Warum streiken Freiburgs Uni-Ärzte?

Carolin Buchheim

Sie haben Autos geputzt, in der Fußgängerzone demonstriert und Teddybären verarztet. In den vergangenen Wochen waren die Aktionen der streikenden Ärzte der Uniklinik kaum zu übersehen in unserer Stadt. Aber worum geht es den Ärzten überhaupt? Wofür streiken Sie? fudder-Mitarbeiterin Caro hat sich den Ärztestreik und seine Hintergründe von jemandem erklären lassen, der sich auskennt: dem streikenden Freiburger Assistenzarzt Tobias Wengenmayer. "Ich will hier bleiben"Tobias Wengenmayer könnte es einfacher haben. Der 28-jährige Assistenzarzt hätte am vergangenen Montag bei einem der Headhunter, die von der Vertretung der streikenden Ärzten an die Uniklinik Tübingen zu Jobmesse eingeladen worden sind, einen Vertrag unterschreibenkönnen. Er ist nur eine Unterschrift weg vom besseren Leben. Einfach unterschreiben, schnell die Kündigung für seine Stelle in der Kardiologie der Uniklinik geschrieben, die Sachen gepackt, ab ins Ausland, nach Schweden, Österreich oder in die Schweiz vielleicht, wo er schon in seinem praktischen Jahr gearbeitet hat, oder gleich nach Australien, dem quintessentiellen Traumland des deutschen Jungmediziners. "Dann hätte ich nicht nur bessere Arbeitsbedingungen, ein höheres Gehalt und bessere Forschungsbedingungen, nein, das hätte auch den großen Nachteil, dass ich am Strand leben müsste." scherzt Tobias. "Aber ich will ja gar nicht weg; ich will hier bleiben. Und deswegen streike ich." Jammerei auf hohem Niveau?"Ärzte fordern 30 Prozent mehr Gehalt" liest man seit Monaten immer wieder in der Presse, und Politiker und Funktionäre werden nicht müde zu behaupten, die streikenden Ärzte jammerten auf hohem Niveau. Geht man dazu dann noch von dem in der Bevölkerung immer noch vorherrschende Bild des jungen Arztes à la Dr.Udo Brinkmann aus, demdes vom Wochenendurlaub an der Cote d'Azur gebräunte, Cabriofahrenden und Golfspielenden junge Arzt, dann könnte man tatsächlich auf die Idee kommen, dass es sich bei diesen 30 Prozent um einen Fall von Gier handelt."Es geht gar nicht um diese ominösen 30 Prozent," sagt Tobias, der einer der Assistenzarztsprecher der Kardiologie ist. "Was wir vor allem wollen ist, dass die Arbeit, die wir leisten, auch bezahlt wird. Es geht uns um faire Entlohnung unserer Tätigkeit. Im Moment werden wir nicht fair entlohnt."Denn die Realität junger Assistenzärzte, ihrer Arbeitszeiten und Bezahlung, sieht anders aus, als man annehmen könnte.Stundenlohn wie im Fast-Food-GrillZum einen ist da die Bezahlung. Fragt man Young Professionals aus dem nicht-medizinischen Bereich, was sie denn meinen, wie viel ein Assistenzarzt pro Stunde verdiene, dann schätzen die meisten auf einen Betrag irgendwo zwischen 20 und 30 Euro. Tatsächlich verdient ein Assistenzarzt jedoch weit weniger als 10 Euro pro Stunde, wenn man sein Gehalt auf die tatsächlich geleistete Arbeitszeit umrechnet. Überspitzt könnte man formulieren: Ein Assistenzarzt, jemand der rund 8 Jahre in seine Ausbildung investiert hat, dessen Ausbildung die Gesellschaft eine halbe Millionen Euro gekostet hat und der die Verantwortung für das Leben seiner Patienten trägt, verdient pro Stunde ungefähr so viel wie jemand, der in einem amerikanischen Spezialitätenrestaurant die Burger