Was ging bei … 20 Jahre Poetry Slam Freiburg?

Paula Kühn

Am Donnerstag fand das Jubiläum "20 Jahre Poetry Slam Freiburg" im Café Atlantik statt. Das Lokal war trotz schönem Wetter und Hitze brechend voll. In der Menge: Fudder-Redakteurin Paula Kühn.

Der erste Eindruck

Es ist heiß. Es ist voll. So voll, dass die erste Show, der man bewundernd folgt, die der Kellner ist, die mit unglaublichem Geschick volle Tabletts durch die Menge balancieren und zielsicher Getränke und Essen an Einzelne aus der Masse verteilen. Ganz hinten im Raum, vor und auf der kleinen Bühne, kann man die Slammer ausmachen. Sie trinken Shots und heben sich durch ihre gelassene und eingeschworen wirkende Art vom Rest ab. Sie sind es auch, die als erste still werden, als Marvin Suckut auf die Bühne tritt und als Moderator das Publikum auf Poetry Slam einstimmt.

Die Crowd

Zwanzig Jahre Poetry Slam Freiburg. Das ist schon ganz schön alt. So alt, dass "manche von denen eure Väter sein könnten", sagt Marvin Suckut und hört auf zu lachen: "Nein. Ich meine es ernst: Diese Typen könnten eure Väter sein! " Kurze Stille , dann lachen alle auf. Aber er hat Recht: Die Gemeinschaft aus Slammern und Zuschauern, die sich am Donnerstag im Atlantik versammelt hat, wirkt wie eine riesengroße Famile. Mindestens drei Generationen Slammer und Poetry-Slam-Fans sitzen und stehen hier und frönen gemeinsam der Lust an Wort und Sprache.

Abgesehen vom Alter gibt es aber wenig Diversität. Die meisten wirken akademisch. Mittelschicht. Ihren Reaktionen nach zu schließen scheinen sie die Hphen und Tiefen des Lebens zu kennen, von denen die Texte der Slammer meist handeln.

Die Jury

Eigentlich ist die Crowd auch die Jury - man könnte sagen, wie bei jeder Show. Aber beim Poetry Slam ist das ganz offensichtlich: Das Publikum entscheidet, wer weiter kommt und wer am Ende gewinnt. Vier Leute aus dem Publikum melden sich freiwillig. Und natürlich darf auch das Atlantik-Team mit bewerten. Am Ende jeder Show vergeben sie Punkte auf einer Skala von eins bis zehn, die sie auf Tafeln aufschreiben und auf Kommando hochhalten. In Windeseile errechnet dann Marvin Suckut den Schnitt und die Punktezahl steht fest.

Die Show

Acht Slammer und ein Moderator. Und dann noch ein Special Guest. Zu Beginn denkt man: Es sind zu viele. Es ist zu heiß. Das hält man nicht durch. Und dann beginnt Nikita Gorbunov zu rappen und man kann seine Lachmuskeln nicht mehr kontrollieren. Ein bisschen schade ist, dass sich Nikita als Special Guest so wenig von den eigentlichen Slammern abhebt: Es sind ebenso gesellschaftskritische und ironische Texte wie das bei vielen Slammern eben üblich ist, nur durchgängig gerappt und von Gitarrenklängen begleitet - was ja den eigentlichen Poetry Slammern verboten ist. Aber wie jeder Slammer an diesem Abend, hat auch Nikita Gorbunov seinen ganz eigenen Stil und beweist nicht nur durch seine Gabe in Reim und Rythmus spontan zu improvisieren, dass er ein echter Wortakrobat ist.

Und dann folgen die Texte. Manche eher ruhig, poetisch, sehr persönlich, andere wieder ein ganzes Theaterstück in sich. Schon vor der Pause steht fest, wer auf jeden Fall ins Finale kommt: Sebastian 23 erzählt aus dem Leben eines "Lauchs" und überzeugt damit die Jury.

Außer ihm kommen ins Finale: Jonathan Löffelbein, der in seinem Text den Vorschlag seiner Mutter, Lehrer zu werden, verarbeitet. Und Sophie Passmann, die sich über Praktiken und Normen erwachsener Menschen wundert. Zwischendurch überrascht auch der Moderator Marvin Suckut mit einer Poetry Slam-Einlage, bei der er liebevoll und ungeniert alle neun Teilnehmer des Abends aufs Korn nimmt.

Den ersten Preis gewinnt schließlich Sebastian 23 mit einem weiteren Text über seine neue Heimat: "Die Ruhr tickt" und schließt, schon etwas angetrunken, den Abend mit dem Text "Geh!", bevor auch Marvin Suckut noch seinen Applaus bekommt und zur After-Show-Party übergeleitet wird.

Fazit

Nach diesem Abend lässt sich sagen: Freiburg ist im Poetry- Slam-Fieber. Trotz schönem Wetter, trotz Hitze und trotz der Tatsache, dass nicht alle sitzen konnten, blieb das Atlantik bis zum Schluss voll gestopft mit Menschen. Woher dieser Hype kommt? Ein Grund könnte wohl sein, dass es ein bisschen wie Kabarett zum Anfassen ist. Die Künstler sind nah am Leben, sie geben Persönliches von sich preis, ohne dabei die Grenze zum Voyeurismus zu überschreiten. Sie sind lustig, ironisch, gesellschaft- und selbstkritisch, ohne peinlich zu sein. Und sie jonglieren mit Worten, wie das nur echte Wortakrobaten können.