Warum muss Hader weg?

Nadja Röll & Veit Blümlhuber

Mit seiner Tragikkomödie "Hader muss weg" trat der österreichische Kabarettist Josef Hader am Donnerstag vor den voll besetzten Rängen des Stadttheaters auf. Mit verbaler Rauflust stürzt er sich auf die Gesellschaft, in der niemand verschont bleibt.

Warum muss Hader weg? Weil er die Nase voll hat vom Leben und vom Koks? Weil er keine Liebe findet und stattdessen ein erbärmlicher Liebhaber mit Harnwegsinfektion ist? Oder spricht er damit dem Publikum aus der Seele, das von seiner zehn Jahre alten Show gelangweilt ist?

Hader stellt sich vor die vollen Ränge des Stadttheaters, täuscht eine technische Panne vor und schon ist er wieder weg. Über eine Leinwand blickt der Zuschauer in die Requisite, in der sich Hader, neben seinem Freund und Techniker Gerhardt, eine Line legt. Er setzt zu einem bösartigen Diskurs über die Gesellschaft an. Weder der „ehrliche, stumpfsinnige, faschistoide Bauernschädel“, noch der „hedonistische Durchschnittsdepp“ bleiben verschont.  Er selbst spielt den arroganten Kotzbrocken, den Star Josef Hader, dem die Fans am Arsch vorbei gehen: „Ein neues Programm? Ich kaufe nur noch Eigentumswohnungen.“

   
Foto von Lukas Beck

Wieder auf der Bühne, geht das Spiel weiter. Nach einem Gespräch mit seiner „Hasimaus“ landet „der beste Kabarettist“ durch einen Autounfall in einer öden Vorstadtgegend, wo ihm ein Tankstellenbesitzer das Hirn wegpustet. Hader ist tot, lebt aber in sechs anderen dubioser Figuren weiter. Er wechselt von einer Rolle in die nächste, von der Prostituierten zu dem kriminellen Dubrovnic, vom versoffenen Bar-Pianisten zur Verehrerin mit der grässlichen Lache. Das alles nur durch Haltung und Stimme, ohne dabei ein einziges Mal seinen Columbo-Mantel abzulegen. Am Schluss des Stücks ist Hader drei verschiedene Tode gestorben.

Wie in einem Theaterstück oder in einem Film entwirft Hader eine Tragikkomödie, deren Handlungsstrang rein assoziativ ist. Über zwei Stunden reiht er absurde Dialoge aneinander, die alle eins gemeinsam haben: Sie drehen sich um einen Umschlag mit 10 000 Euro, darum, dass alles käuflich ist.
Haders Zynismus gilt jedem: „Ich bin da wo ich bin, und ich schimpf über des, was da ist.“ Und er attackiert am liebsten das, was weit weg ist, so wie es seiner Meinung nach nur die Durchschnittsdeppen tun. Amerika, ein gutes Beispiel. Die „blasierte, halbintellektuelle Durchschnittsszene“ und die mies angepassten Globalisierungskritiker mag er eben nicht. Amerika, „ein Land in dem die Bildung oft zu früh abgebrochen wird, weil die Todesstrafe dazwischen kommt.“ Pechschwarzer Humor und Kapitalismuskritik.
Mit viel Sarkasmus und Ironie äußert Hader nur Gefühle, wenn es um seinen Skoda geht. Hader hasst Menschen, die sich das Leben nicht leisten wollen, sich keinen Audi, dafür aber einen Skoda mit Sonderausstattung kaufen. Menschen, die nicht genießen können, weil sie das Geld für das von ihnen erträumte Leben nicht aufbringen.
Mit ihnen rechnet Hader ab. Und mit denen, die sich für etwas Besseres halten, die potentiellen Süddeutsche Zeitungsleser. Seine Figuren sind „Gender-Moralapostelinnen“ oder „schwanzgesteuerte Egomanen". Da kann natürlich keine Beziehung gut gehen. Er selbst ist zu schwabbelig und „Sex mit ihm wie mit einem Pudding.“ Mit seiner „Hasimaus“, mit der er ständig über das Handy telefoniert, kommt auch keine richtige Kommunikation zustande. Er spricht über eine Beziehung, die schon längst keine mehr ist. Säuselt liebe Worte vom Zusammenleben in den Hörer, um kurz danach zu Bösartigkeiten anzusetzen. „Wer bekommt den Skoda nach der Trennung?“ – „Wertverlust? Und was ist mit meinem Wertverlust durch deine Berührungen?“ Ihr Gesicht erscheint ihm wie „die Landkarte ihrer Frustration“, das Handy klappt zu, die Verbalinjurien verklingen.
Jetzt wird es arg. „Ich habe drei Frauen geschwängert und die haben alle drei abgetrieben.“, sagt Hader in der Rolle des Pianisten zur „Hasimaus“, die sich an ihn in seinem 450 PS starken Chevy heranmacht. Sie überfahren den eh schon toten Star Hader vor der Tankstelle zum Himmel. Der wurde vom Tankwart erschossen, der seinen Job hasst: „Diese flexiblen Jahreszeiten. Es muss nicht alles offen sein. Unter Haider hätts so was nicht geben.“ Der Tankstellenwart glaubt eben nicht an sich, sondern lieber an den faschistoid politisierenden Bauernschädel aus Kärnten.
Foto von Lukas Beck

Am Schluss des Stücks ist Hader drei verschiedene Tode gestorben um zu erkennen, dass der größter Zyniker Gott ist: Der Himmel ist eine ausgestorbene Straße mit Gebrauchtwagenhändlern. Er musste weg, „weil das Leben ein Schas ist und dazwischen fad.“ Düster, düster.
Aber Hader wäre nicht Hader, wenn sein Programm nicht auch zum brüllen komisch wäre. Er schaffte es, sowohl das typische Theaterpublikum in Anzug und Pailletten, wie auch junge Menschen zu begeistern. Die verpfuschten Gestalten sinken abgrundtief, doch der bitterböse Sarkasmus Haders erlaubt es immer wieder, in schallendes Gelächter auszubrechen. „Hader muss weg“, unter der Regie von Petra Dobetsberger, ist ein Spiel von Hader mit Hader, das er weniger durch seine schauspielerische Leistung, als durch seine Stimme, seine Sprache und seine Laute beherrscht.