Was ging bei... David Guetta in Colmar?

Bernhard Amelung

Rasante Videoclips, zuckende Laser, überdrehte Synthesizer und der fette Bassdrop: Electronic Dance Music, kurz EDM, ist ein großes Spektakel. Ob auch DJ-Superstar David Guetta bei der Foire aux Vins in Colmar so abgeliefert und was Rosamunde Pilcher damit zu tun hat?



Der erste Eindruck

Die Konzerte auf der Colmarer Wein- und Musikmesse "Foire aux Vins" gehören zu den angenehmsten Veranstaltungen überhaupt. Wo sonst kann man vor Konzertbeginn so richtig deftig schlemmen? Ein Crémant d’Alsace Blanc de Noirs zum Aperitiv, ein Glas Silvaner gegen den ärgsten Durst, zwei, drei "Gewurztraminerla", ein krosses Baguette mit Rindertatar - und es kann losgehen. Entsprechend weinselig ausgelassen betreten die ersten Gäste das Amphitheater auf dem Messegelände.  

Das Publikum

 
Laure und Héloise, beide 15, stehen am Eingang des Amphitheaters. Sie kruschteln in ihren Handtaschen, greifen zu einem Lipliner und ziehen die Konturen ihrer zu einem Kussmund geschminkten Lippen nach. Sie kommen aus Mulhouse. David Guetta in Colmar ist ihr erstes großes Konzert. Sie kennen ihn von YouTube, Streamingdiensten wie Spotify und der französischen Fernsehwerbung, für die der Disc Jockey und Produzent seine Songs gerne mal her gibt. Er ist ein Popstar, nicht nur in Frankreich.

Etwas abseits steht ihre Mutter Elena, 45. "Den Guetta" hat sie Mitte der Neunziger Jahre bereits erlebt, in Clubs auf Ibiza, "als man noch zu ihm in die DJ-Kanzel klettern konnte", erzählt sie. Das sei heute nicht mehr so. Sie und ihre Töchter stehen beispielhaft für das Publikum an diesem Sonntagabend. Elektronische Musik ist schon lange keine Jugendkultur mehr.

Ihrer Anziehungskraft erliegt auch die schon etwas gesetztere Generation, die "einfach mal abrocken und eine gute Show erleben" wollen. Wie Thibaut, 54, der unter der Woche bei einer staatlichen Behörde in Colmar arbeitet.



Die Musik und Show

Auf der Hauptleinwand, die hinter David Guettas DJ-Kanzel meterhoch aufragt, erscheint eine Revolvertrommel, im Pop-Art Comic-Stil der Sechziger Jahre gezeichnet. Eine Hand, die scheinbar aus dem Nirgendwo kommt, füllt sie mit Patronen und schliesst sie. Die Hand gehört einer Frau, die aufreizend enge Kleidung trägt und ihre mandelförmigen Augen zusammenkneift. Sie hebt die Hand und richtet die Mündung auf ihr Ziel, einen Mann im Cowboy-Look. Dieser zieht seinen Revolver. High noon. Stunde der Entscheidung. Wer drückt schneller ab? Im Hintergrund dazu erklingen Akkorde einer Akustikgitarre. Das Motiv: “Bang Bang (My Baby Shot Me Down)”, 1966 von Sonny und Cher veröffentlicht, weltbekannt geworden in der Coverversion von Nancy Sinatra aus dem Jahr 1967.

"Bang, bang", haucht eine Stimme. "Bang, bang" schreit das Publikum. Zeitgleich löst sich auf der Leinwand ein Schuss. Die Kugel rast über die Leinwände, von einer Seite des Amphitheaters zur anderen. Synthesizerklänge türmen sich auf, brechen über dem Publikum herein. Bässe stampfen. Drums donnern. Ihr Rhythmus übernimmt das Kommando über den Herzschlag. Blitze zucken. Laserstrahlen flirren durch die Luft. Für den Bruchteil einer Sekunde wird es dunkel. Dann taucht die Frau mit den Mandelaugen und dem Revolver wieder auf. Es scheint, als ob sie sich von der Leinwand löst und auf das Publikum zurennt. Das schreit "bang, bang", und wieder zucken Blitze. Die Bässe stampfen.



So geht es zwei Stunden, ganz gleich, ob David Guetta seinen Sinatra-Remake "Shot Me Down", seine Zusammenarbeit mit dem US-Rapper Akon ("Play Hard"), seinen mit R’n’B-Star Nicki Minaj zusammen produzierten Song "Hey Mama" spielt oder seine Remixe von Daft Punk-Stücken wie "Harder Better Faster Stronger". Ein 120 Minuten langer Hochgeschwindigkeits-Videoclip. Darin rast unter anderem auch eine Frau, gekleidet im Babydoll-Stil, Treppen hoch und runter. Mit der Zeit nehmen diese menschliche Gestalt an. Sie rast über Finger und Handrücken den Arm hinab. Sie brettert über Bauchmuskeln und verschwindet schließlich im Schambereich eines Mannes.

Synthesizer schwellen an. Bass raus, Bass rein. Der Drop. Das Bild löst sich mit einem explosionsartigen Knall auf. Aus den Bruchstücken formen sich Wörter wie "sex", "love", "lust", "party". Liebe, Lust, Sex, Party. Das sind die Themen, um die sich David Guettas Songs drehen. Laure und Héloise, die beiden 15-jährigen Mädels, stechen mit den Fingern in die Luft. "Bang, bang", schreien sie.    

Typisch Guetta

 
So perfekt inszeniert die Bühnenshow von David Guetta ist, so vorhersehbar ist bisweilen ihr Protagonist, um die herum sie konzipiert ist. Wie ein Roman von Rosamunde Pilcher. Der 47 Jahre alte Franzose spielt mit vier Gesten und Posen, die sich wie ein Leitmotiv durch seine Auftritte ziehen.

Mal breitet er seine Arme wie Vogelschwingen aus, zum Abheben bereit. Dann wieder reckt er sie in die Luft und dreht die Handflächen zu seinem Publikum. Je nach Song formt er aus Daumen und Zeigefinger ein Herz oder er ballt die Finger zur Faust und spreizt Zeigefinger und kleinen Finger ab. Vogel-, Jesus-, Herz- und Rockergesten. Schon nach kurzer Zeit weiß man, wann welche Geste zum Einsatz kommt. Songs mit Schlüsselwörtern "Love" bekommen das Herz, Songs mit Schlüsselwörtern "Party" den "Rocker". Und so weiter.

"Ich liebe euch", "Ich bin der Auserwählte", "Ich rocke den Laden": Das will er damit sagen. Naheliegend, dass er sich am Ende des Konzerts mit Kusshand verabschiedet.



Satz des Abends

"Colmar, faites du bruit". Mach Lärm, Colmar! Das lässt sich das Publikum nicht zweimal sagen.

 

Fazit

 
Rasante Videoclips, Stroboskopblitze, laute Musik, Lametta, Glitzerkonfetti, Pyroshow und Trockeneisnebel: Ein Auftritt von David Guetta ist wie Kindergeburtstag und Teenie-Disko - in Übergröße. Eine Stärke-Skala muss dafür erst noch definiert werden. Die Frage, ob der Franzose tatsächlich noch auflegt oder eine vorproduzierte Show abliefert, tritt hinter das Spektakel zurück. Das Publikum interessiert sich erst Recht nicht dafür.



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[Fotos: Benoit Facchi (1, 3)/ Bernhard Amelung (2)]