Warum Männer in der Stadt wildpinkeln - Interview mit Sacha Szabo

Konstantin Görlich

Freiburg stinkt. In dunklen Gassen und Hauseingängen lassen vorwiegend männliche Partygänger reihenweise Wasser. Warum ist das so? Unterhaltungswissenschaftler Sacha Szabo antwortet:



Urbanes Wildpinkeln – über die Folgen rümpft Freiburg derzeit die Nase. Ein männliches, städtisches Problem?


Sacha Szabo: Natürlich wird auch in der Wildnis wildgepinkelt. Zum Problem wird es allerdings in der Tat erst im urbanen Raum. Das Pinkeln war lange der Kulminationspunkt der Geschlechterfrage. Es wurden Glaubenskriege zwischen Steh- und Sitzpinklern ausgetragen. Noch ist dieser Disput nicht endgültig beigelegt, wobei ich aus meiner Umwelt sagen kann, dass auch das Pinkeln gegendert wurde.
Wurde ich als Kind noch vom meinem ungarischen Vater durchaus dazu angehalten, die Bäume, die damals noch in der Escholzstraße standen, anzupinkeln, um so mein Revier zu markieren, wurde diese Demonstration von Virilität durch eine Freundin in den Schatten gestellt, die ihr Geschäft ganz ohne Baum in der Öffentlichkeit verrichtete.

Warum pinkelt der Mann wild? Weil er’s kann?

Das Pinkeln allgemein wurde schon früh einem Zivilisationsprozess wie ihn Norbert Elias beschreibt unterworfen. Es ist ein Zeichen der Selbstkontrolle, den Blasendruck so zu steuern, dass man das Geschäft diskret in einem speziell dafür vorgesehen Raum vornehmen kann. Dieser exklusive Raum hat auch eigene Regeln, einerseits Diskret, andererseits kann auch ein wenig Smalltalk am Urinal möglich sein.

Das Wildpinkeln ist jetzt eine Art Regress in einen vorzivilisatorischen Zustand. In diesem Zustand sind auch die Property Rights, die Eigentumsrechte nicht mehr existent und müssen neu verhandelt werden, indem man jetzt auch sein Revier markiert und eine markante Duftspur hinterlässt.

Das klingt nach einem Ur-Instinkt, einem Gefühl von Freiheit! Auch von Rebellion?

Die Normen, ja auch die Gesetze, verbieten das Wildpinkeln. Es ist ein Aufbegehren gegen diese Reglementierung und im Wildpinkeln bricht sich nun etwas Naturhaftes Bahn, dass gegen die Fremdbestimmung aufbegehrt. Man besinnt sich auf das Naturhafte und lustvolle.

Es gibt beispielsweise den Archetypen des ’Wilden Mannes’, der nicht nur interessanter Weise ein häufiger Gaststättenname, sondern auch in der Psychoanalyse – und auch der Männerforschung – eine Metapher ist und eine Art Rückbesinnung darstellt. Es ist eine Rückbesinnung auf einen selbst. Man ist beim Pinkeln ganz bei sich, esoterisch könnte man es als ein Hier-Sein im Jetzt beschreiben.

Dabei ist diese Art der Rückbesinnung nicht nur ein notwendiges Geschäft, sondern wird zugleich auch genussvoll vollzogen. So wird der Urinstrahl zum Instrument eines sehr unmittelbaren Expressionistischen Ornaments. Zugespitzt: Erst durch das Wildpinkeln wird aus dem modernen Mann ein Wilder (Mann).

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[Foto 1: artesiawells/Fotolia.com, Foto 2: privat]