Warum wünschen wir uns Fairness?

Elisabeth Jahn & Kathrin Aldenhoff

Kein Geld? Oder zu knausrig es auszugeben? Kein Problem, es geht auch ohne: Nicht nur in Freiburg locken Angebote, bei denen der Nutzer zahlt, was er für angemessen hält. In Zeiten der Krise jedoch ist Sparen zu einer Tugend geworden. Also ausnutzen, was geht? Irgend etwas hindert uns daran. Religion, Anstand, Moral – Fairness?



Fairness ist laut Wikipedia „eine nicht gesetzlich geregelte Vorstellung individueller Gerechtigkeit“. Die Online-Enzyklopädie sollte es wissen, denn sie lebt vom fairen Verhalten ihrer Nutzer: Sie finanziert sich überwiegend aus Spenden. Genau 341647 Euro kamen vergangenes Jahr laut einer Pressemitteilung von Wikimedia allein in Deutschland zusammen.


Auch im Bereich Software gibt es Angebote, die an die Fairness ihrer User appellieren: so genannte Donationware. Jesse Reichler aus den USA beispielsweise betreibt seit 2005  die Internetseite donationcoder.com. Dort laden die User Software herunter und überweisen dafür einen selbst gewählten Betrag. Bisher spendeten etwa 6000 Menschen eine durchschnittliche Summe von 10 US-Dollar –  bei 100000 Downloads im Monat. „Leute zahlen für Software, wenn sie dazu gezwungen sind. Ohne Zwang sind viele aber nicht bereit, auch nur einen Cent zu geben“, sagt Reichler. Mit seinem Geschäftsmodell verdient er aber zumindest genug Geld, um ohne Verluste weiter  programmieren zu können.

Viele Konzepte gehen nicht auf

Auch der Umsonstladen in der Freiburger KTS wirft keinen Gewinn ab. Genau das ist jedoch beabsichtigt. „Wenn man Dinge nicht mehr braucht, kann man sie hier im Laden vorbeibringen für Leute, die sie brauchen“, sagt Mitarbeiterin Flo Tafesse. Der Laden funktioniert wie eine Tauschbörse. Kunden dürfen bis zu fünf Gegenstände mitnehmen, die sie selbst brauchen, also nicht weiterverkaufen. Janosch Burghart sucht sich gerade eine Hose aus: „Ich glaube, dass sich die Leute fair verhalten. Und sollte es doch mal einer nötig haben, etwas weiterzuverkaufen, dann ist das ja auch schon wieder fair.“

Auf Fairness setzte auch die Rockband Radiohead: 2007 stellte sie ihr neues Album „In Rainbows“ zum Download ins Internet. Die Fans sollten selbst entscheiden, was ihnen das Album wert sei. Laut  Studie eines Marktforschungsinstituts haben 62 Prozent der Nutzer das Album für den Minimalpreis – die Kreditkartengebühr – heruntergeladen. Die Band bezweifelt die Zahlen. Auf ihrer Website bedanken sich die Musiker  bei allen, die das Album heruntergeladen haben. Ob das Experiment geglückt ist, bleibt offen.

Die Menschen wünschen sich eigentlich,  dass alles gerecht zugeht. „Fairness ist in uns, vermittelt durch Erziehung und gesellschaftliche Sozialisation“, sagt der Basler Soziologie-Professor Ueli Mäder. Wenn aber jemand schlechte Erfahrungen gemacht habe und sich ungerecht behandelt fühle, sei die Wahrscheinlichkeit groß, dass er sich gegenüber anderen auch nicht fair verhalte. Deshalb können Konzepte, die sich auf die Fairness anderer verlassen, auch scheitern.

Ein Beispiel dafür bietet das Restaurant „Adler“ in Mengen. Dort zahlt dienstags jeder so viel, wie er für fair hält. Die Gäste können sich beliebig oft am Buffet bedienen. Die Auswahl ist groß. Am Ende des Abends legen sie Geld  in eine Holzschatulle. Stammgast Jutta Demmer sagt, sie gebe jedes Mal zwischen zehn und zwölf Euro. „Ich habe das Gefühl, ich handle fair.“ Anscheinend verhalten sich aber nicht alle Gäste so: „Einige nutzen das Prinzip aus. Sie kommen fast immer und geben nicht das, was das Essen eigentlich wert ist“, sagt Inhaberin Martina Krumm. Das Konzept rechnet sich bislang nicht –  sie überlegt, es einzustellen.



Kontrolle hilft nur vordergründig

Soziale Kontrollen können dazu führen, dass wir uns fair verhalten, wenn wir beobachtet werden. Also dann, wenn uns jemand dazu zwingt. Vielleicht würden Martina Krumms Gäste mehr zahlen, wenn sie der Chefin persönlich das Geld überreichen müssten. Langfristig jedoch könnten solche Kontrollen das Gegenteil bewirken, so Ueli Mäder:  „Verstärkte Kontrollmechanismen in unserer Gesellschaft setzen ein Menschenbild voraus, das davon ausgeht, dass wir  uns nur fair verhalten, wenn die Kontrolle da ist. Damit wird  ein Menschenbild  verstärkt, von dem wir uns eigentlich wegbewegen möchten.“ Denn sobald   dann  die Kontrolle nachlässt und Freiräume entstehen, sagt Mäder, werden diese ausgenutzt – unfaires Verhalten wird zum Protest.

An jedem zweiten Mittwoch im Monat bildet sich eine lange Schlange vor dem Freiburger Kino Friedrichsbau. „Pay after“ ist angesagt, oder, wie manche Gäste es nennen: Umsonstkino. Nach dem Film wirft jeder ein paar Münzen oder auch Scheine in den Pappkarton an der Kasse. „Normalerweise gebe ich drei Euro. Aber das hängt  davon ab, wie der Film war, wie ich drauf bin und wie es gerade im Geldbeutel aussieht“, sagt Kinogänger Matthias Steiert.

Im Schnitt drei Euro je Besucher sind das, was Kino-Mitarbeiter Matthias Gralla die Schmerzgrenze nennt. „Das haben wir in den letzten vier Jahren bisher nur einmal geschafft.“ Obwohl das „Pay after“ also finanziell nicht tragbar ist, will das Kino daran festhalten –   Gralla hält das  Konzept der Fairness trotz allem nicht für gescheitert: „So ist das Spiel.“

Aber ist es ein faires Spiel? Es gibt viele Momente, in denen das Fairness-Modell nicht funktioniert:  wenn  sich jemand ungerecht behandelt fühlt. Und glaubt, dies kompensieren zu müssen, indem er sich selbst unfair verhält. Andererseits, sagt Ueli Mäder, ist Fairness eine menschliche Grunderfahrung – und wir fühlen uns nur dann wohl, wenn wir unser eigenes Verhalten daran ausrichten: „Wir haben ein angeborenes Bedürfnis nach Gerechtigkeit."

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