Warum wird man pädophil?

David Weigend

Zu dieser Stunde beginnt im Freiburger Landgericht die Verhandlung gegen den 31-jährigen Angeklagten, der am 20. April die 13-jährige Schülerin Mirjam aus Auggen erdrosselt haben soll. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Mord in Zusammenhang steht mit der pädosexuellen Neigung des mutmaßlichen Täters. Zu dieser Neigung hatten wir einige Fragen, die wir einem Fachmann aus der Forensischen Psychiatrie in Emmendingen gestellt haben.



Im folgenden das Interview mit Dr. Franz-Xaver Regel, dem stellvertretenden Chefarzt der Abteilung Forensische Psychiatrie und Psychotherapie im Zentrum für Psychiatrie Emmendingen. Regel erstellt übrigens auch gerichtliche Gutachten, die Auskunft geben über die (verminderte) Schuldfähigkeit von Angeklagten.


Herr Doktor Regel, wenn man von Männern hört, die Kinder sexuell missbrauchen, ist man als Laie im ersten Moment geschockt und wütend. Irgendwann fragt man sich dann aber doch: wie kommt es dazu, dass ein Erwachsener so etwas tut?

Zunächst einmal muss man sagen, dass es den einheitlichen pädosexuellen Straftäter gar nicht gibt. Unter den Begriff der Pädosexualität fallen ganz unterschiedliche Täter und Taten. Das Spektrum reicht vom jugendlichen Minderbegabten bis hin zum älteren Menschen mit hirnorganischen Veränderungen.

Es gibt auch Erwachsene, die sich vorwiegend für ältere Kinder im Pubertätsalter interessieren und versuchen, eine von Liebe und Zärtlichkeit getragene Beziehung zu ihnen aufzubauen. Und es gibt diejenigen, die eigentlich an einer normalen Sexualität mit Erwachsenen interessiert sind, die aber in besonderen Lebenssituationen, zum Beispiel während einer Krise in der Partnerschaft, ausweichen auf Kinder; weil die unkomplizierter sind und leichter verfügbar.



Wann spricht man denn nun von einer pädosexuellen Störung?

Wenn jemand vorwiegend oder ausschließlich auf vorpubertäre Kinder fixiert ist.

Ist das die Kerngruppe der Täter?

Ja. Es geht diesen Menschen in der Regel um den Gebrauch und die Vergegenständlichung des kindlichen Körpers, nicht um eine erotische Beziehung, die von gegenseitiger Zuneigung getragen wird.

Warum interessieren sich Erwachsene für Kinder als Sexualobjekte?

Die Sexualentwicklung dieser Menschen ist schief gelaufen. Dies hängt natürlich zusammen mit der allgemeinen, kindlichen Entwicklung: Erfährt ein Kind Bestätigung? Ist es Gewalt ausgesetzt? Wird es vernachlässigt? Bekommt es übermäßige, erstickende Fürsorge? Viele Täter wurden in ihrer Kindheit selbst missbraucht.

All dies spricht dafür, dass pädophile Straftäter geprägt wurden und ihre Neigung nicht veranlagt ist.

Korrekt. Viele Täter kommen aus hochgradig gestörten Familien. In den meisten Fällen haben sie nie eine erwachsene Sexualität entwickelt. Ihr Bestreben ist es, zurückzukehren in eine kindliche Welt. Mit der Welt der Erwachsenen können diese Täter relativ wenig anfangen. Sie haben auch große Schwierigkeiten, mit einem gleichaltrigen Partner eine sexuelle Beziehung aufzubauen.

Ein Kind, das niemals erwachsen wird. Erinnert an Peter Pan.

Genau. Aus dieser Situation heraus rekrutieren die Täter ihre kindlichen Opfer. Sie begeben sich in Situationen, in denen sie von Kindern umgeben sind. Manche dieser Menschen machen in der freiwilligen Kinder- und Jugendarbeit mit oder übernehmen Kinderbetreuungen. Sie können sich meist sehr gut einfühlen in diese kindliche Welt und es gibt etliche, denen der nichtsexuelle Kontakt ausreicht. Bei denen kommt es gar nicht zu sexuellen Übergriffen. Gewalttätig werden nur etwa fünf bis zehn Prozent dieser Menschen.



Gibt es auch Frauen, die eine derartige Störung aufweisen?

Ja, aber zahlenmäßig verschwindend wenige.

Gibt es eine Faustregel, die man beim Kindermissbrauch aufstellen kann?

Je jünger das Kind ist, desto gestörter der Täter. Dieses Entpersönlichte wird umso stärker, je jünger die Opfer sind. Der Täter sieht das Kind nicht mehr als Mensch, sondern als Objekt, das gebraucht wird.

Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Schuldbewusstsein von pädophilen Straftätern gemacht?

Ganz unterschiedliche. Viele Täter, die eher eine partnerschaftliche Beziehung mit dem Kind anstreben, finden ihr Handeln völlig in Ordnung und sehen darin keine Schädlichkeit für das Kind. Sie berufen sich auch auf andere Kulturen und sagen etwa, dass es im antiken Griechenland Gang und Gebe war, wenn Männer ihre Lustknaben hatten. Diese Menschen vertreten die Auffassung, dass nur unsere verklemmte Gesellschaft ein Problem schaffen würde, durch eine rigide Gesetzgebung.



Aha.

Andere wiederum nehmen sehr wohl das Krankhafte ihrer Neigung wahr und kämpfen dagegen an. Sie haben oft große Schwierigkeiten damit. Aber sie wollen sich helfen lassen, bevor es zu einer Straftat kommt und suchen nach Therapiemöglichkeiten.

Der Gesetzgeber kennt ja die erheblich verminderte Schuldfähigkeit. Inwiefern sind pädophile Straftäter vermindert schuldfähig?

Nur in seltenen Fällen. Was auch daran liegt, dass der Gesetzgeber diesen Begriff sehr streng definiert. Der Täter muss viele Kriterien erfüllen, um vermindert schuldfähig zu sein. Es muss zum Beispiel erkennbar sein, dass der Täter wie ein Süchtiger in einen Strudel hineingerät und so sehr absorbiert wird von seinen sexuellen Fantasien, dass er sein soziales und berufliches Leben vernachlässigt; es muss erkennbar sein, dass sich der Täter immer mehr einspinnt in diese Vorstellungswelt mit der Frage, wie er seine Neigung ausleben und die Tat ausführen könnte.

Überwiegend muss man also von voll schuldfähigen Tätern ausgehen.

Korrekt. Täter, die in der Lage waren, das Unrecht ihrer Tat zu erkennen und ihr Handeln zu steuern.



Sind pädophile Menschen therapierbar?

Ja, in begrenztem Umfang. An die innere Grundproblematik kommt man nur bei wenigen Patienten heran. Idealerweise braucht man dafür einen Patienten, der einsieht, wie krank er eigentlich ist und sich bewusst der Therapie stellt. Er muss auch innerlich differenziert genug sein, um die Therapie durchzuführen. Das gelingt in der Regel nicht.

Warum fällt den Pädophilen die Psychotherapie so schwer?

Weil die Wurzel der Störung so tief liegt. Ein Beispiel, das häufig vorkommt: Eine gestörte Mutterbindung führt dazu, dass der Betroffene mit erwachsenen Frauen nichts anfangen kann. Er weicht auf Kinder aus, nimmt dann bei der sexuellen Straftat wechselnde Rollen ein. Zärtlicher Umgang schlägt abrupt um in Gewalt. Einmal sieht er in dem Kind sich selber, dann nimmt er wieder die Rolle der bösen Mutter ein, wird gewalttätig und straft das Kind.



Was kann der Therapeut beim pädophilen Patienten erreichen?

Die Abnormität selber kann man kaum korrigieren. Aber man kann dem Patienten dabei helfen, sein Verhalten zu kontrollieren. Es geht darum, Risikosituationen, wie den Spaziergang zum Spielplatz, zu erkennen und zu vermeiden. Daran haben ja auch diejenigen, die sich rechtzeitig melden, ein Interesse. Denn sie haben etwas zu verlieren. Pädosexualität tritt in allen Schichten auf.

Inwiefern sind Medikamente in einer Theraphie für Pädophile sinnvoll?

Natürlich gibt es Medikamente, die Libido und Errektionsfähigkeit reduzieren. Diese Wirkstoffe werden eingesetzt bei Menschen, die unter ihrer Triebhaftigkeit leiden und zum Beispiel mehrmals am Tag onanieren müssen. Allerdings ist es ein Trugschluss, dass man allein mit solchen Methoden pädophilen Straftätern beikommt.

Warum?

Es gibt zum Beispiel Täter, denen geht es um die Lust, die sie gewinnen, wenn sie das Opfer demütigen und beherrschen. Es regt den Täter an, wenn er Angst in den Augen des Kindes sieht. Diese sadistische Komponente eingewoben in die Sexualität. Hier wäre mit einer medikamentösen Triebdämpfung nichts auszurichten.