Was geht am Güterbahnhof?

Claudia Kornmeier

Die ersten Bauarbeiten am Alten Güterbahnhof sind abgeschlossen, die ersten neuen Mieter haben die restaurierten Gebäude bezogen. Es gibt viel Neues, aber auch viel Altes. Ein Spaziergang im Areal, das fast so groß ist wie die Freiburger Altstadt.



Werbeagentur im Alten Zollhaus

Am Eingang des Güterbahnhofs, der der Waldkircher Straße zugewandt ist, steht das denkmalgeschützte Alte Zollhaus. Ein stattlicher Backsteinbau, erbaut 1905. Es ist eines der ersten Gebäude, dessen Restaurierung abgeschlossen ist. Mitte Februar ist die Werbeagentur qu-int eingezogen. Aktuell ist die Handschrift des Freiburger Unternehmens auf dem Plakat des Lörracher Stimmen Festivals zu sehen.



Warum qu-int in das Alte Zollhaus gezogen ist?

Nach zehn Jahren lief der alte Mietvertrag aus. Das Unternehmen wuchs und brauchte größere Räume. Da kam die Bauherrin aurelis, eine Tochter der Deutschen Bahn, mit ihrem Angebot zur richtigen Zeit. „In den neuen Räume fühlen sich alle Mitarbeiter sehr wohl“, sagt Lorenz Stoelker, einer der Geschäftsführer. „Die Räumlichkeiten hier haben natürlich viel mehr Charakter als unser altes 0815-Büro in der Basler Straße.“

Nur die Baustelle sei in den ersten Monaten noch recht anstrengend gewesen. Qu-int nutzt die Räume nicht nur für den eigenen Geschäftsbetrieb. Im Mai fand in einem Nebenraum eine Ausstellung mit Videokunst und Lichtinstallationen von Künstlern der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe statt. Das Projekt sollte junge Künstler unterstützen. Ihnen die Möglichkeit einer Ausstellung bieten. „Das hat zwar gut funktioniert“, sagt Stoelker, „wir haben in dieser Hinsicht aber keine Ambitionen.“



Fliesen und Fitness in den Güterhallen

An das Alte Zollhaus schließen sich U-förmig die Güterhallen an. Die Arbeiten sind dort noch in vollem Gange, einzelne Abschnitte aber schon bezugsfertig. Das Geschäft B&B Fliesen und Naturstein und das Fitness-Studio Rückgrat sind seit Mitte April die ersten Mieter.



Das neue Rückgrat: das ist nichts von Ikea, nichts von der Stange. Stattdessen: italienische Designermöbel, eine maßgeschneiderte Theke, extra in Auftrag gegebene Bilder, aufwendige Lichtkugeln im Eingang und Geräte, die farblich zu den Stahlträgern der historischen Halle passen. Fast vergisst man, dass man hergekommen ist, um Sport zu machen. Der Betriebsleiter Frank Albiez wünscht sich denn auch, dass alles etwas „loungiger“ werde: Ein Drink nach dem Training im roten Plüschsessel oder im Sommer auf einer zukünftigen Terrasse. Außer den Stahlträgern sind auch die alten Backsteinwände zum Teil erhalten.



Manchmal bröckele zwar etwas Putz ab. Den müsse man dann eben wegkehren. Dafür habe so eine Wand natürlich mehr Charme als Beton, sagt Albiez. Den Mitgliedern gefalle es besser denn je. Schade findet Albiez allerdings, dass das ganze Gebiet noch nicht fertig ist und er dort so wenige Nachbarn hat.

Lagerhausstraße

Im Gegensatz zu den Hallen in der Güterhausstraße und der Zollhausstraße reihen sich hier kleine Häuschen mit Giebeldächern aneinander.



In einem der Häuschen hat Tobias Buderer seit drei Jahren seinen Gebrauchtfahrradladen „Bud’s Bike“. Die Werkstatt sei nicht gerade zentral und außerdem schwer zu finden. „Ich habe schon Leute per Handy gelotst, die bereits auf dem Gelände waren und trotzdem noch zwanzig Minuten gebraucht haben, um zu mir zu finden“, sagt Tobias.

Gebrauchte Räder erfreuen sich in Freiburg aber hoher Nachfrage, nicht trotz, sondern wohl eher wegen der Wirtschaftskrise. Der Laden läuft also, ungeachtet der abgelegenen Lage.

Was Buderer von den Veränderungen am Alten Zollhaus hält?



Die neuen Mieter hat Tobias noch nicht kennengelernt. Aber schön sehe es schon aus. „Bisher waren wir hier so etwas wie die vergessene Ecke. Aber das bleibt natürlich nicht so. Die autonomen und künstlermäßigen Ecken gehen immer mehr zurück.“ Das könne man in ganz Freiburg beobachten. Zum Beispiel in der Vauban. „Das ist heute gut bürgerlich und nicht mehr hippie.“

Nebenan hat Romano seit 1996 sein Salsa Studio. „Das war noch eine andere Zeit, als wir hier eingezogen sind“, sagt Romano. Über Beziehungen sei er damals an die Räume gekommen. Die Atmosphäre am Güterbahnhof vergleicht Romano mit der Bronx. Doch das gehe jetzt alles kaputt mit dem „Schicki-Micki-Kack“ und den „Sonnenstudio gebräunten Leuten, die sich für wichtig halten“ im Alten Zollhaus.



Für kleine Leute wie ihn sei da kein Platz. Schon wegen der hohen Mieten. Seine jetzigen Räume sieht er vor dem Abriss bedroht und hofft, dass die Wirtschaftskrise noch länger andauert. „Dann fehlt es nämlich an finanzierungswilligen Investoren.“

Lokhalle

Etwas abgelegen vom restlichen Areal liegt die Lokhalle. Ein beliebter Ort für Verantstaltungen – ob Turntablerocker, Fight Night oder Modenacht. Die Veranstaltungen organisiert seit 1998 die Agentur Endless Event, die ihr Büro im Gebäude hat. „Den Ort haben wir uns wegen der einzigartigen Architektur ausgesucht“, sagt Bela Gurath, einer der Geschäftsführer von Endless Event. Die Veranstaltungsagentur ist nicht die einzige Mieterin in der Lokhalle. Unter anderen hat die Modeagentur nic.enz hier ihr Büro, der Photograph Oliver Rath sein Studio, und nebenan arbeiten Grafiker und Musiker. Ein buntes Miteinander.



Wie Endless Event die Entwicklung des Alten Güterbahnhofs sieht? „Wir haben keine Wünsche und Erwartungen“, sagt Bela Gurath.

Oliver Rath hofft dagegen, dass auch weiterhin kleine, bezahlbare Räume für Künstler erhalten bleiben. Auch er sieht die „künstlermäßigen Gebiete“, wie Tobias Buderer sie nennt, immer mehr verschwinden.



Vor einem dreiviertel Jahr hat er sein Photostudio in der Lokhalle eingerichtet. Die Atmosphäre am Güterbahnhof scheint ihm wie geschaffen zum Photographieren. „Auch wenn ich überhaupt nicht auf das tausendste Band-vorm-Gleis-Photo steh.“ Die Bahn sehe es allerdings nicht so gerne, wenn er den Güterbahnhof als Kulisse nutzt. Da habe ihm schon mal jemand den Film wegnehmen wollen. Einziger Nachteil, sagt auch Oliver Rath: extrem schwer zu finden und nicht gerade zentral.



Der „Orient-Express“ macht Station am La Cantina

Neben dem ein oder anderen Güterzug, der trotz Stilllegung noch am Güterbahnhof hält, wird Anfang Juli ein besonderer Zug Station machen: der Orient-Express. Ein aus Istanbul via Rumänien, Serbien, Kroatien, Slowenien und Italien angereister Theater-Zug des Schauspiel Stuttgart gastiert in Freiburg mit seiner rollenden Bühne.



Zwei Stücke, eines davon in türkischer Sprache mit deutschen Übertiteln, das andere extra für das Projekt in Auftrag gegeben, werden Leben in das seit längerem geschlossene La Cantina bringen. Ob das Theater Freiburg auch in Zukunft den Güterbahnhof als Bühne nutzen wird, ist noch offen. Das Gebäude ist jedenfalls, da denkmalgeschützt, vor dem Abriss sicher.

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