Ensemble Recherche

Warum "Schlag 6" im Ensemblehaus ein Publikumsmagnet ist

Sarah Nöltner

Was gespielt wird, wird vorher nicht verraten. Los geht's immer "Schlag 6". Ein Besuch bei dem ungewöhnlichen Konzertformat im Ensemblehaus.

17.45 Uhr: Zielstrebig radeln Menschen auf das Ensemblehaus zu, parken Räder, zupfen Jacken zurecht und streichen Hosen glatt. Eine Viertelstunde noch bis um "Schlag 6" das eintrittsfreie Überraschungskonzert im Ensemblehaus beginnt.


17.50 Uhr: Nur noch einzelne Plätze sind frei, gedämpfte Unterhaltungen, freudige Begrüßungen, gelegentliches Schniefen und Husten. 17.55 Uhr: Stuhlstapel werden hereingefahren, man packt mit an, aus der bisherigen Ersten wird unter entschuldigenden Blicken der später Gekommenen die zweite und die dritte Reihe.

Schnupperkurs für neue Musik

18.02 Uhr: Vor etwa 140 Menschen, mehr Frauen als Männern, wartet Shizuyo Oka nach einer kurzen Einführung auf Stille, dann schickt sie die ersten Töne ihrer Bassklarinette an der Grenze zur Unhörbarkeit in den Saal. Es gibt ein Solowerk von Johannes Maria Staud "Black Moon". Staud, 1974 in Innsbruck geboren, lotet in seinem Stück die Möglichkeiten der Bassklarinette in fast jeglicher Hinsicht aus: Lautstärke, Klangfarbe, Mehrstimmigkeit, percussive Effekte, Luftgeräusch, ploppende Klappen beim Sforzato, die dem Pizzicato eines Kontrabasses zum Verwechseln ähnlich klingen. Oka spielt und nimmt die Zuhörer mit, zieht sie ins Faszinosum der zeitgenössischen Musik.

Konzentriert und aufmerksam lauscht das Publikum und versucht, auch über das Sehen den fremden Klängen auf die Spur zu kommen. Mehrstimmigkeit erzeugt Oka sowohl durch sich überlagernde Klänge, schnelle Tonwechsel und Überblasen, aber wohl auch mit der Stimme, oder? Fragt sich mancher im Publikum. Ganz zu ergründen ist es nicht, aber es fasziniert. Aber es gibt auch leicht angespannte Gesichtszüge, wenn die Klarinette aufjault und im Fortissimo quietscht. Dennoch, als Oka endet: viel Applaus.

Geigerin Melise Mellinger, wie Oka vom Ensemble Recherche, kündigte ihren solistischen Teil des Konzertes an, sie spiele vom norwegischen Komponisten Ole Lützow-Holm "da sotto terra". Ein Stück, das Lützow-Holm der Geigerin gewidmet hat, als sie zeitgleich in Freiburg studierten (und ein Paar waren). Mellinger übersetzt den Titel mit "Aus der Unterwelt". Wer nach dem Titel etwas Düsteres oder Feuriges erwartet, wird enttäuscht, vielmehr klingen weite Teile des Stückes flirrend, voll heller Glissandi und Flageoletts. Dennoch geheimnisvoll und voll von Unbekanntem. Abrupten Abstrichen stehen feinste Aufstriche gegenüber, fast wie im Gespräch. Mellinger kostet alle Klangfarben des Instruments aus und die Zuhörer sind beeindruckt.

Offen und aufmerksam hört sich das Publikum durch das Konzert, lässt sich ein und erlebt ein Konzert mit "nur Neuem", wie Mellinger sagt. Auch das Stück, das Oka und Mellinger gemeinsam spielen, bündelt die Aufmerksamkeit im Saal.

Die Reihe "Schlag 6", die offen für alle und jedes Mal überraschend ist, werde sehr gut angenommen, erzählt Beate Rieker vom Ensemble Recherche. Das Publikum sei zum Teil Stammpublikum, die niederschwelligen Konzerte zögen aber auch immer wieder Menschen an, die sonst nicht in ein klassisches Konzert gehen würden oder die vielleicht erst mal in diese Musik hineinschnuppern möchten.

Und das Publikum selbst? Verlässt zügig das Ensemblehaus, nach dem Schlussapplaus. Der Abend ist kurz vor 19 noch jung. "Schlag 6" hat etwas von einem "Zwischendurch"-Konzert, unverbindlich, programmatisch offen. Ein tolles Format.
Schlag 6 ist ein Konzertformat, bei dem Musiker des Freiburger Barockorchesters und des Ensembles Recherche im Ensemblehaus, Schützenallee 72, etwa alle zwei Monate um 18 Uhr einen kurzen musikalischen Abend bestreiten. Das Programm wird vorher nicht verraten, der Eintritt ist frei. Die Termine werden auf http://www.ensemblehaus.de veröffentlicht – der nächste steht allerdings noch nicht fest.