Religion

Warum sich zwei junge Freiburger zum Priester ausbilden lassen

Judith Reinbold

Sein Leben ganz der Religion und Gott widmen: Für viele junge Menschen wirkt das Amt des Priesters eher abschreckend. Warum zwei junge Freiburger dennoch Priester werden wollen – und was sie vom Zölibat halten.

Weihnachten steht vor der Tür – auch im Priesterseminar Collegium Borromaeum (CB) in Freiburgs Innenstadt, wo momentan rund 40 Seminaristen zu Priestern ausgebildet werden. Bereits seit dem ersten Advent herrsche hier vorweihnachtliche Stimmung, sind sich die Priesteranwärter Amal Vithayathil und Lukas Nagel einig. Sie sind 23 und 19 Jahre alt. Was bewegt junge Männer zu der so endgültig scheinenden Entscheidung, Priester zu werden?


Es ist ein imposantes Gebäude, in dem sich das Freiburger Priesterseminar befindet. Dort spielt sich ein Großteil der Ausbildung zum Priester ab. Sozialpraktikum, Kennenlernen verschiedener Gebetsformen, Musikunterricht oder das zweimonatige Bibelstudium in Israel und Berlin – bereits am Anfang des achtjährigen Weges haben die Priesteranwärter ein strammes Programm.

Trotz Nachwuchsmangel kann nicht jeder Priester werden

Damit sie das auch schaffen, werden die Kandidaten sehr sorgfältig ausgewählt. "Oft höre ich die Frage, warum wir beim großen Nachwuchsmangel nicht jeden nehmen", sagt Christian Heß. Er ist als Regens, als Leiter des Priesterseminars, der Hauptverantwortliche für die Ausbildung der Männer: "Doch gerade das wäre bei einem Beruf, der gleichzeitig eine Lebensentscheidung ist, fatal. Tatsächlich lehnen wir rund ein Drittel der Bewerber ab."

Amal Vithayathil und Lukas Nagel haben dem prüfenden Blick des Regens standgehalten. Der 19-jährige Lukas Nagel hat sich erst vor Kurzem entschieden. Erst dieses Jahr hat der gebürtige Triberger sein Abitur gemacht. Amal Vithayathil dagegen hat bereits ein zweijähriges Psychologiestudium hinter sich und ist seit 2015 in Freiburg. "Mit dem Gedanken habe ich schon lange gespielt", sagt er heute, "ihn aber nie richtig zugelassen. Als es dann so weit war, habe ich meiner Familie erst davon erzählt, als ich bereits alle Zusagen in der Tasche hatte."

Beide sind in einem christlichen Haushalt aufgewachsen

Er schmunzelt, als er das sagt. Er kommt aus der Schweiz, seine Eltern aus Südindien. "Ich bin in einem sehr christlichen Haushalt aufgewachsen", erzählt er. In dieser Hinsicht sind sich die beiden Priesteranwärter ähnlich. "Meine Eltern sind beide Religionslehrer, in meiner Familie gibt’s drei Priester", sagt Lukas. "Der Beruf hat mich schon immer interessiert."

Freie Wochenenden sind am Priesterseminar selten, deshalb freuen sich beide auf Weihnachten im Familienkreis. Aber ist es nicht schade, in dem Wissen zu feiern, nie mit einer eigenen Familie die Feiertage genießen zu können? "Es gibt viele Menschen auf der Welt, die die Feiertage nicht mit der Familie verbringen, weil sie keine haben. Ich finde es auch sehr cool, für diese Menschen da zu sein", kommt die prompte Antwort.

Der Zölibat ist kein Problem

Amal Vithayathil und Lukas Nagel sind optimistisch, was den Weg angeht, der vor ihnen liegt. Sie scheinen neugierig zu sein und bereit, dazuzulernen. Über den Punkt, der viele andere wohl abschrecken würde, denken sie recht unbeschwert nach: der Zölibat. Ein Grundsatz der Ausbildung im CB soll es sein, das Feuer des Lebens zu finden und am Leben zu erhalten, so heißt es auf der Homepage des Seminars. "Deshalb muss der Zölibat eine freie Entscheidung sein", erklärt Regens Heß.

"Wenn, um das Bild aufzugreifen, das Feuer dafür nicht brennt, dann ist es nicht die richtige Entscheidung." Es sei zwar selten, dass jemand nach einer achtjährigen gemeinsamen Zeit kurz vor der Priesterweihe die Entscheidung treffe, noch auszusteigen. Aber das komme vor, auch wenn sie während der Ausbildungszeit in Kursen und Seminaren auf die neue Lebensform vorbereitet wurden. "Natürlich bedauere ich das. Doch wenn ich helfen kann, dass die Leute ihren Platz in der Kirche finden, dann ist die Ausbildung für mich damit erfolgreich."

"Ich finde, es ist eine durchaus schöne Lebensform" Lukas Nagel
Lukas Nagel ist da ebenso realistisch: "Ich finde, es ist eine durchaus schöne Lebensform. Und ich bin ja hier, um herauszufinden, ob sie auch etwas für mich ist." Eine Freundin hatten weder er noch Amal Vithayathil. Und dass beide gründlich nachgedacht haben, ist ihnen anzumerken. "Das Gebet hat mir in der Hinsicht viel geholfen", sagt Amal Vithayathil. So eine Entscheidung können sich viele Gleichaltrige nicht vorstellen. Die Reaktionen aus dem Umfeld der beiden waren ganz unterschiedlich. "Viele waren zuerst erstaunt, die meisten meinten dann aber, der Beruf würde gut zu mir passen", berichtet Lukas Nagel. Anders bei seinem Mitstudenten: "Die meisten haben gedacht, ich mache einen Scherz. Erst als ich nach Freiburg zog, wurde ihnen klar, dass ich es ernst meine." Bei der Vorstellung muss er noch immer lachen.

Doch warum Priester werden? "Ich möchte für die Menschen da sein", sagt Lukas Nagel. Bei ihm klingt das ganz normal. "Das Reich Gottes auf Erden ein kleines Stück weiterbringen", fügt er noch an. Auch Amal Vithayathil geht es in erster Linie um die Menschen. "Der Beruf des Priesters ist noch immer respektiert. Die Menschen kommen auf einen zu, wenn sie Probleme haben." Ähnliches schildert Regens Christian Heß, der 2004 zum Priester geweiht wurde. "Noch nie wurde ich in Priesterkleidung blöd angemacht." Ob das auch in zwanzig Jahren noch so sein wird? Amal Vithayathil und Lukas Nagel jedenfalls wollen es wissen.

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