Rund 1500 pro Semester

Was 9 Nicht-EU-Ausländer von den geplanten Studiengebühren halten

Dora Volke, Johanna Hasse & Leonie Lieberam

Geht es nach der Landesregierung, müssen Nicht-EU-Ausländer ab dem nächsten Wintersemester rund 1500 Euro pro Semester zahlen. Dagegen demonstrieren Freiburger Studierende am Samstag. Was sagen die Betroffenen dazu?


Amjad (23)

Geboren und aufgewachsen in Damaskus (Syrien), studiert im Bachelor Informatik.

"Ich habe vor einer Woche von der Einführung der Studiengebühren gehört. Ich finde es ungerecht, dass wir Nicht-EU-Studierende zahlen müssen. Es sollte eher eine Gebühr für alle geben, die dann aber nicht so hoch ist. Für mich wird es sehr schwierig, die Gebühren zu bezahlen – ich werde noch mehr arbeiten müssen. Ich denke, es wird in Zukunft weniger Vielfalt an der Uni geben, weil nicht mehr so viele Studierende aus dem Ausland kommen. Das finde ich schade.

Ich bin zwar wegen des Krieges aus Syrien fortgegangen, aber ich habe keinen Flüchtlingsstatus. Seit einem Jahr habe ich eine Studierenden-Aufenthaltserlaubnis, ich muss mich deshalb selbst finanzieren. Mein Informatik-Studium in Syrien hat nichts gekostet, die staatlichen Universitäten sind umsonst. Ausländische Studierende müssen dort zwar auch bezahlen, aber nicht so viel, wie hier jetzt geplant ist."

Adja (23)

Aufgewachsen im Senegal und Tschad, studiert im Master Romanistik.

"Ich bin nach Deutschland gekommen aufgrund familiärer Schwierigkeiten. Ich wollte einfach raus und Deutschland war so weit weg wie möglich. Ich fühle mich hier mittlerweile zuhause. Das Bildungssystem scheint mir viel stabiler als in anderen Ländern. Im Senegal zum Beispiel streiken die Dozenten an den Universitäten viel öfter. Das Studium dort ist nicht sehr viel teurer als in Deutschland.

Ich war entsetzt und enttäuscht, als ich jetzt von der Erhöhung der Studiengebühren in Baden-Württemberg hörte. Ich habe das Gefühl, diskriminiert zu werden. 1500 Euro wären fast eine Million CFA-Franc im Senegal – das ist viel Geld. Nur die Reichen können sich das leisten. Meine Eltern sind gestorben und ich würde keine Hilfe von meiner Verwandtschaft bekommen. Aber ich habe Glück, ich werde hier in Deutschland von meinem Freund und seiner Familie unterstützt. Ich bin traurig und wütend, wenn ich mir vorstelle, wie es für Studierende ist, die nicht dieses Glück haben."

Musoke (30)

Kommt aus Uganda und hat in Freiburg den Master Embedded Systems Engineering abgeschlossen. Name von der Redaktion geändert.

"In Deutschland braucht man im Monat 700 Euro allein zum Leben. Das beachten die Leute nicht. In Uganda sind 700 Euro viel Geld. Dass das Studium hier bisher nichts gekostet hat, war wunderbar – so konnte ich mir mein Studium selbst finanzieren.

Deshalb habe ich mich für Deutschland entschieden und nicht für Schweden, England oder die USA. Für die geplanten 1500 Euro könnte ich zwei Monate leben! Hätte es die Gebühren damals schon gegeben, wäre ich sicher in einen anderen Teil von Deutschland gegangen."

Saniea (26)

Kommt aus Pakistan und studiert in Freiburg Embedded Systems Engineering.

"Ich bin nach Deutschland gekommen, weil es hier keine Studiengebühren gibt! Mit diesem finanziellen Argument konnte ich meinen Vater überzeugen. In Pakistan kostet der gesamte Bachelor an einer staatlichen Uni etwa 3000 Euro.

Rückblickend habe ich jetzt das Gefühl, dass ich in meinen vier Jahren Studium dort fast nichts gelernt und Zeit und Geld verschwendet habe. Hier in Deutschland sind das Bildungsniveau und die Qualität des Studiums viel höher. Ich glaube, mit den Studiengebühren würden viele wirklich gute Studierende woanders hingehen."

Alek (28)

Kam mit 11 Jahren aus dem Kosovo nach Deutschland und studiert Informatik. Name von der Redaktion geändert.

