Warum wir zu Weihnachten Geschenke machen

Carolin Buchheim

Am Heiligabend liegen bei den meisten Menschen Geschenke unter dem Weihnachtsbaum. Warum eigentlich? Carolin Buchheim hat mit dem Vergnügungsforscher Sacha Szabo über das Schenken geredet. Warum manche Leute hässliche Sachen verschenken und warum Schenken im Kern eine religiöse Handlung ist:



Strickpullis mit Rentiermuster, Dekoartikel und Fußballbettwäsche  - manchmal hat man den Eindruck, manche Menschen verschenken absichtlich hässliche Dinge. Ist das so?


Sacha Szabo: Wenn der Schenker dem Beschenkten ein hässliches Objekt schenkt und suggeriert, er habe sich viele Gedanken über den Beschenkten gemacht, dann ist das ein gemeines Geschenk. Die Frage „Gefällt es Dir?“ gehört dann oft dazu. Meist lebt man dann auch in der sozialen Konvention, dass man den Gegenstand noch nicht mal wegwerfen kann. Dann wird zum Beispiel erwartet, dass man das hässliche Kleidungsstück beim nächsten Weihnachtsfest trägt.

Warum machen sich Menschen denn überhaupt Geschenke?

Schenken ist zum einen eine soziale Konvention, die einen zwingt, dem Gegenüber ein gleichwertiges Geschenk zu machen. Die Steigerung davon ist, dass man die Geschenke des anderen toppen will. Es muss immer größer, teurer, ausgefallener werden – viele dürften das aus der Verwandtschaft kennen, das kann innerhalb weniger Jahre eskalieren.

Der Ursprung dieser Art des Schenkens liegt bei den nordamerikanischen Ureinwohnern. Sie hatten ihre Stammesfehden im sogenannten „Potlatch“ ritualisiert. Dabei machte man sich gegenseitig Geschenke, um den anderen in letzter Instanz zu demütigen. Am Schluss war man sogar bereit, sich in die Sklaverei zu verschenken, damit man diesen Wettkampf gewinnt.

Ist Schenken also immer ein Konflikt?

Nein. Für ein wirkliches Geschenk erwartet man keine Gegenleistung. Ich nehme etwas, das mir viel bedeutet, und gebe es jemandem, der mir viel bedeutet – und bekomme nichts dafür zurück. Das hat eine fast meditative Qualität und macht das Schenken eigentlich zu einer religiösen Handlung und das Geschenk zu einer Opfergabe.

Wie passt das mit dem ausgeprägten Konsum zu Weihnachten zusammen?

Will man konsumkritisch argumentieren, so wurde ein religiöses System durch ein kapitalistisches ersetzt. Es basiert jetzt auf Geld und auf Nützlichkeit. Sehr spannend ist, das zu Weihnachten viele Objekte verschenkt werden, die überhaupt keine Funktion haben. Nicht nur Geschäfte, auch die Weihnachtsmärkte sind voll davon!

Diese Dinge sind tatsächlich eine Art Opfergabe. Man gibt das,was einem am meisten bedeutet, nämlich Geld, für etwas Unnützes aus. Deswegen sind nützliche Geschenke die noch in den 50er Jahren üblich waren –  wie  Staubsauger, Socken oder Krawatten – heute auch so verpönt.

Was fasziniert Sie als Soziologe an Weihnachten?

Grundsätzlich interessieren mich Phänomene, bei denen Menschen für einen kurzen Moment aus dem Alltag aussteigen – das gilt für Jahrmärkte, den Ballermann und Weihnachten gleichermaßen.    

Zur Person

Der Freiburger Soziologe Sacha Szabo betreibt das „Institut für Theoriekultur“ und forscht über das menschliche Vergnügen.  2013 veröffentlichte er gemeinsam mit Hannah Köpper die Sammlung „X-Mas-Studies – Weihnachten aus Sicht der Wissenschaft“.

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