Warum Schweizer bei einem Freiburger Antiquar 20% mehr bezahlen müssen als Deutsche

Frank Zimmermann

"Du bist Schweizer? Das kostet 20% mehr!" Das sagt der Freiburger Antiquar Michael Plietzsch seit neuestem zu Kunden, die aus der Schweiz zu ihm kommen. Die Schweizer Zeitung "Blick" ist in Aufregung, viele Freiburger sind entsetzt. Doch der Antiquar rechtfertigt sich: "Ich will dieser Geiz-ist-geil-Haltung Einhalt gebieten!"



"Ich will das als symbolhafte Aktion gegen die Gier verstanden wissen", sagt Antiquar Michael Plietzsch. Der 59-jährige betreibt in der Oberlinden-Passage an der Herrenstraße einen winzigen Laden mit alten Büchern. Das Hauptgeschäft, sagt er, mache er längst übers Internet und nicht mit Laufkundschaft, wobei die Bücherpreise im Netz in den letzten Jahren extrem gefallen und seriöse Preiskalkulationen kaum mehr möglich seien. Mehr als 30 000 Bücher – darunter sehr wertvolle, mehrere Jahrhunderte alte – habe er in seinem Bestand. Nach eigener Aussage sei er vor zirka 15 Jahren bundesweit einer der ersten Antiquare gewesen, die auch Handel im Internet betrieben haben. Er sei prinzipiell ein Händler, der sich nicht runterhandeln lasse. "Ich kalkuliere meine Preise und möchte niemanden im Laden haben, der mit mir handelt."




Plietzsch wehrt sich gegen die Hamsterkäufe von Schweizern im angrenzenden Deutschland: "Ich kann für mich nicht akzeptieren, dass hier aufgrund des erstarkten Franken so ein Run auf Waren eingesetzt hat, die für Schweizer deutlich billiger sind." So kämen Schweizer auf den Münstermarkt, um in großen Mengen Schweizer Käse zu kaufen und mit in die Schweiz zu nehmen; und in Konstanz würden ganze Autokorsos aus der Schweiz kommen, um Colakisten zu kaufen . "Ich finde das nicht in Ordnung. Da mache ich nicht mit." Er wehre sich gegen diese "Ich-bin-doch-nicht-blöd"-Haltung. "Ich habe keine Lust mehr auf dieses Geiern." Die 20 Prozent, die er mit Schweizer Kunden mehr verdiene, will Plietzsch keineswegs in die eigene Tasche stecken, sondern für geistig Behinderte spenden.

Er habe selbst viele Schweizer Kunden, sagt Plietzsch. Sein Rat: Entweder die Schweizer treten der europäischen Währungsunion bei oder die Deutschen dem Franken. Mittlerweile überlegten namhafte Schweizer Verlage wie Diogenes, sich in Deutschland anzusiedeln, weil Schweizer Herstellungs- und Verkaufspreise in Deutschland nicht zu vermitteln seien. Plietzsch hat auch von Schweizer Buchhändlern gehört, die in Deutschland Bücher aufkaufen, um sie in der Schweiz zu Schweizer Preisen zu verkaufen. "Wenn es zu solchen Auswüchsen kommt ..."

Olaf Kather, neuer Geschäftsführer des Handelsverbands Südbaden, ist "überrascht, fassungslos und erstaunt" in Zeiten, in denen jeder Einzelhändler darum kämpfe, dass sein Kunde nicht ins Internet abwandere. Ob die Aktion rechtlich zu beanstanden sei, müsse man weitergehend prüfen. "Das kann nur ein Gericht entscheiden." Er könne sie in jedem Fall nicht verstehen, die Geiz-ist-geil-Haltung sei doch kein Schweizer Phänomen. "Das ist doch geschäftsschädigend." Dass die Schweizer Kunden jetzt vermehrt nach Freiburg kämen, sei doch ein glücklicher Zustand. Der Handelsverband will in jedem Fall gegen diese "diskriminierende Preisgestaltung" Position beziehen. "Wir werden alles daran setzen, dass das nicht zu einem Imageschaden kommt. Schweizer Kunden werden genauso behandelt wie alle anderen Kunden."

Wirtschaftsförderer Bernd Dallmann ist verärgert über Plietzsch’ Aktion. "Das ist ein völliges Unding. Das ist diskriminierend und fremdenfeindlich. Man schämt sich und kann sich nur entschuldigen." Man dürfe nach Art der Ware differenzieren, aber doch nicht danach, wer der Käufer ist. "Ein Geschäftsmann muss soweit denken können, dass das nicht dazu beiträgt, die Freiburger Innenstadt attraktiv zu machen." Die Deutschen gingen ja auch über die Grenze, um in der Schweiz billig zu tanken." Dallmann zweifelt die rechtliche Zulässigkeit von Plietzsch’ Aktion an. "Das Amt für öffentliche Ordnung sieht keinen Verstoß gegen die Preisabgabenverordnung", entgegnet Rathaussprecherin Edith Lamersdorf nach Rücksprache mit dem zuständigen Amt für öffentliche Ordnung. Zum einen sei die unterschiedliche Preisgestaltung an der Tür sichtbar angezeigt. Zum anderen seien Preisnachlässe für bestimmte Personengruppen, beispielsweise für Studierende, durchaus üblich.

Die Reaktionen der Kunden auf seine Aktion reichten von "Mutig, das unterstütze ich" bis zu unglaublicher Empörung und dem Ratschlag, sich psychotherapeutische Hilfe zu suchen. Wie er seine Aktion in die Tat umsetze, wisse er auch nicht so genau; Schweizer in seinem Laden erkenne er schon. Zwei oder drei von ihnen hätten seinen Laden verlassen, als er ihnen seine neue Preisgestaltung mitgeteilt habe.

Ob er nicht Einbußen befürchte? Der Antiquar bleibt gelassen. "Wenn, dann werde ich sie hinnehmen." Er wolle aber in jedem Fall an der Aktion festhalten.

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[Foto: Rita Eggstein]