"Ich bin prinzipiell gegen Studiengebühren. Überall auf der Welt sollte Bildung nichts kosten, weil Bildung ein Menschenrecht ist. Was du in deinem Leben erreichst, hängt total davon ab, wo du geboren bist und was du dort für Chancen hast. Es sollten aber alle die gleichen Chancen haben, deshalb sollte gute Bildung für alle kostenlos zugänglich sein."

Charlie (20)

Kommt aus den USA und studiert Biochemie und Deutsch.

"Ich mache in Freiburg ein Academic Year. Wegen der Wahl und den aktuellen Ereignissen in den USA habe ich gar nicht mitbekommen, dass dieses Gesetz im Raum steht. Aber so schlimm ist es ja auch gar nicht – im Vergleich zu dem, was ich für meine Universität zuhause im Jahr zahle. Es würden trotzdem noch viele Amerikaner mit dem Programm nach Freiburg kommen, denn für Auslandsaufenthalte ist es viel leichter, Stipendien zu bekommen, als wenn man in Amerika bleibt. Ich kann verstehen, dass Baden-Württemberg das Geld braucht."

Armin (23)

Kommt aus dem Iran und macht in Freiburg seinen Master in Microsystems Engineering.

"Mit meiner sehr guten Bachelor-Note hätte ich ohne Aufnahmetest den Master in Teheran beginnen können. Nationale Unis im Iran haben keine Studiengebühren, das Essen in der Mensa und Wohnheimplätze sind sehr günstig. Trotzdem habe ich mich für die Uni Freiburg entschieden, weil sie technisch besser ausgestattet ist.

Ich hatte auch Zusagen von anderen Unis außerhalb von Deutschland, aber dort hätte ich ganz sicher nicht die Studiengebühren und gleichzeitig noch die Lebenshaltungskosten zahlen können. Die finanziellen Möglichkeiten von Studierenden haben rein gar nichts mit ihren Leistungen und Fähigkeiten zu tun. Warum also aufgrund der finanziellen Situation eines Studierenden sein Talent und seine Anstrengungen unterbinden?

Internationale Studierende der Technischen Fakultät bringen tausende von Euro nach Deutschland, indem sie hier ihre Lebenshaltungskosten bezahlen, und gleichzeitig tragen sie zur Entwicklung von industriellen Projekten und akademischer Forschung bei. Daher gewinnen sowohl die Universität als auch die Industrie viel Geld durch die Arbeit von internationalen Studierenden. Warum sollten diese also sogar eine extra Gebühr dafür zahlen? Ich glaube, dadurch setzt man sie unter Druck, sodass ihre Leistung darunter leidet – damit sinkt auch ihr Wert für die deutsche Wirtschaft."

Paola (31)

Kommt aus Brasilien und studiert in Freiburg den Master Romanistik.

"Ich bin nach Deutschland gekommen, weil mein Mann Deutscher ist und ich zum zweiten Mal schwanger war. Aber ich glaube, ich hätte den Master hier nicht angefangen, wenn ich dafür hätte bezahlen müssen. Es kommen viele Leute aus anderen Ländern zum Studium nach Deutschland und bezahlen nichts, was das Land natürlich viel kostet.

Aber 1500 Euro sind zu viel. Ich mache momentan nicht so viele Kurse, weil ich schon am Ende meines Studiums bin und weil ich drei Kinder habe. 1500€ zu bezahlen, wenn ich nur zwei Mal die Woche an der Uni bin, kommt mir absurd vor."

Eun (21)

Kommt aus Südkorea, studiert Liberal Arts and Sciences im dritten Semester.

"Ich studiere Liberal Arts und Sciences – ein Fach, das zu einem großen Teil aus Studierenden aus der ganzen Welt besteht. Die Zulassungsvoraussetzungen für den Studiengang sind hoch, nur die Motiviertesten werden genommen. Vielleicht können sich in Zukunft einige dann nicht mehr bewerben, weil sie es sich nicht leisten können. Zwei Freunde von mir würden sogar wieder zurück in ihr Heimatland gehen, da sie von ihren Eltern keine finanzielle Unterstützung bekommen.

Ich würde mein Studium beenden, da es das Programm so sonst nirgendwo gibt, aber ein Master hier wäre für mich keine Überlegung wert. Einerseits kann ich es verstehen, denn Deutschland ist eines von wenigen Ländern weltweit, wo die Uni nichts kostet. Doch jetzt wirkt es für mich wie ein Rausschmiss. Wir strengen uns doch an. Wollen sie denn überhaupt noch internationale Studierende?"
Was: Demonstration gegen Studiengebühren
Wann: Samstag, 26. November, 14 Uhr
Wo: Platz der Universität, 79098 Freiburg