fudder-Interview

Warum sich junge Menschen verschulden – und wie man ihnen helfen kann

Lisa Petrich

Dirk Grabolle ist Diplom-Sozialpädagoge und Schuldnerberater bei der Jugendberatung Freiburg. Lisa Petrich hat mit dem 55-Jährigen über seinen Beratungsalltag, Klischees und Ängste der jungen Schuldner gesprochen.

Wie ist der Ablauf, wenn eine Person zum ersten Mal zur Schuldnerberatung kommt?

Viele schämen sich dafür, Schulden zu haben und brauchen viel Überwindung, um überhaupt zu einer Beratungsstelle zu gehen. Wenn ich bei mir im Büro aus dem Fenster gucke, sehe ich, wie der ein oder andere Klient erst drei- oder viermal auf der Straße auf und ab geht, bis er schließlich hereinkommt. Außerdem bringen alle Klienten einen ganzen Cocktail voller Geschichten mit, sodass man die Probleme nicht getrennt voneinander betrachten kann. Zuerst muss dann eine Struktur erstellt werden, damit die Person, die zu uns kommt, auch auf einer Liste sehen kann, wie viele Schulden es tatsächlich sind. Alles, was der Klient alleine schaffen kann, sollte er selbst machen. Wir bieten – strikt nach dem Motto "Hilfe zur Selbsthilfe" – nur so viel Hilfe an, wie es notwendig ist.

"Bei unserer Präventionsarbeit geht es darum, Schwellenängste abzubauen und eine Vertrauensbasis zu schaffen."

Warum verschulden sich junge Erwachsene?

Die Leute, die zu uns kommen, sind oft in einer Phase der Verselbstständigung. Sie verdienen das erste Geld bei der Ausbildung, kaufen sich auf Pump ein Auto und ziehen mit der Freundin zusammen. Auf einmal brechen sie die Ausbildung ab, werden arbeitslos und haben sofort Schulden am Hals. Auch persönliche Dinge wie Trennung, Scheidung oder Krankheit spielen eine wichtige Rolle. Auch das Internet ist eine große Schuldenfalle, weil viele Verträge einfach per Button-Klick gemacht werden, ohne die AGB zu lesen.

Welche Ängste bringen Jugendliche zur Beratung mit?

Viele haben Angst, ins Gefängnis gehen zu müssen, wenn sie Schulden haben. Das ist aber eigentlich nie der Fall, wenn es keine strafrechtlichen Schulden sind. Sehr präsent ist bei den Jugendlichen auch die Angst, zu scheitern – also die Schulden nicht bewältigen zu können und in einer Situation zu versacken, in der dauerhaft Arbeitslosigkeit oder Ähnliches droht. Bei unserer Präventionsarbeit geht es dann darum, Schwellenängste abzubauen und eine Vertrauensbasis zu schaffen, damit die Leute zu uns kommen.

Haben Sie oft mit Klischees zum Thema "Schulden bei Jugendlichen" zu kämpfen?

Von außen heißt es oft, die Jugendlichen von heute seien Konsum-Junkies, die alles haben wollen und auf Pump kaufen. Aber wir leben das alle auch ein Stück weit vor. Wir haben einfach ein strukturelles, gesellschaftliches Problem. Die mit den wenigsten Erfahrungen, die jung sind und sich verselbstständigen, tappen natürlich am schnellsten in so eine Falle.

Mehr zum Thema: