Was ging bei... Axel Hacke im Spiegelzelt?

Marius Buhl

Primaten-Pippi, Pfropfrebengenossenschaft, der weiße Neger Wumbaba: Gestern war Axel Hacke im Spiegelzelt - und damit einer der größten deutschen Sprachvirtuosen. Der Abend wurde zu einer Lehrstunde deutscher Befindlichkeiten. Das Wiehremer Publikum klatschte begeistert - und nippte am Rosé.



Die Crowd

Wahrscheinlich kommen sie alle aus der Wiehre. Sie sind Lehrer, Erzieher, Ärzte, Juristen, Familienmenschen. Sie sind zu links für die Faz und zu konservativ für die taz. Sie lesen die Süddeutsche. Schon immer. Freitags schütteln sie die Zeitung, bis das Magazin rausflutscht. Dann setzen sie sich aufs Klo, blättern bis auf die vorletzte Seite und lesen den dieswöchigen Hacke. Dann legen sie das Magazin in einen kleinen Bastkorb neben dem Klo, direkt neben die brand eins und die flow.

Jetzt mal halblang: Es waren auch erstaunlich viele junge Menschen da. Mädchen mit Perlenohrringen, Jungs mit karierten Hemden, ein Proll mit Spiegelsonnenbrille. Menschen, die man auf der Lesung eines Super-Journalisten wie Hacke nicht direkt erwartet. Wie sie zu ihm gefunden haben?

Eine These: Die Eltern, oben bereits beschrieben, lieben ihren Hacke so, dass ihnen die Kolumnen bald nicht mehr reichten. Sie kauften Hackes Bücher, besonders "Das Beste aus meinem Leben". Darin beschreibt Hacke sein Familienleben. Sohn Luis, Kühlschrank Bosch, Frau Paola und er selbst sind die Hauptfiguren. In den Nebenrollen: Christbaumkugeln, Malaga-Eis und Herbert Grönemeyer. Auf der alljährlichen Fahrt in die Toskana wurden diese Geschichten dann rausgeholt, Papa ist gefahren, Mama hat vorgelesen. Und die Kinder haben gelacht.

Die Bühne

Ein Stuhl, ein Scheinwerfer, ein Glas Wasser. Mehr braucht Axel Hacke nicht.

Der Autor

Lesungen können schrecklich sein. Sieht man den Autor seiner Lieblingszeilen zum ersten mal in echt, bekommen die Zeilen ein Gesicht, die Fantasie wird gebrochen. Stimmen Fantasie und Wirklichkeit so gar nicht über ein, ist der Zauber aus. Bei Axel Hacke ist das nicht der Fall.

Zwei Knöpfe auf, die Ärmel nach oben gekrempelt: Hacke weiß, wie man ein weißes Hemd trägt. Dazu trägt er Lederschuhe, die graumelierten Haare sanft gescheitelt. Im Aussehen erinnert er ein wenig an Christoph Waltz, nur ohne das Böse im Blick. Die Stimme dagegen erinnert an Harald Schmidt. Nur das "R" rollt Hacke deutlicher, eine Liebeserklärung vielleicht an seine Wahlheimat Bayern.

Ein Kolumnist, das ist die Bedingung, ist nie krank. Immer muss er liefern. Und wenn ihm nichts einfällt? Trotzdem! Hacke schreibt seit 25 Jahren jeden Mittwoch eine Kolumne, freitags erscheint sie im Magazin der Süddeutschen Zeitung. Eine einzige, erzählte er mal in einem Interview, habe er auf Reserve. Immer sollten seine Gedanken frisch, die Sätze pointiert sein.

Wie gut er das seit Jahren hinbekommt ist mehr als erstaunlich. Hacke liefert - und die Deutschen lieben ihn dafür. Wo anderswo stets Neues ausprobiert werden muss, darf Hacke seit Jahren einfach machen. Er ist ein Crowd Pleaser, everybody's darling, das personifizierte Vertrauen. Er eckt nicht groß an, wird aber dennoch als lustig angesehen. Er ist insofern die Angela Merkel der Kolumnenschreiber.

