Was ging ... am Samstag beim Between the Beats Festival in Lörrach?

Tamara Keller

Direkte Demokratie, ein Buhruf und zwei unnötige Songcovers: Das alles gab es am Between the Beats-Festival am Samstag. Warum Jan Böhmermann besser mal vorbeigeschaut hätte?

Der Sänger von "Von wegen Lisbeth", Matthias Rode, hängt sich eine Akustikgitarre um. "Keine Sorge, jetzt kommt keine Timi-Bendzko-Schnulze, sondern ein Tanzlied", beruhigt er das Publikum. "Jim Pandzko, ey", verbessert ihn Julian Hölting, sein Band-Kollege am E-Bass und lacht. Es ist eine Anspielung auf die Kritik an der deutschen Musikindustrie, die Jan Böhmermann vergangene Woche in seiner Sendung Neo Magazin Royale veröffentlichte. "Jetzt kommt unser neuer Hit 'Menschen, Leben, Tanzen, Welt'", kündigt Robert Tischer der für Synthesizer und die Percussions zuständig ist, später an. Dann spielen sie doch ihren eigenen Song: Lang lebe die Störung im Betriebsablauf.


Die Stage(s)

Eine Hand, die einmal über den Bildschirm wischt, eine Frau, die in ihrer eigenen Kotze liegt und eine Qualle, die sich zur Musik hin und her bewegt – bei Von Spar wird eine aufwendige Videoinstallation auf eine Leinwand projiziert, bei Von wegen Lisbeth blinkt der Bandname in unzähligen Glühbirnen im Hintergrund, darüber das Between the Beats-Logo.Eine Lichterkette am Mikroständer ist bei Faber der einzige Schmuck und bei Kafkas steht das Musik-Duo auf der Bühne, sonst nichts.

Die Atmosphäre

Im Burghof leuchtet ein Sternenhimmel aus Lampions und Lichterketten, im Foyer drehen sich Diskokugeln. Allgemein wird mit viel Liebe zum Detail für die richtige Atmosphäre gesorgt. Im Gegensatz dazu wirkt das SAK (Altes Wasserwerk) mit vereinzelten Lampions geschmückt, etwas lame. Dafür ist das Publikum hier aber näher an der Bühne dran.

Finale.

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Die Acts

Von Spar
Würde man einen Traum vertonen, der von einer langen Autofahrt handelt, dann würde er nach Von Spar klingen. Tatsächlich flackert über den Bildschirm im Hintergrund kurz ein Video, welches ein Auto zeigt, das eine lange Straße entlang fährt. Als die ersten Töne des bekannteren Songs "Chain of command" ertönen, geht das Publikum zum Tanzen über. Von Spar ist ein sehr langsamer aber angenehmer Einstieg in den Abend.

Von wegen Lisbeth

"Wie schon Ricky Martin sagte: Buhrufe sind lauter als Applaus," singt Von wegen Lisbeth. Buhrufe ernten sie an diesem Abend keine. Okay – einen vereinzelten, nach eben dem Lied mit dieser Refrainzeile. "Wer hat hier gerade so raffiniert gebuht?", will Sänger Matthias Rode wissen. Auf der Bühne stehen wie gewohnt die unterschiedlichsten Instrumente: Von den Keyboards hin zum Glockenspiel auf der anderen Bühnenseite – diesen Weg rennt Robert Tischer während eines Songs mehrmals. Vielleicht trägt er deshalb Jogginghose? Hinzu kommen Sambarassel, Triangel und ein Omnichord, das zu 80 Prozent aus Plastik besteht und einen speziellen Sound hat. Der Klang scheint in Lörrach gut anzukommen: Der Typ neben mir fügt die vier Jungs aus Berlin erstmal zu seiner Spotify-Liste hinzu.

Kafkas
Zwei Männer mittleren Alters stehen auf der Bühne: Ein Sänger und ein Gitarrist. Das Schlagzeug und was sonst noch an Sound benötigt wird, wird von einer Box abgespielt. Kafkas verkörpern eine Anti-Band: Sie stehen oben auf der Bühne, spielen einen Song nach dem nächsten ab und machen kein Tamtam. Sie wirken so, als würden sie lieber unbemerkt in der Fußgängerzone spielen. Dabei ist das, was sie machen, ansprechend: Etwas rockig-melancholisch. Nur mit einer Sache versauen sie es: Plötzlich covern sie Songs wie "Nur geträumt" von Nena oder "Das geht ab" von den Atzen. Schade, denn ihre eigenen Songtexte plus Sound klingen viel besser – das bisschen covern, um dem Publikum näher zu sein, hätten die Zwei gar nicht nötig.

Finale.

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Faber
"Alde di Stimm", sagt die Schweizerin neben mir, als Faber anfängt zu singen. Auf der Bühne stehen drei Vollblutmusiker, die alle mal ein Solo zum Besten geben: Faber mit Akustikgitarre, die ein auffälliges Loch unter dem Schallloch hat. Janos Mijnsen (auch Mitglied der aufstrebenden Schweizer Band Panda Lux – hach, die Schweiz ist so klein!) der zwischen Bass und Cello hin- und her wechselt. Tillmann Ostendarp, der Schlagzeug und Posaune gleichzeitig bespielt. Die Mischung aus Funk, Rock, Pop und Indie verbreitet gute Stimmung und das Publikum steht nicht still. "Habt ihr Geduld für ein ruhiges Lied?", fragt Faber. "Neiiiin! Jaaaa!", schallt es gleichzeitig aus dem Publikum. "Dann machen wir das demokratisch wie in der Schweiz", der Zürcher Sänger lässt abstimmen, doch das Ergebnis ist ausgeglichen. Es folgt ein langsames Lied.

Die Crowd

Am Anfang zeigt sich Lörrach sehr schüchtern: Alle sitzen links vor der Bühne auf der Treppe. Doch im Laufe des Abends taut das Publikum auf. Vom 11-jährigen Mädchen bis hin zum 60-jährigen Opa – alle sind sie da. Vorne tümmeln sich "die Jungen" und tanzen, hinten versammeln sich "die Alten", die die Musik gerne im Sitzen genießen – aber natürlich gibt es auf beiden Seiten auch Ausnahmen von der Regel.

Die Störung im Betriebsablauf

Stimmungshemmend ist tatsächlich der Wechsel vom Burghof zum SAK: Nach "Von Wegen Lisbeth", war das Publikum im Hochrausch. Bei Betreten des SAKs ist zuerst eine leere Tanzfläche zu sehen, obwohl die nächste Band schon spielt und es braucht Zeit, bis das Publikum das zweite Stimmungshoch erreicht. Kafkas hat an diesem Abend tatsächlich die A-Karte gezogen.

Supergut

Die ganze Zeit über hat jeder genügend Platz zum Tanzen. Keine Ellenbogen, die einem in den Rücken gestoßen werden, kein Gequetsche, kein Gedränge. Super, so macht Festival Spaß! Eine eiserne Festivalregel ist, dass es keine Zugaben gibt: Zum Glück gilt das für das Between the Beats nicht und das Publikum wird für seine "Zugabe"-Rufe belohnt. Auch bemerkenswert: Es werden kaum Smartphones in die Luft gehalten – keine Bildschirme, die einem nervig vor der Nase hin- und her wackeln.

Pauschalurteil

Was am Samstag auffiel: Faber ist beim Schlussapplaus den Tränen nahe, Von Spar-Sängerin Ada und auch Kafkas bedanken sich immer wieder beim Publikum, Von Wegen Lisbeth wechseln untereinander auf der Bühne Blicke, als könnten sie kaum glauben, dass sie so viel Applaus bekommen – den Künstlern ist die Dankbarkeit anzusehen. Jeder Auftritt ist ein Fest für sich und am Ende ist doch alles ganz schnell vorbei.

Tja, vielleicht hätte Jan Böhmermann einfach auf das Between the Beats Festival gehen sollen. Dann wären seine Sorgen rund um die deutschsprachige Musikindustrie wieder weg. Oder wie Faber es sagt: "Ich habe einen Song geschrieben. Extra nur mit Gitarre und Querflöte, damit ihn die Radiostationen nicht spielen." Und nicht nur das hat er geschickt gemacht. "Jeder Jäger träumt von einem Reh, jeder Winter träumt vom Schnee, jede Theke träumt von einem Bier, warum du Nutte träumst du nicht von mir?", lautet der Refrain. Das Publikum grölt.

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