Warum zwei Freiburger mit Kindern einen Flüchtlingsfilm aus Lego gedreht haben

Anika Maldacker

Im Herbst 2015 reden alle über Flüchtlinge. Mit seiner Grundschulklasse will sich der Freiburger Lehrer Sebastian Heinricht mehr mit dem Thema befassen. Ein Projekt mit Flüchtlingen und Schülern beginnt. Dabei entstand der Film "Heimat und Flucht" .

Im Herbst ist das Thema Flüchtlinge überall präsent. Doch die Hans-Thoma-Grundschule in Rheinfelden, an der Sebastian Heinricht unterrichtet, nimmt aus geografischen Gründen keine Flüchtlinge auf. Heinricht will sich mit seiner Grundschulklasse dennoch mit dem Thema beschäftigen und startet ein Projekt mit Kindern aus einem Rheinfeldener Flüchtlingsheim. Die besuchen die Grundschulklasse einmal wöchentlich. Daraus entstand die Idee, einen Kurzfilm mit Legofiguren über ein flüchtendes Kind zu drehen.


Acht Jahre sind die Grundschüler von Heinricht zu Beginn des Projekts jung. Mittlerweile sind sie zehn und der Film läuft am 23. April im Kino Rheinfelden. Im Interview mit Anika Maldacker erzählt Heinricht von dem Projekt.

Wieso habt ihr die Geschichte mit Legofiguren gefilmt?
Mir hat das gefallen, weil sich dabei kein Kind in die Rolle des Flüchtlings versetzen musste. Es wäre sehr schwer geworden, eine Fluchtgeschichte mit Kindern nachzuspielen. Als ich den ersten Teaser gesehen habe, war ich ganz überrascht, dass sich Emotionen auch mit Legofiguren zeigen lassen. Außerdem wollten wir mit den Kindern ein Medium ausprobieren, das sie selbst cool finden.

Was ist eigentlich Heimat für die Kinder?
Viele Schüler haben gesagt, dass für sie Familie und Freunde Heimat bedeuten oder dass Heimat ein Ort ist, an dem sie sich wohlfühlen. Die Flüchtlingskinder haben ähnliche Antworten gegeben. Auch für sie bedeutet Heimat Wohlfühlen und vor allem der Ort, an dem sie sich jetzt gerade befinden.

Wie kam die Idee, einen Film mit Kindern gemeinsam zu drehen?
Das Thema Heimat stand ohnehin auf dem Bildungsplan, ich habe es nur um das Thema Flucht erweitert. Die Kinder wollten außerdem Flüchtlingskinder kennenlernen. Also haben wir ein Mal pro Woche Flüchtlingskinder eingeladen. Wir haben auf Wunsch der Kinder ein Flüchtlingsheim besucht. Dort haben alle Kinder gemalt, wie Flucht für sie aussieht. Das war teilweise sehr emotional. Manche Flüchtlingskinder haben Kriegsbilder gemalt oder Verwandte, die gestorben sind. Das wollte ich nicht unbearbeitet stehen lassen und ein Projekt daraus machen.

Also habt ihr euch dafür entschieden, einen Film zu produzieren?
Ja. Ich erzählte im Frühjahr 2015 Simon Schneckenburger, einem Freiburger Filmemacher und Freund, von dem Projekt. Wir hatten zusammen die Idee, daraus einen Animationsfilm zu machen. Die Kinder überlegten sich gemeinsam die Story. Dabei geht es um ein syrisches Kind, Selim , das von Syrien nach Deutschland fliehen muss. Wir haben zusammen die verschiedenen Sets aus Pappmaché, Modellbauzubehör und Lego gebaut. Die Kinder haben wochenlang die Mittagspause durchgearbeitet oder sind nach der Schule geblieben.

Die Flüchtlingskinder, die mitgewirkt haben, berichteten von ihrer Flucht. Wie war das?
Das war ganz schön schwer, als Lehrer nicht einzugreifen, wenn die Erzählungen zu extrem wurden. Ich hab die Emotionen aber zugelassen, auch wenn dabei das ein oder andere Mal Tränen flossen. Diese starken Emotionen zeigt auch der Film, es wird gezeigt, wie Blut fließt und auch Kinder erschossen werden.

Wie funktioniert der Film?
Wir haben die Szenen in den selbstgebauten Sets mit Legofiguren nachgestellt und fotografiert. Zwölf Bilder werden für eine Sekunde Film benötigt, so dass die Bilder lebendig wirken. Feinheiten, Schnitt, Musik und Ton bearbeitet Simon nachträglich am PC.

Wie war es, mit den Kindern so eine schwierige Geschichte nachzuspielen?
Für mich war es spannend, aber ich war auch teilweise überfordert. Am Anfang des Projekts habe ich in meiner Klasse gefragt, was die Kinder sich unter Flucht und Geflüchteten vorstellen. Dann kam zunächst viel Negatives, zum Beispiel, dass Flüchtlinge nur klauen und die Bösen sind. Da musste ich vorsichtig sein, um als Lehrer keine Meinung aufzuzwängen. Es war nicht immer einfach, ein Gleichgewicht zwischen der neutralen Lehrerrolle und dem Aufklären von Vorurteilen zu finden.

Wie hat sich die Klasse mit dem Projekt verändert?
Die Vertrauensbasis und die Ehrlichkeit zueinander haben sich vertieft. Ich glaube, dass ich selbst auch Emotionen zugelassen habe, hat etwas verändert. Ich war manchmal sehr gerührt und die Kinder haben das gesehen. Es war schön zu sehen, wie unbefangen die Kinder im Flüchtlingsheim aufeinander zugegangen sind.

Ihr habt auch noch mehr mit dem Film vor.
Wir wollen versuchen, den Film der Öffentlichkeit beispielsweise über Kinderfilmfestivals zu zeigen und ihn über das Kultusministerium an andere Grundschulen zu bringen. Der Film ist authentisch, weil er von Kindern ist, aber nicht nur für Kinder.
Der Film "Heimat und Flucht" wird am 23. April im Kino Rheinfelden gezeigt. Der Eintritt kostet 5 Euro. Neben einem Rahmenprogramm wird nach dem Kurzfilm ein Kinderspielfilm gezeigt.

Sebastian Heinricht, 26 Jahre, wohnt in Freiburg und unterrichtet an der Hans-Thoma-Grundschule in Rheinfelden Mathe, evangelische Religion, Musik, Textil und Sachunterricht.