Kandidierenden-Grillen

Was ging bei... dem Roast zur Freiburger Kommunalwahl im E-Werk?

Valentin Heneka

Als das "jungpolitische Ereignis des Jahres 2019" pries das Info-Bündnis We Talk Freiburg sein Kandidierenden-Grillen zur Kommunalwahl Ende Mai an, satirische Sticheleien und bitter-süße Bissigkeiten inklusive. Hält das Format was es verspricht?

Das Moderations-Duo

Maria-Xenia "Maxi" Hardt, Anglistik-Doktorandin an der Uni Freiburg und Robert Wolf, Moderator bei Baden-FM und Uni-FM, stehen am Mittwochabend vor einer Mammutaufgabe: Sie halten 32 mitunter redefreudige Kandidierende sowie das Publikum in Schach, das mit dem Ausbuhen warten soll, bis Erstgenannte ausgesprochen haben. Insgesamt machen sie dabei einen hochprofessionellen Eindruck, harmonieren gut miteinander und steigern durch charmant-schnippische Kommentare den Unterhaltungswert.

Das Eis brechen sie, indem sie aufzählen, was die jeweiligen Listen zu einer Grillparty mitbringen würden: die CDU eine Bratwurst, die SPD einen billigen Fertig-Kartoffelsalat, die Freiburger Grünen ein Veggie-Schnitzel, das schnell schwarz werden könne, wenn man nicht aufpasse und so weiter. Unterstützt wird die Moderation von einer etwas parteiischen Regie, die Wortmeldungen von CDU, Freie Wähler oder Freiburg Lebenswert eher mit dem Geräuschen einer Toilettenspülung unterlegt, als die von Junges Freiburg, Urbanes Freiburg oder der Grünen Alternative.

Die Kandidierenden

Bei den Freiburger Kommunalwahlen am 26. Mai treten insgesamt 18 Listen an, 17 von ihnen waren im E-Werk vertreten – alle mit Ausnahme der AfD. "Das Orga-Plenum hat abgestimmt und entschieden, die AfD nicht einzuladen", erklärt Moderator Robert. "Denn hier geht es um ein Fest der Demokratie und die AfD ist eher dafür bekannt, dass sie demokratische Prozesse stört, als dass sie zu ihnen beiträgt".



Die meisten anwesenden Listen werden durch ihre Spitzenkandidatinnen und -kandidaten vertreten, manche sind durch ihre Hauptberufe oder den Wahlkampf an anderer Stelle eingespannt. Auf der Bühne sitzen letztlich 32 Kandidierende, die mit überdimensionierten Namensschildern um den Hals aussehen, als stünden sie am Pranger.

Die Fragen

Der Roast wird von diversen Vereinen und Organisationen veranstaltet, darunter das Artik, der Stadtjugendring, der Freiburger Schülerrat, die Refugee Law Clinic, die Fachschaft Politik der Uni und die Verfasste Studierendenschaft der Pädagogischen Hochschule. Neben dem Moderations-Duo stellen Mitglieder der Organisationen den Kandidierenden Fragen: Was machen die Kandidierenden, um die Freiburger Klimaziele zu erreichen? Was, wenn ihr Nachbarhaus besetzt würde? Wie machen sie feministische Politik? Die Fragen sind grob unterteilt in vier Themenblöcke, um sie zu beantworten, haben die Kandidierenden nur wenige Sekunden Zeit. Darüber wacht ein eingeblendeter Countdown.

Die Crowd

Wie bereits bei der ersten Grillveranstaltung von We Talk Freiburg anlässlich der OB-Wahl 2018 ist es voll. Im Saal des E-Werks bekommt einen Sitzplatz, wer früh da ist, Eintritt kostet die Veranstaltung nicht. Das Publikum ist durchmischt mit Tendenz zu jüngeren und junggebliebenen Menschen und wirkt motiviert: Zustimmung oder Ablehnung signalisiert es wie die Kandidierenden auf der Bühne mit roten und grünen Karten, Applaus, Gejohle und diversen unterhaltsamen Zwischenrufen.

Das Sexismuskonfetti

Dass Seximuskonfetti da sei, erwähnt Moderatorin Maxi zu Beginn des Abends eher beiläufig. Im weiteren Verlauf trifft es auf Karl-Heinz Krawczyk (Freiburg Lebenswert) besonders hart: "Ich verstehe nicht, was Frauen mit dem [Themenblock] Stadtbild zu tun haben", sagt der Listendritte und kassiert dafür die erste Ladung. Die Zweite folgt wenige Sekunden später, als er die vergleichsweise geringe Beteiligung von Frauen in der Kommunalpolitik auf die Frauen selbst zurückführt.

Als es eng wird auf den Plätzen in der Bühnenmitte, legt Johannes Bockstaller (Die Partei) die Arme um die Frauen zu seiner Linken und Rechten, Moderatorin Maxi und Petra Zimmermann (Freie Wähler). Während Zimmermann die Avance erwidert und Bockstaller am Knöchel streichelt, wird dieser aus dem Hintergrund mit Sexismuskonfetti beworfen.

Highlights

Im Kampf um die Gemeinderatssitze lassen sich die Kandidierenden vor dem jungen Publikum im E-Werk zu Aussagen hinreißen, die sie vor Wirtschaftsverbänden oder in den Tuniseegemeinden vielleicht nicht getroffen hätten. Alle befragten Kandidierenden, darunter auch die CDU, sind für die Abschaffung der Sperrstunde und wollen Jugendbeteiligung und Clubkultur fördern.



Manche jüngere Kandidierenden nehmen das den Älteren nicht ab, Sebastian Müller (Liste für Teilhabe und Inklusion) etwa hält es für unglaubwürdig, wenn sich die Kulturliste um Atai Keller mit dem höchsten Altersdurchschnitt im Gemeinderat an die Jugend anbiedere. Auch Johannes Bockstaller und Sebastian Türemis (beide Die Partei), die sich auf der Bühne plakativ volllaufen lassen, platzt irgendwann der Kragen: Franco Orlando (Bürger für Freiburg) und sein Wahlklientel ("Gutverdienende Dieselfahrer mit E-Bikes") bekommen ebenso ihr Fett weg, wie alle, die sich in der Vergangenheit nicht für mehr Skateparks in Freiburg eingesetzt haben.

Fails

Wenn über zwei Dutzend Menschen für wenige Sekunden ein rotes oder grünes Schild hochhalten, um eine Entscheidungsfrage zu beantworten und gleich danach die nächste Frage kommt, bleibt wenig Zeit, um Positionen zu vergleichen. Auch weniger Wohlfühl-Fragen ("Was ist Ihr liebstes badisches Wort?") und weniger Toleranz für rhetorische Ausweichmanöver, die teilweise auch von ehrenamtlichen Kommunalpolitikerinnen und -politikern ganz gut beherrscht werden, hätten dem Roast noch mehr Würze gegeben.

Allerdings ist das Jammern auf hohem Niveau: Die Durchführung der Veranstaltung mit derart vielen Beteiligten ist eine organisatorische Herausforderung, welche Orga-Team, Moderations-Duo und Regie mit Bravour meistern – zumal überwiegend auf ehrenamtlicher Basis.

Fazit

Zugegeben: Gut durch wurde niemand gegrillt. Mitunter merkt man den Kandidierenden zwar an, dass sie gerade lieber woanders wären, manche müssen auch zugeben, von einem Sachverhalt keine Ahnung zu haben. Zu wirklich überraschenden Aussagen und Zugeständnissen werden die Kandidierenden aber nicht genötigt, dazu ist das Format zu unverbindlich und das Tempo zu schnell.

Dafür liefert der Roast abendfüllende Unterhaltung in Verbindung mit kommunalpolitischer Information. Die ersetzt zwar keine tiefergehende Auseinandersetzung mit den antretenden Listen, weckt dafür aber Interesse an der Stadtpolitik und Lust auf Beteiligung. Das wiederum ist nichts weniger als das erklärte Ziel des Bündnisses We Talk Freiburg. Schade, dass nach dem 26. Mai keine weiteren Wahlen auf Freiburger Ebene anstehen, welche mit einem Roast begleitet werden könnten.