Und als er dann doch mal aneckt, nämlich als er den deutschen Schlagertrottel Heino in einer Kolumne völlig zerlegt, da ist auch das ein Merkel-Moment. Heinohass, das ist in etwa so edgy wie "gegen Atomkraft sein". Applaus!

Die Show

Wie aber schafft man es, sich so beliebt zu schreiben? Hacke hat einen Trick. Seine Kolumnen sind nahezu allesamt wahnsinnig gut formulierte "Kennst-du-diesen-Moment-wenn...-Geschichten"? Seine Waffe ist die Wiedererkennung, die Identifikation. Wenn Hacke das "Partnerschafts-Passiv" erläutert, eine von ihm erfundene Passiv-Konstruktion, derer sich vor allem Eheleute bedienten, wenn sie den Partner sanft auf etwas stoßen wollen, dann grölt das Publikum. "Weißt du noch..." sagt dann der Mann zur Frau und die Frau sagt "Ja, das war doch bei uns genauso". Und dann schmunzeln sie.

Langweilig wird das trotzdem nie. Denn Hacke weiß, wie man während einer Lesung Spannung aufbaut. Der Ablauf ist meist wie folgt: Er liest eine Geschichte, dann redet er kurz darüber, kündigt dann eine neue an, redet so lange und spannend darüber, dass man eben diese Geschichte jetzt sofort hören möchte - und liest dann eine ganz andere Geschichte.

In Freiburg handeln diese oberflächlich von Orang-Utan-Pipi, von Stunden und Aberstunden, die Wolfgang Schäuble arbeitet, von einem Rattenpenis, von Sohn Luis, vom Kühlschrank Bosch und (inzwischen EX-)Frau Paola.

Auf einer zweiten Ebene - und die haben die Hacke-Geschichten fast immer - handeln sie aber von Liebe, Selbstzweifel, Freundschaft, Staunen.

Win

Direkt vor der Hacke-Show kündigt Alexander Heisler, Festivalgründer des ZMF an, eines Tages ihn, Hacke, zusammen mit Harald Martenstein auf die ZMF-Bühne zu holen. Die beiden größten Kolumnenschreiber Deutschlands vereint, welch großartiges Pingpong das werden dürfte. Bitte Herr Heisler, machen sie es wahr.

Dauer-Gag

Hacke hat vor einigen Jahren einen Gag in seinen Kolumnen erfunden, der besser als alle anderen funktionierte: der Verhörer. Laut hacke verstünden viele Menschen insbesondere Liedtexte oft falsch, was das eigentliche Lied aber oft besser/lustiger machen würde.

Daraufhin schrieben ihm zahlreiche Leser, dass sie eben auch ... - und Hacke verwendete die Verhörer der Leser wiederum in Kolumnen.

Bekanntestes Beispiel? Statt der Passage „der weiße Nebel wunderbar“ aus dem Abendlied „Der Mond ist aufgegangen“ von Matthias Claudius verstand ein Leser "der weiße Neger Wumbaba". Hacke griff den Verhörer auf - und benannte schließlich drei Bücher nach dem "weißen Neger".

Das lustigste Beispiel aus dieser Reihe: Ein Simultanübersetzer übersetzte einst ein Interview des Star-Wars-Regisseurs George Lucas. Der sagt am Ende DEN Star-Wars-Satz: "May the force be with you!" Der Simultanübersetzer sagte: "Am vierten Mai werde ich bei dir sein!"

Sprit-Check

Wasser gegen den Durst, Bier für die Geselligkeit, Rosé zum Wohlfühlen.

Fazit

Hacke ist einer der besten deutschen Schreiber, ganz sicher. Seine Kolumnen sind genial, damals wie heute, sein output gigantisch. Das SZ-Magazin ohne Hacke - undenkbar. Trotzdem: Manchmal wird man das Gefühl nicht los, da ginge noch mehr. Irgendwie schärfer, irgendwie härter wünscht man sich den Hacke. Mehr Heino, weniger Verhörer-Gags. Vielleicht einen Roman?

Natürlich ist diese Forderung eine Anmaßung - und eigentlich stille Bewunderung.

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[Foto: Marius Buhl]