Clubsterben

Warum steckt das Freiburger Nachtleben wirklich in der Krise?

Daniel Laufer

Die Passage46, der Klangraum, das QU, das BalzBambii und jetzt auch noch Schmitz Katze: Seit Monaten sterben der Stadt die Clubs weg. Zehn Veranstalter und Betreiber haben uns verraten, wie es im Freiburger Nachtleben läuft – und wo die Probleme liegen.

Peter Bitsch, Kagan

"Die Leute gehen nicht mehr so viel weg, wie noch vor fünf Jahren. Vor allem die Studenten sind sehr eingespannt, laufen Prüfungen und Abgabeterminen hinterher und müssen sehr diszipliniert sein, wohl wegen des Bachelor-Master-Systems. Früher hat man drei Monate studiert und hatte dann drei Monate Semesterferien, um Party zu machen. Gerade unter der Woche ist es schwierig geworden, einen guten Tag zu haben.

Wenn die Leute weggehen, machen sie das in Gruppen, um etwas zu feiern, Geburtstage oder Junggesellenabschiede. In dieser Richtung muss man ihnen etwas bieten. Das normale Laufpublikum geht dorthin, wo es nicht viel kostet. Man muss Anreize schaffen. Dass die Leute zum Beispiel weniger Eintritt zahlen, wenn sie früher kommen.

Wenn man Frauen hat, kommen Männer automatisch und bringen Umsatz. Deshalb bestimmen Frauen bei uns die Musikrichtung. Unsere Frauen sind sehr festgelegt auf Black Music, wollen auch ältere Sachen, die sie mitsingen können. Wenn ein DJ heute neuere Musik spielt, die sie nicht kennen, hören sie sofort auf zu tanzen. Um diese Erkenntnis muss man seinen Club aufbauen."

Simon Gerriets, Puzzles

"An Freitagen und Samstagen haben wir immer lange Schlangen vor der Tür, damit hatten wir nicht gerechnet. Zu uns kommen Leute zwischen 18 und 30, darunter viele Studenten. Wir nehmen keinen Eintritt, das kommt ihnen entgegen: Man merkt, dass sie nicht immer bereit sind, 8 Euro an der Tür auszugeben und drinnen nochmal das Gleiche für einen Longdrink.

Anfangs haben wir noch Mottopartys veranstaltet. Jetzt lassen wir DJs auflegen, die unterschiedliche Musikrichtungen spielen – für die Masse. Wir haben eine Clubkonzession, wollen am früheren Abend aber auch Baratmosphäre. Wenn Leute in einen Club kommen und nur fünf Menschen tanzen, sieht das leer aus und sie gehen womöglich wieder. Deshalb räumen wir die Tische immer erst später zur Seite, sobald es voll wird.

Veranstaltungen unter der Woche versuchen wir zu pushen, indem wir Spieleabende veranstalten, Beerpong anbieten oder einmal im Monat Livemusik. Das läuft soweit gut."

Markus Kreidel und Stephan Kern, Drifter’s Club

"Wegen der sozialen Medien herrscht mehr Bewegung. Die Leute haben nicht mehr nur einen Anlaufpunkt, sie suchen jetzt immer nach dem gerade angesagtesten Spot. Sie wollen die Infrastruktur des Clubs nutzen, aber keinen Eintritt zahlen. Sie bringen Alkohol mit und deponieren ihn vor der Tür, wodurch wir Umsatzverluste haben.

Das Publikum ist allgemein aggressiver geworden. Um Schlägereien und Taschendiebstähle zu verhindern, müssen wir mehr für die Sicherheit der Gäste ausgeben als früher. Zu Beginn hatten wir noch fünf bis sechs Tage die Woche Veranstaltungen mit unterschiedlicher Musik, haben uns dann aber auf unsere Wochenenden mit elektronischer Musik konzentriert, von Donnerstag bis Samstag, da nur diese Tage für uns wirtschaftlich Sinn gemacht haben. Die Kosten sind in den letzten Jahren gestiegen, zum Beispiel die GEMA-Gebühren.

Schwierig wird es für uns an den ersten heißen Wochenenden im Jahr oder wenn zeitgleich mit unserer Veranstaltung ein Festival stattfindet. Mittlerweile stellt außerdem jede Kneipe, jedes Kellerloch einen Plattenspieler auf und sagt: ’Wir sind jetzt ein Club!’ Obwohl sie es eigentlich nicht dürfen. Für genehmigte Vergnügungsstätten wie das Drifter’s gelten dagegen höhere Anforderungen - die wiederum höhere Kosten bedeuten."

Mario Held, Crash

"Die Jugend geht nicht mehr so gerne in Discos wie früher. Das Crash ist die billigste Einrichtung im Freiburger Nachtleben. Bei Partys fragt niemand: ’8 oder 10 Euro?’ Aber deshalb kommen noch nicht mehr Leute. Gut läuft es nur, wenn wir Veranstaltungen machen und damit gezielt ein gewisses Publikum ansprechen. Mit Metal-, Hardcore- oder Punk-Rock-Partys. Bei Techno-Partys beschweren sich die Leute – aber so ist das halt. Man muss sein eigenes Ding durchziehen.

Das Crash steht für eine Subkultur, wir können es nicht umkrempeln. Musikalisch sind wir der härteste Club in Freiburg. Für unser Publikum ist das gut – das merken wir. Die Frage ist, ob man einem Trend hinterher läuft. Wir machen das nicht und bieten, was wir schon immer gekonnt haben. Wahrscheinlich kommen wieder bessere Zeiten."

Christian Rotzler, The Great Räng Teng Teng und ehemals BalzBambii

"Im Räng merken wir, dass unter der Woche Tage wegfallen oder schwächer werden – selbst ein Donnerstag, der mal als gesetzt galt. Die größte Veränderung haben Bachelor und Master gebracht. Die Leistungsanforderung steigt, in Schule, Studium und Beruf. Die demografische Entwicklung spielt eine Rolle, damit auch das Lärmproblem. Man steht in der Innenstadt im Wettbewerb, hat durch den Mindestlohn eine Dokumentationspflicht. Das ist strenger geworden – und fairer.

Die Pacht in der Innenstadt sind hoch. Im BalzBambii konnten wir sie nicht mehr bezahlen. Wir haben Clubkultur gemacht – man hätte natürlich auch versuchen können, 150.000 Euro in den Laden zu stecken und eine Disco zu etablieren. Ich glaube, die Leute wollen mehr Events. Man muss ihnen jeden Abend als eines verkaufen. Deshalb sind auch diese Festivals so beliebt. Im Räng haben wir musikalisch unsere Nische gefunden. Das Entscheidende ist eine klare Ausrichtung."

Dennis Wiesch, tageins im Waldsee

"Bei tageins haben wir gemerkt, dass sich ein langer Atem auszahlt. Unser erstes Jahr war damals eine Katastrophe, wir haben trotzdem an unseren Erfolg geglaubt. Manchmal habe ich das Gefühl, dass so etwas heutzutage nur noch selten der Fall ist. Man muss guten Konzepten die Chance geben, sich zu entwickeln und finanziell dahinterstehen.

Jetzt, nach 15 Jahren, läuft tageins nicht mehr so überragend, wie wir es kennen – vielleicht hat es sich etwas abgenutzt. Wir zielen auf Studenten ab, aber seit der Einführung der Bachelor-Studiengänge können die montags oft nicht mehr ausgehen. Die Altersgruppe zwischen 25 und 40 fehlt in Freiburg ein bisschen. Die Leute kommen zum Studieren, hauen danach aber oft wieder ab. Das Jobangebot ist beschränkt, wer in der Industrie arbeiten will, ist hier falsch.

Zu jedem Semesterstart muss man sich seine Fanbase wieder neu aufbauen. Eine richtige Szene bildet sich so nur schwer, vor allem in der Subkultur. Was kulturelle Möglichkeiten angeht, tut die Stadt Freiburg nicht viel, um jüngere Leute hier zu halten. In Mannheim zum Beispiel hat die Stadt eine Stelle für einen Popbeauftragten geschaffen. Bei uns würde auch mehr passieren, gäbe es diese Schnittstelle zwischen Underground, Subkultur, den Leuten vom Theater und dem Kulturamt."

Michael Musiol, Jazzhaus

"Unsere Zahlen sind nicht sehr rückläufig. Vielleicht, weil das Durchschnittsalter bei uns einen Tick höher ist als anderswo. Vielleicht aber auch, weil wir durch unsere Live-Konzerte ein wechselndes Publikum haben. Wenn die Leute dann kommen, sehen sie, dass wir auch Abende mit DJs machen und wollen das kennenlernen.

Nischenthemen haben es zurzeit allerdings etwas schwerer. Wir würden zum Beispiel gerne einen reinen Soulabend machen, womit wir eine spezielle Zielgruppe ansprechen würden. Kämen aber bloß 80 Leute, hätten wir sofort ein Problem. Unsere Räume führen dazu, dass die Kosten höher sind. Wir können nicht so viel probieren."

Thomas Rauhut, ehemals QU

"Unser einziges Problem im QU war der Bebauungsplan, der in den Räumen keinen Club vorsieht. Der Gemeinderat hat sich nie eingesetzt, das zu ändern. Keiner der Freiburger Bürgermeister war bereit, sich Zeit für uns zu nehmen. Stattdessen mussten wir Strafen zahlen, weil bei uns öfter als erlaubt getanzt wurde.

