Was die Freiburger "Corrillo"-Ultras dem RB Leipzig vorwerfen

Marius Buhl

Vor dem Spiel gegen den RB Leipzig haben die "Corrillos" ein Pamphlet gegen den Red-Bull-Verein veröffentlicht. Im Interview erklärt Mitglied Robin W., warum der SC sich lautstark gegen Leipzig wehren sollte und warum er lilafarbene Trikots beim eigenen Verein unzumutbar findet:



Robin, was habt ihr gegen RB Leipzig?

Verantwortliche und Unterstützer des RB Leipzigs sagen oft: Wir wollen den Fußball zurück in den Osten bringen. Unserer Meinung nach nutzt RB Leipzig den Fußball aber nur, um ihre Marke zu pflegen und die Bekanntschaft weiter zu steigern. Mit unserem Verständnis von "sauberer Vereinstätigkeit" deckt sich das nicht.

Das ist sehr abstrakt.

Der RB Leipzig umgeht sehr geschickt Statuten der Deutschen Fußball-Liga. Insbesondere die sogenannte 50+1-Regel. Die soll verhindern, dass Investoren die Stimmhoheit an Kapitalgesellschaften halten. Formal hält Red Bull das ein, die knappe Mehrheit der Stimmberechtigten kommt auf dem Papier aus dem Verein. Nun gibt es aber zwei auffällige Punkte. Erstens: 99 Prozent des Kapitals, über das da abgestimmt wird, kommt von Red Bull. Und zweitens: Nahezu alle stimmberechtigten Vereinsmitglieder stammen aus Konzernumfeld.

In eurem Text kritisiert ihr auch ein Red-Bull-gesteuertes Transferkarussell.

Red Bull hält neben dem in Leipzig auch Vereine in Salzburg, New York, Brasilien und Ghana. Mit diesem Vereinsnetzwerk kann Red Bull Transferregeln umgehen. So geschehen ist das zum Beispiel beim Spieler Marcel Sabitzer, der von Rapid Wien nach Salzburg wechseln sollte. Das ging jedoch nicht, weil Sabitzer nicht innerhalb Österreichs wechseln durfte. Also kaufte RB Leipzig den Spieler und verlieh ihn.

Ebenso anrüchig finden wir, dass Red Bull sich in der zweiten österreichischen Liga mit dem FC Liefering eine Spielerfarm hält. Eigentlich darf die zweite Mannschaft eines Erstligavereins nicht in der zweiten Liga spielen. Über Red Bull hat Salzburg nun aber genau das geschafft. Talentierte Nachwuchsspieler können dort ausgebildet werden und später den Sprung nach Salzburg schaffen. Das ist ein Wettbewerbsvorteil.

Eure Vorwürfe dürften verpuffen, wenn kein Verband sich diesen Regelumgehungen annimmt.

Das ist richtig. Deswegen haben wir uns auch nicht der Kampagne "Nein zu RB" angeschlossen - der Protest dort geht uns nicht weit genug. Unserer Ansicht nach sollten nämlich auch Verbände und Funktionäre kritisiert werden.

Inwiefern?

Es ist doch höchst dubios, dass der sächsiche Fußballbund das Logo des RB Leipzigs erlaubt hat erlaubt hat. Die Regel sagt eindeutig, dass die Neugebung von Vereinszeichen zum Zwecke der Werbung unzulässig sei. RB Leipzig hat zwei rote Bullen, die aufeinander zurennen. Komisch.

Welche Funktionäre kritisiert ihr?

Wir finden es zum Beispiel schwer verräterisch, dass Helmut Sandrock bis Februar DfB-Generalskretär, von 2006 bis 2008 aber Geschäftsführer von Red Bull war. Auch in die andere Richtung gab es solche Wechsel: Ulrich Wolter, heute Mitglied des RB-Vorstands, wechselte vom DfB nach Leipzig. Die guten Kontakte halt er selbst mal als hilfreich betitelt. Dazu kommen Branchengrößen wie Franz Beckenbauer und Reiner Calmund, die sich auffällig oft lobend über RB äußern.

Könnte das nicht auch daran liegen, dass das RB-Model einfach die Zukunft des Fußballs ist? In England werden selbst Traditionsvereine von Investoren unterstützt.

Wir werden akzeptieren müssen, dass Vereine wie RB sich oben in der Liga festsetzen. Allerdings bin ich nicht der Meinung, dass man deswegen ruhig bleiben sollte. Gerade kleine Vereine wie der SC Freiburg sollten fordern, dass der Fußball sich dem Kapitalismus nicht beugt. Und noch sind wir hier nicht so weit wie in England. Noch können wir uns wehren, auch wenn unsere Stimme klein ist.

Was verlangt ihr vom SC Freiburg?

Wir wollen, dass der SC sich lautstark gegen Prokjekte wie RB wehrt, keine Testspiele gegen Red-Bull-Vereine ausführt und nach anderen Vereinen sucht, die diese Haltung teilen. Als Gruppierung kann man sicher mehr bewegen. Vom SC wünschen wir uns aber auch, dass die bisherige Vereinsphilosophie beibehalten wird - unabhängige Mitglieder mit Stimmrecht sollte es immer geben. Der Sport sollte wichtiger sein als das Marketing.

Gibt es aus eurer Sicht gegenläufige Tendenzen?

Was uns nicht gefällt, sind Projekte wie die blau-pinken Europaliga-Trikots in der vergangenen Saison - RB hatte übrigens dieselben. Solche Farbexperimente verkaufen sich bestimmt nicht schlecht - mit dem Kernfarben des Vereins haben sie aber nichts zu tun. 

Was werdet ihr heute Abend tun?

Wir werden 10.000 Broschüren vor allen Eingängen des Stadions verteilen. Zudem wird es Spruchbänder und Chöre geben. Was genau, kann ich hier aber noch nicht verraten.

Das gesamte Pamphlet findet ihr auch auf der Homepage der Freiburger Corrillos:  

Zur Person

Robin W. ist 23 Jahre alt, berufstätig und Mitglied bei den Corrillos Freiburg. Seinen Nachnamen wollte er online nicht veröffentlichen.

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  [Fotos: dpa picture alliance]