Was ein Mensch einem Tier antun kann

David Weigend

Vor drei Wochen haben sich in Mengen und in Staufen zwei Fälle von sadistischer Tierquälerei ereignet. Ein Unbekannter hat dieser Stute mit einer Eisenstange mehrfach auf den Kopf geschlagen und ihr massiv die Genitalien verletzt. Die Besitzer leben seitdem in Furcht.



„Es ist wie ein großer Rums gewesen“, sagt Johanna Fischer (67). „Da ist etwas in unser Leben gekracht und das kleine Paradies, das wir hatten, gibt es nicht mehr.“


Am 30. Oktober 2009 geht Frau Fischer wie jeden Morgen um 7.30 Uhr zum Weidenhof bei Mengen. Sie ist 67 und Rentnerin. Früher war sie im sozialen Bereich tätig, heute kümmert sie sich ehrenamtlich um die Kinder, die zum Weidenhof kommen, einem kleinen Reit- und Voltigierverein. Sie hat diesen Hof gemeinsam mit ihrer Tochter Kathrin (36, Foto oben) vor drei Jahren aufgebaut. Er umfasst etwa 500 Quadratmeter, ein offenes Grundstück zwischen Tiengen und Mengen, genutzt von 30 Reitbeteiligten.

Ihr erster Blick gilt den Stallungen. Sind alle Pferde da? Mageed, der Araberwallach, die Stute Farina und die beiden Shetland-Ponys stehen in ihren Boxen. Nicht so Ashanti, die zweite Stute (Foto oben). Sie liegt in der Lehmkuhle. Johanna Fischer beugt sich zu ihr herab. Ashanti ist klatschnass und völlig unterkühlt. Sie reagiert nicht auf den Wink mit dem Futter und wirkt apathisch. Vielleicht hat sie eine Kolik, denkt Frau Fischer. Sie dreht das Tier auf die andere Seite. Frisches Blut strömt über das Fell der Stute, älteres Blut hat sich mit verkrustetem Lehm vermischt. Das linke Auge ist blutig. Die gesamte Flanke ist angeschwollen, entstellt.



Frau Fischer ruft die Tierärztin und ihre Tochter Kathrin, die auf dem Weidenhof Reitunterricht gibt. Die Ärztin kommt, untersucht das Tier und sagt: „Diese Verletzungen können nicht von anderen Tieren stammen.“

Jemand hat Ashanti mit einem stumpfen Gegenstand den Genitalbereich verletzt und mit einer Eisenstange oder ähnlichem auf ihren Kopf eingeschlagen. Die Kopfverletzungen sind schwer. Die Tierärztin sagt, es könnte ein Schädel-Basis-Bruch sein. Das würde bedeuten, dass Ashanti eingeschläfert werden muss. Noch am Freitag wird sie geröntgt. Wegen der starken Hirnschwellung können die Ärzte nicht genau erkennen, ob ein Bruch an der Schädel-Basis vorliegt. Die Fischers müssen drei Tage lang warten und dann erneut zum Röntgen nach Baden-Baden fahren. Es werden drei schlaflose Nächte.

Ashanti kann nicht mehr richtig laufen. Zweimal fällt sie auf der Rampe, mit der Kathrin die Stute in den Transporter befördern will. In der Klinik dann Entwarnung: Kein Schädel-Basis-Bruch, auch die Gebärfähigkeit ist nicht beeinträchtigt. Ob ihr jedoch motorische Störungen von der Attacke bleiben werden, kann man erst nach der CT sagen. Der 450 Kilo schwere Haflinger hat momentan Gleichgewichtsstörungen, bekommt Kortison und Schmerzmittel. Ihre Muskeln am Rücken und am Becken sind hart, verspannt. Dabei war sie das zärtlichste Pferd der Fischers. „Sie ist sehr einfühlsam und kann sehr gut mit Kindern. Wenn die ins Rutschen kommen, bleibt sie sofort stehen.“



Nicht nur Ashanti wurde in jener Oktobernacht das Opfer eines Sadisten, auch die Ziege Rapunzel. Kathrin sagt: „Ich stelle mir vor, dass er es zuvor bei Ashanti probiert hat. Die wehrte sich, das sieht man auch daran, dass die Box innen an einigen Stellen zertrümmert ist. Dann war da eben noch die Ziege. Die kann man leichter mal in die Ecke stellen. Ihre Genitalien waren verletzt. Sie war tagelang völlig verstört und lag nur noch herum. Nicht ansprechbar.“

Die Angst sitzt tief bei Johanna Fischer. In den ersten Tagen hat sie sich noch Vorwürfe gemacht: „Warum haben wir sie nicht schützen können?“ Eine Alarmanlage hat sie jetzt installieren lassen am Weidenhof. Johanna Fischer schlief dennoch schlecht in den vergangenen zwei Wochen. Kommt er wieder? Oft ist sie mitten in der Nacht aufgestanden, mit ihrem Hund rübergefahren, von ihrem Wohnort Tiengen zum Hof, hat mit der Taschenlampe aufgeleuchtet. Um sich zu beruhigen. Die Stallungen sind gut einsichtbar, ringsum laufen landwirtschaftliche Wege. „Der Gedanke ist gruselig, wenn man sich vorstellt, dass da jemand gemütlich im Auto saß, die Kleinen beim Reiten beobachtete und sich Ashanti ausguckte.“



Der Täter hat Spuren hinterlassen, einen Knopf, wie man ihn am Janker oder an einer Lodenjacke trägt und eventuell Blut an der Stallwand. Zeugen haben in der Nacht in der Nähe des Weidenhofs einen roten Peugeot oder Opel mit 68er Kennung gesehen, Elsässer Zulassung. Man sah dieses Auto auch am Donnerstag, den 5. November 2009 in Staufen. Dort wurde an diesem Tag ebenfalls eine Stute auf einer Weide von einem Unbekannten im Genitalbereich verletzt. „Es gibt keine Belege dafür, dass es derselbe Täter war“, sagt Karl-Heinz Schmid, Pressesprecher der Freiburger Polizei. „Aber es spricht vieles dafür.“ Die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Staufener Pferd die Verletzungen selbst beigebracht habe, sei gering.

Wer macht so was? Und warum? Solange man den Täter nicht kennt, kann man nur spekulieren. Der Täter ist krank. Seine Natur steht Kopf. Ob er die Tiere nur malträtieren wollte oder auch sexuelle Absichten hatte, weiß man nicht. Allein die Motivation, wirtschaftlichen Schaden bei den Besitzern anzurichten, kann man ausschließen. Was sagt der Gesetzgeber dazu?



Das Verhalten des Mannes ist in Tateinheit als Sachbeschädigung und als Straftat nach dem Tierschutzgesetz strafbar. Nach diesem wird mit Freiheitsstrafe bis zu 3 Jahren oder Geldstrafe bestraft, „wer einem Wirbeltier (a) aus Rohheit erhebliche Schmerzen oder Leiden oder (b) länger anhaltende oder sich wiederholende erhebliche Schmerzen oder Leiden zufügt.“ Die Höchststrafe für Sachbeschädigung ist 2 Jahre Freiheitsstrafe.

Die Wunden, die der Täter in die heile Welt am Weidenhof gerissen hat, heilen sehr langsam. Immerhin spürt Frau Fischer viel Anteilnahme von der Dorfgemeinschaft und von den Mitgliedern der Reitbeteiligung. „Man erkundigt sich, bietet Hilfe an. Da ist viel Solidarität“, sagt sie. Gleichwohl wird nichts mehr so sein wie früher. Ashanti ist traumatisiert, steht jetzt woanders. Die Fischers wollen sie nicht mehr an den Ort des Verbrechens zurückführen.



Überhaupt überlegen sie, ob sie nicht woanders ein neues Zuhause für ihre Tiere suchen sollen. „Wo man nicht so auf dem Präsentierteller ist“, sagt Kathrin. Sie hofft, dass dies jemand liest, der vielleicht eine Ausweichmöglichkeit für die Tiere kennt. Als Außenstehender mag man das übertrieben finden. Johanna Fischer sagt: „Was so etwas auslöst, kann sich keiner vorstellen, der nicht betroffen ist.“

Mehr dazu:

Bei der Polizeidirektion Freiburg hofft man auf Unterstützung aus der Bevölkerung. Die Ermittler sind rund um die Uhr unter der Telefonnummer 0761/882-4371 zu erreichen.

Das so genannte anonyme Telefon, Anschluss 0761/41262, ist ebenfalls geschaltet. Per E-Mail können die Fahnder unter der Adresse kripo.freiburg@polizei.bwl.de erreicht werden.