Dabei hatten wir eine perfekte Location ohne Nachbarn, die wir hätten stören können. Wir hatten Arbeitsplätze geschaffen und der Stadt Einnahmen gebracht, weil die Leute nicht nur ins QU kamen, sondern davor auch in der Stadt gegessen und eingekauft haben.

Ich glaube, das Rathaus steht vor einem Dilemma: Es gibt Interessensgemeinschaften, die eine stille Stadt wollen. Deshalb hat die Stadt Angst, etwas für das Nachtleben zu tun. Jetzt muss sie sich überlegen, was man hier machen kann."

Thobias Magnussen, Schneerot

"Die Bars verschmelzen immer mehr zu Clubs, verlangen aber keinen Eintritt und bieten trotzdem Tanzveranstaltungen mit DJ an. Dies ist aber auch ein überregionaler Wandel beziehungsweise in ganz Deutschland zu beobachten. Ein Problem für echte Clubs: Die Leute gehen lieber etwas essen und trinken, wo sie keinen Eintritt zahlen müssen und bleiben auch dort.

Das Konsumverhalten hat sich sehr geändert. Was das Ganze für die Clubbetreiber natürlich noch schwieriger, macht sind die höheren Gebühren an Versicherung und GEMA. Am Studentenabend-Mittwoch kommen zum Beispiel Leute, denen die Shots für 1,50 Euro zu teuer geworden sind. Das war vor zwei Jahren noch nicht so krass. Die Generation der 18- bis 22-Jährigen sitzt lieber am See oder Fluss oder holt sich an der Tankstelle die Wodkaflasche für paar Euro.

Das Geld geben viele auch für ein Abo bei einer Dating-App wie Lovoo oder Tinder aus. Statt in eine Diskothek zu gehen, trifft man sich gleich in der Bar. Das Schneerot ist ein Kommerz-Club. Also versuchen wir, uns bei der Musikauswahl immer wieder neu auf die Marktveränderungen - Wünsche, was gerade ’in’ sein sollte - einzustellen. Eine Zeitlang hatten wir reine R'n'B-Abende oder auch elektronische Abende – da forderten die Leute dann mehr House und Black oder einfach mehr Mixed Music an den jeweiligen Abenden. Früher konnten wir auch mal Funk oder Soul laufen lassen.

Für andere Musik mit großen Headlinern gehen die Leute höchstens noch auf externe Konzerte - oder auf Festivals wie die Sea You, da die Leute dort mehr gewillt sind, einen höheren Eintrittspreis zu bezahlen."

Frank Joos, AGAR

"Wir vom AGAR denken, dass es in den letzten Jahren einige Faktoren gab, die das Ausgehverhalten der 18- bis 28-Jährigen verändert haben. Hier ist allem voran anzuführen, dass sich die Studiengänge durch Bachelor und Master eher in ein schulisches System verändert haben. Das betrifft vor allem das Ausgehverhalten der Studenten, die unter der Woche weniger unterwegs sind.

Dazu kam die Tatsache, dass viele einen Zweitjob annehmen müssen, um ihre Lebenshaltungskosten zu verdienen. Schlussendlich kam natürlich auch die Veränderung der Sperrzeiten dazu. Wenn man ganz weit zurück geht, erinnert man sich, dass Kneipen und Cafés um 1 Uhr schließen mussten. Heute gelten nahezu einheitlich Sperrzeiten, außer man beantragt eine Sperrzeitverkürzung, zum Beispiel von unter der Woche 3 Uhr auf 4 Uhr, was wir haben. Hierdurch verlagert sich das Nachtleben in den Clubs in die Nachtstunden nach 0.30 Uhr. Dies sind für uns die Hauptgründe für einen Gästerückgang.

Wir versuchen dem entgegen zu wirken, indem wir unsere Konzepte der jeweiligen Abende immer wieder überdenken, neue DJs buchen und immer wieder versuchen, Anreize zu schaffen, dass die Gäste aus den Bars ab 0.30 Uhr in die Clubs abwandern. Auch denken wir über Gastrocards und weitere Specials für die Feierwütigen nach. Das Nachtleben in den Clubs beginnt generell später als früher, aber es ist immer noch interessant. Vielleicht sollten auch mehrere Clubs sich abstimmen und mehr in Richtung ’Freiburg feiert auch nachts’ denken.

Das ’Clubsterben’ in Freiburg finden wir sehr schade, weil wir uns immer als Wettbewerber und nicht als Konkurrenten gesehen haben. Wir wollen weiterhin allen Feierwütigen eine gute Party bieten und werden an unseren Öffnungstagen (Dienstag, Donnerstag, Freitag und Samstag) festhalten."