Warum studieren Arbeiterkinder eigentlich so selten und Akademikerkinder so oft, Herr Maurer?

Marius Buhl

Von 100 Akademikerkindern studieren 80, von 100 Arbeiterkindern nur 24. In seinem Buch "Du bleibst was du bist" schreibt Marco Maurer, selbst Arbeiterkind, gegen diese Ungerechtigkeit an. Am Donnerstagabend liest er daraus in Freiburg. Marius Buhl hat vorab mit ihm gesprochen.



Wir leben in Deutschland. Hier startet jeder bei Null und kann alles schaffen, zumindest ist das die Kernaussage des Kapitalismus. Ihr Buch legt das Gegenteil nahe. Wie kommen Sie darauf?

Maurer: Theoretisch haben Sie Recht, jeder kann hier alles schaffen. In der praktischen Umsetzung mangelt es aber oftmals. Es gibt dutzende Hürden im Leben von Nichtakademiker-Kindern, die Akademikerkinder einfach nicht haben.

Vergleichen wir doch zwei fiktive Jungs, den Sohn einer Supermarktkassiererin und den vielzitierten Anwaltssohn. Wie unterscheidet sich deren Aufwachsen?

Das beginnt bereits beim Bewusstsein der Eltern. Die Anwaltseltern wünschen sich im Normalfall, dass ihr Kind in jedem Fall auch Akademiker wird. Die Nichtakademiker-Eltern können sich das oftmals nicht vorstellen. Zusätzlich haben diese Eltern oft auch weniger Zeit, sich um die Bildung ihrer Kinder zu kümmern, haben vielleicht selbst gar nicht den Horizont und das nötige Kleingeld für Nachhilfe.
Beim Eintritt ins Schulsystem kommen dann Vorurteile der Lehrer hinzu. Der Sohn der Anwälte bekommt  – das ist durch Studien bewiesen – von den Lehrern viel eher eine Gymnasialempfehlung als der, der Supermarktkassiererin. Zudem wird in den meisten Bundesländern schon nach der vierten Klasse auf die verschiedenen Schulformen getrennt, das benachteiligt erneut Schüler aus sozio-ökonomisch schwachen Milieus.  Insgesamt fehlt es an Geld und an Programmen, Chancengerechtigkeit herzustellen. Diese Hürden gibt es bis nach der Uni-Zeit. Denken wir an un- oder schlechtbezahlte Praktika. Die kann sich auch nicht wieder jeder auf seinem Karriereweg leisten.

Gibt es konkrete Zahlen, die diese Chancenungleichheit untermauern?

Von 100 Akademiker-Kindern studieren etwa 80, von 100 Nichtakademikern 24. Diese Differenz ist riesig. Jetzt mag man dagegen halten, dass immer mehr Kinder ihr Abitur ablegen. Nur reicht das Abi heute nicht mehr aus, es kommt aufs Studium an.

Haben die 24%, die es aus einem Nicht-Akademiker-Haushalt auf die Uni geschafft haben, Gemeinsamkeiten aufzuweisen?

Ich habe für mein Buch etliche Nichtakademiker getroffen, darunter einige sehr berühmte: Frank-Walter Steinmeier, Cem Özdemir, Rüdiger Grube. Sie alle hatten eine Bezugsperson außerhalb des engeren Lebenskreises, die ihr Talent erkannt und sie gefördert hat. Bei Özdemir war es etwa ein Nachbar, bei mir eine Lehrerin auf dem zweiten Bildungsweg. An dieser Stelle setzen auch Mentorenprogramme wie Arbeiterkind.de an – sie vermitteln motivierende Bezugspersonen und geben Halt. Sie helfen dem Zufall auf die Sprünge.

Wenn Personen außerhalb des engeren Lebenskreises Bildungs-Beschleuniger sind, dann sind die Eltern doch das größte Problem.

So pauschal ist mir das zu hart. Aber natürlich können die Eltern gewichtiger Teil des Problems sein. Ein Beispielsfall meiner Recherche war klassisch: Die Mutter war Supermarktkassiererin, das Kind wollte Journalistin werden. Die Eltern sagten: „Kind, das ist nichts für dich, Journalisten sind andere Menschen als wir.“ Bei mir war das ähnlich: Meine Mutter konnte sich lange nicht vorstellen, dass ich Journalist werden will. Bis vor zwei, drei Jahren fragte sie mich immer wieder, ob ich nicht wieder zurück in die Molkerei gehen will. Ich hatte vor meinem Entschluss Journalist zu werden, eine Lehre als Molkereifachmann begonnen.

Folgt man ihren Ausführungen, bekommt man den Eindruck, ein Handwerker sei ihnen nur wenig wert. Ist es nicht einfach normal und gut, dass es eine Separierung gibt?

Natürlich ist der Handwerker etwas wert. Es ist total toll, wenn jemand gerne Gärtner oder Schreiner werden will. Aber darum geht es nicht. Es geht um Nicht-Akademikerkinder, die etwas anderes wollen  –  studieren, eine Karriere antreten, die ein gewisses akademisches Level benötigen. Sie müssen sie Möglichkeit haben, das auch zu schaffen. Und es geht auch um Akademikerkinder, die Handwerker werden wollen: Auch das ist in unserer Gesellschaft untypisch, dem lieben Image wegen.

Gab es bei ihren Recherchen eine Vita, die sie besonders beeindruckt hat?

Die von Rüdiger Grube, dem Chef der Deutschen Bahn. Er hat sehr offen über seine Biografie geredet, was sehr untypisch ist für Personen in seiner Stellung. Rüdiger Grube ist auf einem Bauernhof aufgewachsen, er war zudem Scheidungskind. Als Jugendlicher wollte er Pilot werden. Seine Tante sagte zu ihm: ‚Das klappt nie, dafür braucht man Abitur!‘ Heute ist er einer der Topmanager Deutschlands.

Einfach war dieser Lebensweg bestimmt nicht.

Im Gegenteil. Das Hochkämpfen, das Überwinden der Widerstände hat ihn so viel Energie gekostet, dass es an einem Punkt zu viel wurde. Das war während des Studiums, da war Grube über längere Zeit völlig erschöpft, er konnte nicht mehr. Das bringt alles auf den Punkt: Es geht zwar auch als Nicht-Akademikerkind, aber es ist um ein vielfaches anstrengender. Das beweisen im Übrigen auch Studien, die sagen: Kinder mit ‚working class background‘ haben die doppelt hohe Wahrscheinlichkeit, an einem Burnout zu erkranken, als Kinder ohne diesen Hintergrund.

Wer hat eigentlich ein Interesse daran, dass sich daran nichts ändert?

Das frage ich mich auch immer wieder. Aber es ist in jedem gesellschaftlichen Bereich so, dass es auch gegen rationale Argumente Widerstände gibt. Gerade erleben wir das bei den Flüchtlingen, wo – mit Verlaub – Idioten behaupten, man müsse die Grenzen schließen und keinen mehr reinlassen. Diese Menschen wurden verfolgt!

Je höher man in der Gesellschaft steht, desto geringer das Interesse, Arbeiterkinder zu fördern. Stimmt diese Hypothese?

Natürlich haben höhere gesellschaftliche Milieus Sorge, ihre Kinder dann vielleicht auf dem Arbeitsmarkt den Kürzeren ziehen. Deshalb wird, vielleicht auch unbewusst, nach unten gestoßen. Das zeigt sich immer dann besonders gut, wenn Bundesländer eine Schulreform versuchen. Beim letzten Versuch in Hamburg hat die Mittel- bis Oberschicht mehrheitlich gegen eine Reform gestimmt. Eine längere gemeinsame Schulzeit für alle hätte gerade weniger bildungsaffinen Menschen geholfen. Das wurde verhindert. Dazu kommt, dass in bildungsfernen Milieus ohnehin seltener gewählt wird.

Was für Konsequenzen sehen Sie, wenn sich daran nichts ändert?

Ole von Beust, wohlgemerkt CDU-Politiker und Protagonist meines Buchs, hat mal zu mir gesagt: ‘Wenn wir die Schwachen weiter bildungsbenachteiligen, dann knallt auch in Deutschland bald der Laden.‘ Um diesen Eindruck zu bestätigen, bräuchte man nur in die französischen Banlieus zu schauen. Da leben mitunter Menschen, die oftmals keine Chance im Leben mehr sehen und sich von der Gesellschaft abwenden. Das kann keiner wollen.

Baden-Württemberg hat die verbindliche Grundschulempfehlung abgeschafft. Ein Fortschritt?

Entscheiden die Lehrer, werden Nicht-Akademikerkinder laut Studien benachteiligt, entscheiden die Eltern, kommt es laut anderer Studien zu noch mehr Fehleinschätzungen. Daher ist die Lösung eine ganz andere: Wir sollten die Kinder nach vier Jahren überhaupt nicht separieren sondern erst nach sechs oder am besten neun Jahren.

Anlässlich der Recherche ihres Buchs haben sie finnische Schulen besucht. Was machen die Finnen besser?

Dort gehen alle Schüler zusammen in eine Schule, neun Jahre lang. Dort bildet sich eine homogene Gesellschaft, Separierung findet nicht statt. Die Schule ist kostenlos, genauso Schulmittel und Verpflegung. An jeder Schule gibt es eine Krankenschwester und mindestens einen Sozialpädagogen. Auf 600 Schüler kommt zudem ein Psychologe, bei uns kommt einer auf 10.000. Zudem, und das habe ich in Deutschland selten erlebt, unterrichten in jeder Klasse zwei oder drei Lehrer gemeinsam. Um das zu schaffen, müssten wir natürlich deutlich mehr Geld investieren. Es wäre gut angelegt.

Zur Veranstaltung

Marco Maurer liest am Donnerstag im Rahmen des Tags der Vielfalt an der Universität Freiburg aus seinem Buch "Du bleibst was du bist" und spricht danach im Rahmen einer Podiumsdiskusion mit Prof. Dr. Dr. Franz-Josef Brüggemeier und Studentin Natalia Rodríguez Martín über Arbeiterkinder.

Was: Lesung, Tag der Vielfalt
Wann: Donnerstag, 19.11., 19.30 Uhr, Podiumsdiskussion im Anschluss
Wo: Aula des KG I
Web: Tag der Vielfalt

Zur Person

Marco Maurer ist deutscher Journalist und Autor. Er schreibt u.a. für die Süddeutsche Zeitung, den bayerischen Rundfunk, Die ZEIT und NEON. Für die Zeit veröffentlichte er die Titelgeschichte "Ich, Arbeiterkind" in der er die Mühen seines Aufstiegts und den Beschwerden anderer Arbeiterkinder beschreibt. Aus den Recherchen wurde schließlich das Buch "Du bleibst was du bist", das im Droemer Verlag erschien.

Mehr dazu:

Marco Maurer
Du bleibst was du bist - Warum bei uns immer noch die soziale Herkunft entscheidet
Droemer Knaur, 2015
€ 18,00
ISBN: 978-3-426-27633-4 [Foto: dpa picture alliance]