend bis Samstagmorgen flanierten 33.000 Besucher durch die hochkarätigen Basler Kunsthallen und Museen. So war's bei der diesjährigen Museumsnacht in Basel.

Die Spots

36 Museen stemmten die rund 200 Programmpunkte der diesjährigen Museumsnacht. Mit dabei waren Hochkaräter wie das Antikenmuseum, die Kunsthalle Basel und die Fondation Beyeler, die Werke von Picasso ausstellte. Selbst das Basler Münster und die Barfüsserkirche wurde zu extravaganten Ausstellungssälen für Kunst und Mode zweckentfremdet.

Grotesk und ein bisschen schaurig mutete dagegen der gefließte Gewölbekeller des Anatomischen Instituts an, wo die Wände von stählernen Kühlschränken unterbrochen wurden, über deren Inhalt man lieber nicht nachdenken wollte. Ein Großteil der Museen versteckte sich zwar zwischen Altstadtbauten rund um das Münster, doch für einen Blick auf luxuriöse Designersessel, die es sonst nur in der UB Freiburg zu bestaunen gibt, fuhr manch ein Besucher sogar bis ins deutsche Weil am Rhein, wo Vitra seine neuesten Innovationen ausstellte.

Ein etwas geheimerer, aber dafür umso schönerer Spot war das Shuttle-Schiff, das mit dem Museumspass wie auch die Busse gratis war. Im sanften Schein der Lichterketten am Schiffsbug sitzen, sich von A nach B fließen lassen und dabei die Basler Altstadt vom Rhein aus bewundern - allein dafür hätte sich die Anreise zur Museumsnacht gelohnt.

Die Crowd

Schweizer Deutsch, Badisch und Französisch vermischten sich in den Museen zu einem internationalen Stimmengewirr. Bis weit über die Grenzen des Dreiländerecks hinaus schien die Anziehungskraft des Schweizer Kulturgroßformats gewirkt zu haben, immerhin zählte das Event mit 33.000 so viele Besucher wie noch nie. Auch bei den Freiburger Studis stand die Museumsnacht in der Abendplanung ganz weit oben auf der Liste. "Hey, du auch hier?" tönte es immer wieder zwischen Ausstellungsstücken oder in den Shuttle-Bussen, wenn Kommilitonen oder Bibliotheks-Bekanntschaften aus Freiburg aufeinander trafen. Bemerkenswert: Auch zu später Stunde waren noch viele Kinder mit ihren Eltern unterwegs und zeigten insbesondere bei der Interpretation Picassos kubistischer Kunst einen scharfen Blick.

Das Ambiente

Locker, fröhlich und voller Wissensdurst - so könnte man die Stimmung bei der Museumsnacht beschreiben. Schon im Zug von Freiburg nach Basel stieg bei den Studis die Vorfreude: In einem Abteil wurde nach der täglichen Lernsession noch gevespert, nebenan eifrig Zeitpläne geschmiedet. Dass sich auch die jungen Menschen von heute für Kunst und Kultur interessieren, dürfte spätestens angesichts des kollektiven Stroms vom Bahnhof Richtung Innenstadt klar gewesen sein.

Freudig wahrgenommen wurden von den Besuchern vor allem interaktive Workshops, Führungen durch Kunstausstellungen und Vorträge: Der universitäre Anatomiehörsaal war beim Vortrag "Tatort Fahrersitz - was Rechtsmedizin mit Verkehrsunfällen zu tun hat" bis auf den letzten Platz besetzt, und beim Vortrag über Erotik in der Antike drängten sich die Besucher zwischen etruskische Skulpturen, um einen winzigen Blick auf die antiken Sexszenen zu werfen.

Fail

Die Basler Museumsnacht ist ja nun wirklich kein Novum. Für eigene Planungen dürften die Veranstalter also über relativ präzise Prognosen der Besucherzahlen verfügen. Und in Freiburg wird nur eine limitierte Anzahl an Tickets verkauft. Will heißen: Schon lange vorher hätte klar sein müssen, wie viele Freiburger zur Museumsnacht anfahren - und logischerweise auf einen Rücktransport angewiesen sind.

Dass mit einem nächtlichen Sonderzug geworben wird, der die Freiburger bequem nach Hause bringen soll, ist eine Frechheit: Das Gedränge im Regionalexpress war so infernal, dass bei einer Panik oder selbst einem kleineren Problem kein Mensch durch die Gänge nach draußen hätte gelangen können. Dass der Zugfahrer mehrmals per Durchsage androhte, die Fahrt aufgrund der Überfüllung nicht fortzuführen, hob die Laune der Eingequetschten auch nicht gerade. Nicht gerade ein schöner Abschluss für eine ansonsten so schöne Nacht. Liebe Deutsche Bahn: Könnt ihr nächstes Mal nicht vorher prüfen, wie viele Tickets verkauft wurden, und die Anzahl der Züge oder zumindest der Waggons daran anpassen?

Geil

Im wahrsten Sinne des Wortes: Erotik war in der Kunst wohl schon seit Tausenden Jahren ein beliebtes Thema - daraus wurde auch bei der Museumsnacht kein Hehl gemacht. Welch wilde Sexfantasien Picasso selbst mit 88 Jahren noch auf die Leinwand brachte und warum der vertikal gemalte Mund mit gefletschten Zähnen in einem seiner surrealistischen Bilder "Vagina dentata", also bezahnte Vagina, genannt wird, konnte man in der Fondation Beyeler erfahren.

Auf besonders großes Interesse stieß auch der Vortrag "Mitternachtsfantasien: Derb-Erotisches aus der Antike" von Thomas Lochmann im Antikenmuseum. So offen ging der Kurator der Abteilung Griechenland und Rom mit der Blöße und Sexualität in der Antike um und so derb waren die auf Weinkrügen und Vasen festgehaltenen Szenen, dass der Vortrag explizit als "nicht jugendfrei" markiert wurde. Dass die alten Griechen und Etrusker vor zweitausend Jahren bereits viel offener mit Homosexualität, Sexspielzeug und Prostitution umgingen als die heutige Gesellschaft, waren nur einige der erstaunlichen Erkenntnisse über Erotik und Sexualität vergangener Kulturen. Chapeau, dass diese so schambehafteten Themen vor einer so großen Öffentlichkeit erörtert wurden!

Kassensturz

Günstiger geht’s nicht! Mit dem Museumsnacht-Ticket konnten Besucher den Nahverkehr in der Region sowie die extra für die Museumsnacht konzipierten Shuttlellinien kostenlos nutzen. Jugendliche und junge Erwachsene unter 26 bekamen auch den Museumsnacht-Pass umsonst. Angesichts der immensen Eintrittspreise, die die Museen normalerweise verlangen, also ein einmaliges Angebot.

Pauschalurteil

Bis auf das Rückfahrt-Desaster war auch die diesjährige Museumsnacht ein Kulturevent der Extraklasse, perfekt auf die verschiedensten Interessen der internationalen Besucher gemünzt. Egal ob Kunst gucken im Speedformat oder gemütlichem Flanieren durch die Ausstellungen - gerade für junge Menschen lohnt sich die Basler Museumsnacht.

Mehr zum Thema: