Warum Nerds plötzlich cool sind: Interview mit Nerdforscher Mathias Mertens

Christine Duttlinger

Wieso gilt plötzlich als cool, wer jahrelang das Stigma des Außenseiters trug? Warum werden robuste Hornbrillen zum beliebten Accessoire? Der Kulturwissenschaftler Mathias Mertens setzt sich mit dem Phänomen Nerd auseinander. fudder-Mitarbeiterin Christine Duttlinger hat mit ihm gesprochen.



Herr Mertens, was ist ein Nerd?


Mathias Mertens:
Zuerst einmal: Der Begriff des Nerds ist ein Etikett, das für irgendwelche Zwecke verwendet wird. Menschen benutzen das strategisch. Es gibt in diesem Sinne keine Nerds wie es Tiger, Löwen und Panther gibt, sondern es ist eine Zuschreibung. Wenn man den momentanen Gebrauch betrachtet, dann sind Nerds an Spezialinteressen hängende Menschen, die sich häufig für Computer und Technik begeistern.

Der zweite Punkt, der Nerds ausmacht, ist, dass sie sozial nicht besonders begabt sind. Das heißt: Sie sind anders und passen nicht so recht zu dem, was sonst so passiert. Historisch gesehen ist der Nerd eine Kategorie, die von amerikanischen Highschool-Schülern entwickelt wurde, um Außenseiter in der Klasse zu kennzeichnen. Das waren die, mit denen man nichts zu tun haben wollte, weil sie irgendwie seltsam waren und nicht zu dem passten, was der Mainstream machte. Diese Kategorie hat sich dann auf bestimmte visuelle Stereotypen verengt. Also, dass diese Leute die berühmte Hornbrille tragen, genauso wie Tuchhosen und Hosenträger und ganz viele weitere peinliche Accessoires. Aber das muss mit der Realität gar nichts zu tun haben.

Was interessiert Sie am Nerd?

Ich beschäftige mich mit dem Nerd, um den Medienwechsel, den wir vollzogen haben beziehungsweise immer noch vollziehen, fassen zu können. Den Wechsel hin zur digitalen Umgebung. Ich bin Kulturwissenschaftler, und mich interessiert die kulturelle Umwälzung. Kultur kann man am besten erfassen, indem man Kulturträger analysiert. Den Nerd empfinde ich als einen solchen Kulturträger, und die Auseinandersetzung mit diesem Begriff und dieser Persönlichkeit ist eine Möglichkeit, Aussagen über unsere gegenwärtige Gesellschaft treffen zu können.

Sind Sie selbst ein Nerd?


Ich war es ganz sicher in den 80er Jahren. Dann habe ich mich allerdings auf Dauer ziemlich stark an die Umstände angepasst. Diese eigentlich Rotzigkeit, Überheblichkeit und Sicherheit, die viele Nerds haben, die praktiziere ich nicht mehr. Die Neigung, mich Spezialinteressen zu widmen und vollkommen in die Materie einzutauchen, die habe ich immer noch. Ich merke, dass das in mir drin steckt, ich es aber häufig nicht ausleben kann und dann unzufrieden werde.

Wieso ist der Nerd zur neuen Kultfigur aufgestiegen?

Er ist eine Modeerscheinung, und Moden sind ziemlich seltsam. Die momentane Verwendung ist tatsächlich interessant, weil jetzt so viele Leute auch Nerds sein wollen und es sich irgendwie als eine positive Qualität durchgesetzt hat, an der man teilhaben möchte. Das zeigt, dass bestimmte Medien in unserer Gesellschaft so wichtig geworden sind, dass viele an diesen Diskursen partizipieren wollen. Sie wollen Teil von diesen Strukturen sein, die jetzt unser Leben bestimmen – nämlich die Computerstrukturen.

Computertechnik ist ein extremer Lifestyle, und man bedient sich bestimmter stereotyper Merkmale, die man mit bestimmten Leuten verbindet, die davon Ahnung haben. Und das Einzige, was man hat, sind die Bilder von vor 25, 30 Jahren, als in den 80er Jahren in Filmen der Außenseiter, der sich viel mit Computer beschäftigt, gezeichnet wurde.  Es ist eine Mode, die auch wieder vergehen wird.

Existiert die Figur des Nerds erst, seit das Technikzeitalter begonnen hat?

Die Figur des Nerds wird erst durch bestimmte Medien als große Gruppe sichtbar. Den meisten Nerds ist das Interesse an einem kontrollierbarem System gemein. Wenn man alternative Systeme hat, die man völlig kontrollieren kann, dann kompensiert man dadurch den Kontrollverlust, den man vorher in der Gesellschaft erfahren hat, dadurch, dass man ausgegrenzt worden ist und eben keine Kontrolle über seine Beziehungen hatte.

Der Computer ist ein perfektes System, das man beherrschen kann. Deswegen sind in der Zeit, als sich Heimcomputer verbreitet haben, so viele Menschen an dieses Ding geraten und dadurch als Gruppe sichtbar geworden. Es hat sie aber sicherlich schon vorher gegeben.  Man kannte diesen einen Nerd aus der Klasse und hat sie nicht als eine gesellschaftliche Gruppe gesehen.

Ist der Nerd ein Einzelgänger?

Er müsste eigentlich alleine sein. Es müsste in der Logik des Systems liegen. Aber tatsächlich kann man beobachten, dass die Außenseiter sich schon immer gerne zusammengetan haben. Man kann jetzt andererseits durch den Medienwechsel auch feststellen, dass hier eben nicht nur Schicksalsgemeinschaften entstehen, sondern auch Interessensgemeinschaften, die vorher nicht möglich waren.

Jetzt kann man plötzlich im Internet mit den Menschen zusammentreffen, die dieselbe Interessenslage haben wie man selbst, und es bilden sich Cliquen mit ähnlichen Weltanschauungen und Werten. Ich würde sagen, die Einsamkeit des Nerds ist nur durch historisch gesellschaftliche Umstände entstanden. Das hat sich aber durch Veränderung dieser Umstände wieder aufgelöst.




Zur Person

Der Medienwissenschaftler Mathias Mertens wurde 1971 geboren und studierte Germanistik, Anglistik und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften in Köln und Hannover. Er schrieb zahlreiche Artikel und Essays über digitale Kultur und Kommunikation, unter anderem für die Zeitschrift „Spex“ und die Zeitung „der Freitag“. Mathias Mertens ist Mitbegründer der Arbeitsagentur „Nerdwork“, die  Nerds auf dem Arbeitsmarkt vermittelt. Er ist derzeit Dozent für Medienwissenschaft am Institut für Theater und Medien an der Universität Hildesheim.

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[Bild 1: dpa; Bild 2: privat]