Warum tragen so viele Fußballer Tattoos? Fünf Thesen vom Unterhaltunsgwissenschaftler Sacha Szabo

Sacha Szabo

Auf dem Unterarm von Beckham steht der Name seiner Frau, Naldos Rücken ziert ein Jesus am Holzkreuz samt Putten, auf dem Oberarm von Dante prangt ein Azteken-Ornament: Irgendwie gibt es kaum mehr Fußballspieler ohne Tattoo. Warum?! Der Freiburger Soziologe und Unterhaltungswissenschaftler Sacha Szabo hat dazu fünf Thesen aufgestellt:



1. Tätowierungen sind eine Chronik des Geschmacks

Objektiv kann man attestieren, Tattoos liegen im Trend. Zum einen hat sich die gesellschaftliche Akzeptanz der Tattoos gewandelt. Waren es früher nur Seeleute und Gefängnisinsassen so wurde das Tattoo der Frau des Ex-Bundespräsidenten Thema und ist auf ihrer Biographie prominent abgebildet.

Aber die Motive selbst wurden auch individueller. Gab es in den Tätowierstuben der 50er Jahre eine Handvoll Motive, von denen man sich eins aussuchen konnte, so sind heute die Tattoos meist Unikate. Allerdings sind diese wiederum von Moden abhängig. Waren in den 80er Jahren Rosen auf dem Oberarm beliebt und in den 90ern Tribals, sind es heute kalligraphische Botschaften.

Aktuell sind Namen auf dem Unterarm so etwas wie das Arschgeweih der Jahrtausendwende - wie auf dem Unterarm von Jerome Boateng ("Agyenim"), den Armen des Spaniers Fernando Torres ("Nora", "Olalla") und dem Unterschenkel von Lionel Messi ("Thiago").



2. Tätowierungen sind auf den Leib geschriebene Lebensgeschichten

Die Tattoos haben sich so individualisiert, wie sich die Lebensentwürfe individualisiert haben. Waren früher nur ein Dutzend Motive verfügbar, entsprechend der Möglichkeiten, sein Leben zu gestalten, so ist das Tattoo heute ein Mittel, sich selbst auszudrücken. Man lässt sich seine eigene Lebensgeschichte auf den Körper schreiben.

Schon eine der frühesten Arbeiten über Tätowierungen, die des Kriminologen Lambroso aus dem 19. Jahrhundert, erkennt in den Körperzeichnungen der Gefangenen eine Auseinandersetzung mit ihrem Leben. Heutzutage reichen die Anlässe vom Lebensmotto, über Reminiszenzen an die Eltern, den Partner oder das Kind, bis hin zu Symbolen und Metaphern, die für eine bestimmte Lebensphase stehen.



So hat sich der niederländischer Fußballnationalspieler Wesley Sneijder zwei Ringe und sein Hochzeitsdatum auf den Oberarm stechen lassen, und der schwedische Stürmerstar Zlatan Ibrahimovic trägt die Geburtstage seiner Familie auf den Handgelenken - die der Männer auf dem rechten, die der Frauen auf dem linken.

Man schreibt sich also seine Lebensgeschichte auf den Leib. Und wem gar nichts einfällt, der schreibt sich sein Geburtsdatum und den eigenen Namen auf den Arm - oder das eigene Sternzeichen, so wie HSV-Spieler Marcell Jansen ("Scorpion").

3. Die Tätowierung ist die Rüstung von Heute

Ursprünglich hatten die Tattoos beispielsweise der Maori neben der reinen Schmuckfunktion immer auch eine symbolische Dimension und eine Schutzfunktion. Dieser Schutz umgibt nun den Körper wie ein Kettenpanzer und hält schädliche Einflüsse fern. Ein Tattoo kann nun genau diese Funktion erfüllen, dass ein potentieller Gegner abgeschreckt wird.

Ließen sich die Fußballer der 70er Jahre wilde Bärte stehen, um gefährlich zu erscheinen, so tragen sie heute eben Ganzarm- oder gar Ganz-(Ober-)Körper-Tattoos. Diese magische Funktion kann durchaus funktionieren, wenn der Spieler so imposant wirkt, dass seinen Gegner der Mut verlässt. Beispiele hierfür sind Frankreich-Star Djibril Cisse und der Schalker Jermaine Jones.

Die Tattoos haben also eine Schutzfunktion.



4. Der tätowierte Körper ist der schmerzende Idealkörper

Warum sind aber Tattoos überhaupt so beliebt geworden? Dies hat etwas mit dem Wechsel von Körperverdrängung aus dem Alltag und Körperaufwertung in der Freizeit zu tun. Je weniger schwere körperliche Arbeit den Alltag prägt, umso mehr wird der Körper als Instanz aufgesucht, um Wirklichkeit zu erfahren. Dies ist der Grund für den Boom von Fitnessstudios, aber eben auch von Bodymodifications - vom Piercing bis zu den Tattoos.

Nun ist der Sport eine weitere und die klassische Möglichkeit, den Körper zu erfahren. Man geht bis an seine Schmerzgrenze und darüber hinaus. Auch hört man häufig, dass Fußball ein Kampfsport sei. Der Körper und die Schmerzerfahrung werden nun zum Garanten für eine spürbare Wirklichkeit. Und der Körper wird also, nachdem er im Alltag verdrängt wurde, im Sport neu inszeniert.



Der tätowierte Fußballerkörper wurde mit David Beckham der Idealkörper der Postmoderne. Und dieser Körper wurde von Innen durch Zirkeltraining und von Außen durch Tätowiernadeln gestaltet.

5. Die Tätowierung ist eine Auszeichnung

Häufig ist ja der erste Besuch beim Tätowierer eine Art Mutprobe. "Trau' ich's mich, trau' ich's mich nicht." Mutproben sind bestimmte Ereignisse im Leben, die den Probanden hinterher in einen neuen Status verleihen. Wobei die Ereignisse bestimme Prüfungen oder bestimmte Leistungen sind, die man erbracht hat.

So kann das Abitur, der Wehrdienst, die Hochzeit ein Grund für eine Tätowierung sein. Sicherlich ein noch prominenterer und wesentlich exklusiverer Grund wird der Gewinn der Weltmeisterschaft sein.



Mit Sicherheit werden Spieler aus der Weltmeistermannschaft sich dieses Ereignis auf ihren Körper einschreiben, sich also selbst auszeichnen. Es wird also spannend, wann man die erste Weltmeister-Tätowierung entdecken wird!

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  • fudder: http://fudder.de titel="">Wie werde ich Tattoomodel?
[Fotos: dpa]