wendet. Im europäischen und internationalen Einkommensvergleich schneiden die deutschen Ärzte schlecht ab. "Wir machen hier Spitzenmedizin," erklärt Tobias, "wir arbeiten auf hohem Niveau und unsere Patienten müssen im Gegensatz zu Großbritannien zum Beispiel kaum großen Wartezeiten auf Operationen in kauf nehmen. Aber wir verdienen mit Abstand am wenigsten." Eine britische Studie aus dem Jahr 2004 bestätigt Tobias Aussage: Deutsche Ärzte liegen imEinkommensvergleich mit europäischen, amerikanischen und australischen Kollegen auf dem letzten Platz.Zudem sind die Realeinkommen der Klinikärzte in den letzten Jahren gesunken. Frank Ulrich Montgomery, Präsident des Ärzteverbandes Marburger Bund, der die Ärzte bei den Tarifverhandlungen mit den Ländern vertritt, erklärte vor kurzem in einem Interviewmit tagesschau.de, dass die Einkommen der Klinikärzte in den vergangenen zehn Jahren um sieben Prozent gesunken seien, obendrein das Weihnachtsgeld weggefallen sei und die Arbeitszeit jetzt auch noch um 3 ½ Wochenstunden erhöht werden solle. Eine Erhöhung um 30 Prozent stellt nach Meinung Montgomerys nur die Ausgangslage wieder her.20 Überstunden. Pro Woche.Zum anderen sind da die Überstunden. Rund 1.650 Euro netto verdient ein unverheirateter Assistenzarzt an der Universitätsklinik im Monat; dazu ist eine Wochenarbeitszeit von 40 Stunden festgelegt. Aber hier kommt das nächste Problem: faktisch arbeiten die meisten Assistenzärzte 60 Stunden pro Woche und mehr. Es erscheint unglaublich, dass diese Überstunden gar nicht oder nur äußerst gering vergütet werden, oder gleich gar nicht erst erfasst werden; de facto leisten die jungen Ärzte diese Stunden einfach ab, ohne sie zu dokumentieren. Die Vorgaben des Arbeitszeitgesetz, das nicht nur die Arbeitnehmer, also die Ärzte, sondern auch deren Patienten schützen soll, werden dabei permanent und systematisch unterlaufen. Würden die zuviel geleisteten Überstunden durch die Ärzte dokumentiert, so müssten die Abteilungschefs und letztendlich auch die Kliniken wegen permanenter Verletzung der Dienstaufsicht mit empfindlichen Bußgeldern rechnen.Mittlerweile versuchen die streikenden Ärzte einen Überblick über die geleisteten Überstunden zu gewinnen. Im Internet tragen einige engagierte Ärzte ihre tatsächlich geleisteten Stunden zusammen. Im Märzwaren es rund 5000. Niedlich sieht sie aus, diese Zahl, und sie ist wohl nur deshalb so niedrig, weil nur wenige Ärzte ihre Überstunden in die Datenbank eintragen. Allein die Ärzte an der Charité in Berlin haben errechnet, dass sie monatlich rund 85 000 Überstunden hergeben, einfach so."Wir streikenden Ärzte in Freiburg fordern deshalb auch die Einführung eines elektronischen Zeiterfassungssystems," sagt Tobias. In Heidelberg wird ein solches Zeiterfassungssystem gerade eingeführt, und es erscheint seltsam, dass etwas, das in jeder Fabrik und in jedem Kaufhaus funktioniert, an einer Universitätsklinik eine kleine Revolution darstellt.Und das mit den Überstunden ist noch lange nicht alles. Tobias erläutert, wo weitere Probleme liegen. "Als Arzt an einem Universitätsklinikum hat man eigentlich drei Aufgabenbereiche: Patientenversorgung, also die tatsächliche Behandlung des Patienten, Forschung und Lehre. Tatsächlich jedoch komme ich in meiner Arbeitszeit inklusive Überstunden nur zu Patientenversorgung und Lehre. Die Forschung muss ich praktisch nebenher ausüben, in meiner Freizeit nach der Arbeit und an Wochenenden." Tobias macht das sauer. "Immer wieder reden Politiker von Eliteförderung, und dass Deutschland ein Forschungsland sein soll, aber was an den Unikliniken passiert ist genau das Gegenteil: Forschung wird nicht nur erschwert, sie wird so gut wie unmöglich gemacht." Aus diesem Grund fordern die streikenden Ärzte auch die Freistellung für Forschungstätigkeit bei vollen Bezügen.Aber was heißt das eigentlich, dass die Ärzte streiken? Müssen Patienten sich tatsächlich Sorgen machen, dass sie schlecht versorgt werden, weil ihre Ärzte gerade demonstrierend Autoscheiben putzen oder in der Innenstadt Teddies verarzten? Was ist mit den Horrorgeschichten von verschobenen Operationen, die vor einigen Wochen zum Beispiel bei SternTV ausgewälzt wurden? "Wir, also die Ärzte von rund 20 Universitätskliniken, streiken unbefristet und bundesweit. Elektive Eingriffe, also solche, die warten können, müssen warten. Die Kliniken funktionieren mit Notbesetzung, aber eine Notfallversorgung ist immer gewährleistet. Wir wollen, dass die Gesellschaft merkt, dass wir so nicht weitermachen können und wollen, aber wir wollen diesen Streik nicht auf dem Rücken unserer Patienten austragen. Kein Tumorpatient muss auf seine Operation oder Chemotherapie warten, und niemand wird blutend irgendwo liegen gelassen. Wir leisten immer noch die gleiche gute Arbeit wie sonst. Nur eben in halber Besetzung."Die durch den Streik gewonnene 'freie' Zeit verbringen die Klinikärzte aber nicht zuhause oder im sicherlich wohlverdienten Wellness-Urlaub. "Die Ärzte, die nicht arbeiten, treffen sich zu Informationsveranstaltungen, versuchen die Aufmerksamkeit der Bevölkerung mit auffälligen Aktionen zu gewinnen oder nehmen an Demonstrationen teil. Vorletzte Woche demonstrierten rund 6.000 Klinikärzte in Hannover. "Wenn man bedenkt, dass wir insgesamt 22.000 Klinikärzte sind, ist das ein toller Erfolg." erklärt Tobias.Die Leidenschaft ist groß. Noch.Trotzdem ist Tobias gerne Arzt, der Klischeesatz von dem Beruf, der Berufung ist, trifft schon irgendwie auf ihn zu, und aus Deutschland weggehen will er eigentlich auch nicht. "Es mag sich seltsam anhören, aber ich fühle mich auch der Gesellschaft verpflichtet. Ich musste für meine Ausbildung keine Studiengebühren bezahlen, hier ist mein Lebensmittelpunkt. Aber langfristig leidet einfach die Motivation unter den schlechten Arbeitsbedingungen. Mich wundert es nicht, dass 30 Prozent aller Medizin-Absolventen letztendlich im nicht-kurativen Bereich arbeiten. Die Perspektive fehlt einfach." Im Moment scheint bei Tobias und seinen Kollegen jedoch mehr als genug Wut, Motivation und Leidenschaft vorhanden zu sein, um tatsächlich unbefristet für eine Verbesserung ihrer Lage einzutreten. Noch."Wenn sich für mich in ein oder zwei Jahren nichts substantiell ändert, dann geh' ich auf jeden Fall ins Ausland." sagt Tobias. Das wäre ein großer Verlust, nicht nur für seine Patienten.Mehr dazu:- Website der streikenden Ärzte an der Uniklinik Freiburg - Uni ohne Ärzte- Die Zeit: Sklaven in Weiss - Arbeitsalltag an der Charité- Marburger Bund- Debelias-Überstundendatenbank