Warum stehen in Freiburg 900 Wohnungen leer?

Elisabeth Kimmerle

...während 700 Menschen auf der Straße leben und etliche Studenten zum Semesterbeginn noch keine neue Bleibe gefunden haben? Die Macher der Website "Leerstandsmelder Freiburg" wollen auf dieses Ungleichgewicht hinweisen. Doch sind Hausbesetzungen wirklich die Lösung?



Kurz vor Semesterbeginn bekommen viele Studenten die Wohnungsknappheit in Freiburg am eigenen Leib zu spüren. Das Studentenwerk am Seepark hat eine Notunterkunft für Studenten eingerichtet, die noch keine Bleibe gefunden haben. Zugleich stehen in Freiburg 900 Wohnungen leer und 700 Menschen leben auf der Straße.


Diesen Missstand will der Leerstandsmelder Freiburg ins Licht der Öffentlichkeit rücken: Eine Internetseite, auf der jeder in Google Maps Wohnungen eintragen kann, die leer stehen. Hinter der Website stecken Freiburger mit unterschiedlichen Motivationen. „Die einen wollen lediglich auf den Leerstand in dieser Stadt aufmerksam machen, die anderen fordern eine sinnvolle, kostenlose oder billige Zwischennutzung für leerstehende Gebäude. Vielen geht es ums große Ganze, nämlich um die Ursachen, warum es in dieser Gesellschaft oft billiger ist, ein Haus leerstehen und verkommen zu lassen, anstatt es günstig zu vermieten“, sagt ein Verantwortlicher des Leerstandmelders.



Dass Häuser leer stehen, ist erst seit Ende des Jahres 2006 rechtlich möglich; davor gab es in Baden-Württemberg ein Verbot der Zweckentfremdung von Wohnraum. Die Zahl der leer stehenden Häuser in Freiburg ist im vergangenen Jahr nicht gestiegen, sondern stagnierte laut einer Studie des Berliner Marktforschungsinstituts Empirica bei 1,2 Prozent. Damit liegt Freiburg unter dem landesweiten Schnitt von 1,8 Prozent; jedoch wurden auf dem Leerstandsmelder seit dem 1. August 2010 bereits mehr als 30 leerstehende Objekte eingetragen, darunter auch ganze Straßenzüge und Teile großer Bürokomplexe. Die Leerstandsmelder gehen davon aus, dass die Marke von 900 leerstehenden Häusern noch dieses Jahr überschritten wird.



Das Xpress-Gebäude ist eines der Objekte, die auf der Website als leerstehend gekennzeichnet sind. Der 45 Millionen teure Komplex in der Schnewlinstraße wurde im Dezember 2008 eingeweiht. 2010 stehen noch immer zwei Drittel des Erdgeschosses leer. Der Bereichsleiter des Projektentwicklers Strabag Real Estate, Martin Lauble, führt die mangelnde Nachfrage auf die Finanzkrise zurück. „Wir sind dran, die Räume möglichst bald zu vermieten. Kürzlich konnten wir eine weitere Fläche vermieten, aber insgesamt haben die Werbemaßnahmen, die wir initiiert haben, noch nicht zum Erfolg geführt“, so Lauble. Dass das Gebäude im Leerstandsmelder steht, ist ihm neu. Er stehe dem Eintrag aber neutral gegenüber, solange keine Besetzung damit einhergehe.

Dass in Freiburg 900 von den 79.987 vermietbaren Wohnungen oft jahrelang leer stehen, während es für Studenten immer schwieriger wird, eine bezahlbare Bleibe zu finden und 700 Menschen obdachlos sind, hat in den vergangenen Jahren vermehrt zu Häuserbesetzungen geführt. Auch das Kollektiv, das hinter dem Leerstandsmelder steht, unterstützt Besetzungen. „Wir wollen auch das Thema Zwischennutzung ins Licht der Öffentlichkeit rücken und aufzeigen, welche Vorteile hier entstehen können. Es wäre genug Platz für billigen oder kostenlosen Wohnraum, es gäbe ausreichend Räume für unkommerzielle Kunst, Konzerte, Kultur und Cafés, Raum zum Treffen und viel Platz für die persönliche Selbstentfaltung der Menschen“, lassen sie verlauten.



Eine Hausbesetzung ist illegal, wie die Rechtsanwältin Angela Furmaniak bestätigt. „Selbst dieses möglicherweise bestehende legitime Interesse, auf den Wohnungsnotstand aufmerksam zu machen, die wirklich skandalöse Tatsache aufzumachen, dass es unheimlich viele leerstehende Wohnungen gibt, während massenweise Menschen auf der Suche nach Wohnraum sind, ändert nichts daran, dass eine Besetzung juristisch gesehen Hausfriedensbruch ist“, sagt sie.

Die Polizei kann allerdings erst einschreiten, wenn der Eigentümer des besetzten Gebäudes einen Strafantrag stellt; deshalb informiere sie ihn meist so schnell wie möglich, um das Haus räumen zu können. „Es gibt auch Hinweise darauf, dass die Polizei versucht, auf die Eigentümer durchaus einzuwirken, dass diese dann entsprechend Strafanträge stellen“, so Furmaniak.



Die Eigentümer lassen ihre Wohnungen aus unterschiedlichen Gründen unvermietet. Die einen scheuen mögliche Probleme mit den Mietern, andere wollen die Wohnung für ihre Kinder freihalten und für manche ist es billiger, die Wohnung leer stehen zu lassen, als sie günstig zu vermieten – so fallen zumindest keine Kosten für Renovierungen an.

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