Aufregen ist ihr Hobby

Warum so verklemmt? Let’s talk about (queer) Sex!

Dita Whip

Am Ende sind wir alle gefickt: Unsere Kolumnistin Dita Whip hält nichts von Sprachtabus beim Thema Sex. Denn wenn wir es nicht schaffen über alle Formen des Liebesspiels offen zu reden, wird es nie eine sexuell mündige Gesellschaft geben.

Let’s talk about Sex! Ich höre schon besorgte Bürger und Bürgerinnen mit den Zähnen knirschen und den Füßen scharren! Warum? Weil ich mal fest behaupten würde, dass in unserer Gesellschaft zu wenig offen und ehrlich über Sex gesprochen wird… vor allem über non-heteronormativen Sex. Aber zurück zum Anfang.


Offen, ehrlich und vor allem "non-shaming" (also nicht abwertend) über Sex zu sprechen, ist für viele Menschen aus einer Vielzahl an Gründen sehr schwierig. Vor allem in Deutschland. Dass es in anderen Ländern auch so ist – oder vielleicht sogar schlimmer – ist mir durchaus bewusst. Sex ist nach wie vor eine Sache der Privatsphäre. Etwas, das irgendwie schmutzig ist und wovor wir so viele Menschen angeblich schützen müssen.

Das Sextabu schadet der Gesellschaft

In meinen Augen ist das nicht nur Schwachsinn, sondern schadet auch unserer Gesellschaft. Mit der Herabsetzung des Themas Sex zu einer fleischlichen Nuance, die es zu überwinden gilt, quasi einer Randnotiz im gesellschaftlichen Diskurs, erreichen wir weder eine sexuell mündige Gesellschaft noch helfen wir uns damit selbst an der Front solcher Themen wie Sexualgesundheit, körperlicher Selbstbestimmung, sexueller Gewalt, sexueller Vielfalt, Aufklärung und Verhütung.
Du liest gerne fudder?

Damit fudder jungen Journalismus aus Freiburg bieten kann, bitten wir Dich um Deine Unterstützung. Werde Mitglied in fudders Club der Freunde.

Als Bonus gibt’s für Dich exklusive Veranstaltungen und Gewinnspiele und vieles mehr: Elf Gründe, warum wir Dein Geld wert sind.

Wenn über Sex gesprochen wird, beziehen wir uns noch immer fast ausschließlich auf heterosexuellen Sex. Selbst dabei sprechen wir nicht miteinander, sondern übereinander. Der Stammtisch entscheidet, wer der Held ist und welche Frau heute die Schlampen-Karte zugeschoben bekommt. Sex wird nicht als Spektrum verschiedener Tätigkeiten von verschiedenen Personen gesehen, sondern als Einbahnstraße – ganz klar geregelt.

Am Ende sind wir alle gefickt!

Die Medien vermarkten angebliche Celebrity Sex-Vorlieben als Skandale und die Aufklärung erfolgt heute irgendwo zwischen Schule, Elternhaus und den Weiten des Internets. Sehen wir es ein: Wenn es um ein differenziertes Bild von menschlicher Sexualität geht, so sind wir alle sprichwörtlich gefickt.

Lifestyle-Magazine, TV-Formate und YouTube sind voll mit Sex-Tipps, Tricks und Reports. Dabei wird das Thema nur selten mit einer gewissen Ernsthaftigkeit angeschnitten. Im medialen Sinne nähert sich die Nation beim Thema Sex der Dr. Sommer-Ecke an.

Zwar finden sich einige hingebungsvoll hochwertige Angebote im queeren Bereich, welche sich mit queerer Sexualität auseinandersetzen, aber dem Mainstream ist das ganze so fremd wie Oma Hilde die Verwendung eines Buttplugs. Dazu kommt noch ein scheinbares Stigmata. Sex ist eh schon als Thema schwierig... und dann auch noch queer?

Lesbische Non-Existenz & Schwule Mythen

Lesbischer Sex ist sowohl in den Medien als auch in der öffentlichen Diskussion eine eher "ruhiges" Thema. Entweder können Medien lesbischen Sex nicht realistisch darstellen, oder er existiert schlichtweg nicht. In Pornografie existiert lesbischer Sex fast ausschließlich für ein männlich-heterosexuelles Publikum.

Und dabei wird eher die Vorstellung gefördert, dass alle Frauen bisexuelle Experimentierfreundinnen sind, die vor allem für das Gusto der Männer das eigene Geschlecht entdecken. Spricht man auf der Straße mit Menschen, so scheint es, als gäbe es keine wirkliche Idee, wie lesbischer Sex funktioniert. Da fallen dann eben nur so Worte wie "scissoring".

Auf der anderen Seite des Regenbogens scheint schwuler Sex eine Sache zu sein, worum sich mehr Legenden ranken als um das Bernsteinzimmer und den Tod von Lady Dianna. Offenbar gilt: Je abstruser desto besser. Die Folklore lehrt uns fleißig, dass alle Schwulen nur nach dem nächsten Penis der Größe einer Dose Haarspray suchen, absolut versessen heterosexuelle Männer bekehren wollen oder geil darauf sind, auf der nächstbesten Fisting Party den After bis zum Anschlag zu dehnen. Mal ganz abgesehen von der Frage: Wer ist denn bei euch die Frau!? Die Diskussionen um Bisexualität und das sexuelle Verhalten von Bisexuellen sprengt vielen dann endgültig den Kopf. Mal ganz abgesehen vom Sexualleben von Transpersonen.

Unsere Sprachkultur schafft eine paradoxe Situation

Während lesbischer Sex ein scheinbar unlösbares Mysterium ist, so sammeln sich bei schwulem Sex alle Fetische auf einmal... und feiern ein großes Fickfest. Das hat am Ende auch Auswirkungen auf die gelebte Sexualität der Menschen. Unser Diskurs über Sexualität schafft Offenheit, Verschlossenheit, Tabu und Scham zugleich.

Wir müssen anfangen, normal und ohne Scham über alle Arten von Sex zu sprechen. Und dazu gehört etwa ein altersgerechter Sexualkunde-Unterricht. Mit mehr Sexualitätskonzepten als Mann/Frau und vaginaler Penetration! Erstaunlich viele heterosexuelle Männer haben beim Sex gern Mal einen Finger im Po und – welch Wunder – Frauen sind nicht entweder nur frigide oder dauergeil.

Nennt die Dinge beim Namen

So normativ und verbissen geregelt, wie uns manche Personen, Sendungen und politische Initiativen glauben machen wollen, ist heterosexueller Sex nicht. Und queerer Sex ist dementsprechend nicht nur ein bloßes Fetisch-Wunderland, sondern eine offene Spielwiese.

Und wenn Ihr euch jetzt fragt: Wo können wir anfangen? Ganz simpel! Nennt die Dinge beim Namen, hört auf Praktiken sexuellen Orientierungen zuzuordnen und habt den Mut, Sexualität "non-shaming" zu besprechen.
Über Dita Whip

Dita Whip – die Freiburger Drag Queen, Burlesque Showgirl und One "Woman" Sensation hat prinzipiell eine Meinung zu allem. Vor allem aber zu Themen welche die queere Community betreffen. Und dabei bleibt die schwarze Witwe gern dem Motto "Hauptsache Unfreundlich" treu. Für fudder schreibt Dita Whip seit Januar 2019 monatlich eine Kolumne, in der es um Themen gehen soll, die die LGBTQI-Szene umtreiben. Da Dita von sich selbst sagt, dass Aufregen ihr Hobby ist, ist das auch das Stichwort der Kolumne.

Mehr Kolumnen von Dita Whip: