Was ging bei... Charles Bradley auf dem ZMF

Matthias Cromm

Charles Bradley, der "Screaming Eagle Of Soul", hat sich auch ausserhalb der Soul-Afficionados einen Namen gemacht. Am Donnerstag trat er beim ZMF auf.

Die Erwartung

Charles Bradley, Jahrgang 1948, nahm seine erste Platte erst 2011 auf. Die Gnade seiner späten Karriere verdankt der "Screaming Eagle Of Soul" sowohl seinem Talent als auch dem Erfolg des Labels Daptone Records. Die Retro-Soul Bewegung des kleinen Indies aus Brooklyn hat Charles Bradley im Fahrwasser ihres Vorzeigestars Sharon Jones auf die grosse Bühne geholt. Mit seinem aktuellen Album "Changes" hat sich Charles Bradley auch ausserhalb der Soul-Afficionados einen Namen gemacht.



Die Crowd

In der Schlange vor dem ausverkauften Spiegelzelt stehen viele bekannte Gesichter - diverse Kneipiers und Trainer, einige Konzertveranstalter, die bekannten Gesichter aus dem Nachtleben von beiden Seiten der Theke, enthusiastische Konzertgänger und Musikliebhaber, Musiker verschiedenster Couleur, diverse lokale DJs, Kollegen aus Funk und Schrift – Fachpublikum ebenso wie durchschnittliche Radiohörer und ZMF-Gänger. Viele suchen noch Karten, viele unterhalten sich über die Großartigkeit der aktuelle Platte. Es liegt eine hohe Erwartung in der Luft.

Show-Check

Der Einstieg ist klassisch Soul, in Abwesenheit des Stars spielt die Tourband ein Instrumental-Intro. Zu Gitarre, Bass und Schlagzeug gesellen sich Bläsersatz und eine Hammondorgel mit Leslie in erfreulich tragender Rolle. Der Star des Abends wird von einem Bandmitglied frenetisch angekündigt.

Dann betritt er die Bühne. Charles Bradley. Brauner Anzug, offenes Hemd. Dem Status entsprechend würdig behängt mit goldenen Ketten, Ring, Gürtelschnalle.

Alles glänzt wohltemperiert, der agile 67-Jährige strahlt und startet ohne Übergang die Show. Ihn umgibt eine Aura aus positiver Energie und Zerrissenheit, Liebe und Verlust, Sex und Tragik. Er lebt und präsentiert den puren Soul, mit all seinen Geschichten, in Wort und Bild. Er singt, schreit, tänzelt, tanzt, kriecht zu Kreuze, jubiliert und bricht zusammen.

Wenn pure Worte und Bilder nicht mehr reichen, entlädt er sich in bester James-Brown-Manier in heiseren Schreien. Während der Show verlässt er für zwei Instrumentalstücke die Bühne – zum Umziehen. Er kehrt im Partyoutfit zurück, er glitzert und funkelt von Kopf bis Fuss – Schuhe, Hose, Jacke, alles ist durchwirkt mit golden glitzernden Fäden, auf seinem Rücken prangt eine gestickte Pharaonenmaske. Das Outfit ist dem Auftritt ebenbürtig und auch sein Strahlen verschwindet nie aus dem Gesicht, die Message ist die Liebe.

Fail

Es ist kein wirklicher Fail, aber das Niveau seiner Tourband reicht nicht an die Klasse seiner Studioband heran. Schon gar nicht an seine eigene Klasse. Charles Bradley bügelt das locker mit seiner stimmlichen und körperlichen Präsenz aus. Aber auch das ist Soul – die tightesten Studiobands und kostengünstigere Tourbands ziehen sich durch die Musikgeschichte. Kein Grund zu jammern – aber hier ist Luft nach oben.

Geil

Es ist eine Show wie aus dem Soul-und-Funk-Lehrbuch. Vor seiner Entdeckung schlug sich Charles Bradley als James-Brown-Impersonator durch. Seine dort gereiften Showqualitäten gepaart mit seinem originären Charakter sind unbeschreiblich. Spielt die aktuelle Scheibe "Changes" ohne Übertreibung auf dem Niveau der besten Zeiten des Godfathers of Soul, ist Charles Bradley live eine Offenbarung an Authentizität, eigenständig und mitreißend, allgemeingültig ohne egal zu werden, retro, zeitlos und aktuell zugleich. Ein frühes Highlight des diesjährigen ZMF, das schwer zu überbieten sein wird.

Kassensturz

Der Ticketpreis um die 30 Euro ist mehr als fair, die Getränke sind auf ZMF-Niveau: Keine Schnäppchen, aber besonders Weine und Perlwein sind von guter Qualität und ihr Geld wert. Der Service muss sich noch etwas einspielen. Auch hier ist Luft nach oben.

Pauschalurteil

Alle Erwartungen wurde erfüllt, wenn nicht gar übertroffen. Show ist der richtige Begriff für dieses Konzert. Glückliche Gesichter überall. Die Rosen, die Charles Bradley zu seiner Version des Black Sabbath Songs "Changes" im Gedenken an seine verstorbene Mutter verteilt hat, werden fest in den Händen gehalten. Wer keine Rose und keine Umarmung erhalten hat, nimmt die Rose aus Charles Bradleys Herz mit nach Hause – irgendwie liegen wir ihm auch alle in den Armen. Für seine nicht selbstverständliche späte Karriere gibt Charles Bradley seinem Publikum alles was er hat: Liebe.