Lesung

Was bedeutet Heimat aus Minderheiten-Perspektiven?

Eyüp Ertan

Im White Rabbit lesen am Freitag Fatma Aydemir und die frühere fudder-Autorin Hengameh Yaghoobifarah aus ihrem Buch "Eure Heimat ist unser Albtraum". fudder-Autor Eyüp Ertan schreibt, wieso es sich lohnt, hinzugehen.

Migration ist die "Mutter aller Probleme". Im Kontext der Ausschreitungen in Chemnitz im vergangenen September waren dies die Worte des Ministers des Inneren, für Bau und Heimat, die Worte von CSU-Politiker Horst Seehofer. Ein Schlag ins Gesicht all derer, die inzwischen in zweiter, dritter oder sogar vierter Generation in Deutschland leben und hier zu Hause sind. Kinder derer, die in den 60er Jahren als Gastarbeiter_innen nach Deutschland gerufen worden waren und maßgeblich am Aufschwung der Bundesrepublik mitgearbeitet haben. Menschen, die heute als "Deutsche mit Migrationshintergrund" bezeichnet werden.


Zu Hause sein, Heimat – diesen Frage sind Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah nachgegangen, gemeinsam mit zwölf weiteren Autori_innen ist dabei das Buch "Eure Heimat ist unser Albtraum" entstanden. "Fatma (Aydemir, Anm. d. Red.) und ich haben uns vor einem Jahr auf einen Kaffee getroffen und uns darüber ausgetauscht, was wir momentan lesen", sagt Hengameh Yaghoobifarah über den Entstehungsprozess des Buches. Die Literaturauswahl der beiden, Essay-Sammlungen über Rassismus in verschiedenen Ländern, habe den Wunsch entstehen lassen, solch eine Sammlung auch für Deutschland herauszubringen, erzählt Yaghoobifarah. Ein Erfolg – das Buch ist nach nur zweieinhalb Wochen bereits in die vierte Auflage gegangen. "Viele Verlage haben uns gesagt: "So etwas verkauft sich nicht." Der Erfolg gibt uns im Nachhinein aber recht", sagt Yaghoobifarah rückblickend.
Gendergap

Normalweise verzichten wir für bessere Lesbarkeit auf das Gendersternchen* oder den Gendergap. Weil es unseren Gesprächspartner_innen wichtig war und wir mit unseren Lesegewohnheiten experimentieren wollen, haben wir dieses Mal den Gendergap verwendet.

14 unterschiedliche Beiträge, Essays sind dabei herausgekommen, alle mit verschiedenen Schlagworten tituliert. Es geht um die Sichtbarkeit von Migrant_innen in der Gesellschaft, um ihre Situation auf dem Arbeitsmarkt, um das Vertrauen in Staat und Gesellschaft, darum was Privilegien, Sprache und Gegenwärtigkeitsbewältigung bedeuten. Es ist ein Buch geworden, das vor Augen führt, was es bedeutet, als nicht-weiße_r, als Mensch mit Migrationshintergrund, als Mensch jüdischen Glaubens in einer weißen Gesellschaft aufgewachsen zu sein, ein Buch, das nur ansatzweise erahnen lässt, was es bedeutet, als Minderheit Diskriminierung erlebt zu haben und zu erleben.

Das Buch ist keine Abrechnung mit der Mehrheitsgesellschaft

Es zeigt, wie auch heute noch reflexartig auf Rassismus-Vorwürfe reagiert wird und diese negiert, wie Migrant_innen kategorisiert und in Schubladen gesteckt werden. Was es mit Menschen macht, wenn sie permanent gefragt werden, woher sie "eigentlich" kommen, wie es das Vertrauen in den Staat und die Gesellschaft verlieren lässt, wenn von "Dönermorden" gesprochen wird und die Hinterbliebenen eben jener von Behörden selbst zu Tätern gemacht werden, wenn Menschen, wie der Bremer Murat Kurnaz, trotz bewiesener Unschuld jahrelang von der rot-grünen Regierung im US-Gefangenenlager Guantanamo gelassen wurde. Wie es ist, bereits im Kinderalter Rassismuserfahrungen zu machen.

"Leute können die Namen der Figuren aus Serien wie Game of Thrones perfekt auswendig, aber wenn einer Murat oder Cem heißt, dann klappt das irgendwie nicht." Hengameh Yaghoobifarah

Das Buch ist keine Abrechnung mit der Mehrheitsgesellschaft, auch die Herausgeber_innen wollen es nicht als solche verstehen. " Wir haben die Begriffe "eure" und "unser" auf dem Cover Ton in Ton gedruckt, damit bewusst "Heimat ist Albtraum" steht", sagt Yaghoobifarah. Es sei kein "wir", die Diskriminierung erfahren hätten, gegen "ihr", gegen die weißen Deutsche. Es sei vielmehr eine Auseinandersetzung mit dem Heimatbegriff, der ohne weitere Diskussion trotz seiner mehr als problematischen deutschen Vergangenheit einfach den Weg in den Titel eines Ministeriums gefunden hat.

"Leute können die Namen der Figuren aus Serien wie Game of Thrones perfekt auswendig, aber wenn einer Murat oder Cem heißt, dann klappt das irgendwie nicht", sagt Hengameh Yaghoobifarah, und fügt hinzu: "Es bringt beispielsweise nichts, Legitimationsgründe für einen rassistischen Spruch zu suchen. Es bringt nur etwas, es zu merken, zu verstehen und beim nächsten Mal besser zu machen – es hat etwas mit Lernenwollen oder eben mit Ignoranz zu tun." Ein erster Schritt wäre es, zuzuhören. Vielleicht schon am Freitag im White Rabbit.
Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah lesen im Rahmen der internationalen Woche gegen Rassismus (14.-30. März) aus ihrem vor knapp drei Wochen herausgegebenen Werk "Eure Heimat ist unser Albtraum".

Was: Lesung "Eure Heimat ist unser Albtraum"
Wann: Freitag, 15. März 2019, 19.30 Uhr
Wo: White Rabbit Freiburg

Preis: 5 €

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