Warum Leerstellen im Lebenslauf nicht immer schlimm sind

Paula Scheidt & Anna-Lena Zehendner

Möglichst jung sollen Berufseinsteiger sein und der Lebenslauf darf bloß keine Lücken haben. Stimmt das? Nicht ganz: Viele Personalexperten schätzen es durchaus, wenn Bewerber bereits etwas von der Welt gesehen und sich selbst kennen gelernt haben, bevor sie ins Berufsleben starten.

„Dann verliere ich doch ein Semester“, ist das typische Argument, mit dem viele Studenten ihre Reise- oder Praktikumspläne verwerfen. Möglichst schnell ins Berufsleben einzusteigen, ist oft ein weiterer Grund, warum nach der Schule auf eine längere Reise verzichtet wird. Der Mythos des möglichst lückenlosen Lebenslaufs ist noch immer weit verbreitet. Obwohl Personalexperten es oft gar nicht mehr so eng sehen.


„Entscheidend ist immer die Erklärung hinter der Lücke“, sagt Natalie Vogel, zuständig für Hochschulmarketing bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers. „Bei Lücken im Lebenslauf ist man am besten ehrlich. Egal, ob man sich neu orientieren wollte oder private Gründe hatte. Wichtig ist für uns, dass man rückblickend etwas daraus gelernt hat“, sagt Vogel. Es kommt also unter Umständen mehr darauf an, wie man die Zeit für sich nutzt, als was genau man tut, solange man seinen Lebensweg erklären kann.  

Besser im Studium eine lange Reise als im ersten Job ein Burn-out

 
In einigen Fällen macht die bewusste Entscheidung für eine Auszeit sogar einen guten Eindruck. „Wenn jemand sich beispielsweise mit einer Reise einen Traum erfüllen oder seine Sprachkenntnisse verbessern will, bevor er ins Berufsleben einsteigt, sehen wir das sehr positiv“, sagt Natalie Vogel. Sie kann auch nachvollziehen, was manch ein Chef befürchtet, wenn keine Lücken im Lebenslauf stehen: Wer sein Studium in Rekordgeschwindigkeit durchzieht und direkt nach der Uni zu arbeiten beginnt, den beschleicht unter Umständen im Arbeitsalltag bald das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Eine große Reise zum Beispiel. Arbeitgeber gehen also bei solchen Bewerbern das Risiko ein, die eingelernte Arbeitskraft schnell wieder zu verlieren. Oder zumindest, einen vielleicht hoch qualifizierten, aber dafür unmotivierten Mitarbeiter zu beschäftigen.

Grundsätzlich warnt Vogel aber vor Verallgemeinerungen. Der einen Person täten Auszeiten gut, bei der anderen sei es sinnvoller die Ausbildung zügig zu beenden und direkt ins Berufsleben zu starten. „Ob jemand das Studium am Besten schnell durchzieht oder lieber zwischendurch reisen geht – das hängt ganz von der jeweiligen Person ab. Es macht deswegen keinen Sinn, ein pauschales Urteil zu fällen, was besser ist.“

Diese Meinung vertritt auch Jessica Scholz, Sachbearbeiterin in der Personalabteilung der Firma Sick in Waldkirch. „Eine Lücke im Lebenslauf wird immer individuell gehandhabt. Das ist daher immer abhängig von Job, Bewerber und demjenigen, der letztlich die Bewerbung bearbeitet.“
Ob man daher nun sein Studium oder eine Ausbildung schnell durchzieht oder  nicht, letztlich sind immer mehrere Kriterien entscheidend, ob man eine Stelle bekommt. „Wenn im Lebenslauf eine unerklärte Lücke steht, dann muss man eben im Bewerbungsgespräch nachhaken“, sagt Jessica Scholz. „Wenn der Lebenslauf und das Profil trotzdem zur ausgeschriebenen Stelle passen, dann ist so eine Lücke kein K.O.-Kriterium.“ Das Unternehmen Sick ist international tätig. Daher sei es durchaus von Vorteil, wenn ein Bewerber durch eine Sprachreise oder einen Au-Pair-Aufenthalt im Ausland mehrere Sprachen beherrscht.  

Pausen im Lebenslauf müssen begründet werden können

 
Immer wichtiger werden für Personalexperten neben den Fachkenntnissen daher auch die so genannten Soft Skills. Denn Berufsprofile ändern sich innerhalb kurzer Zeit und die Zahl der Quereinsteiger nimmt zu. Hinzu kommt, dass Unternehmen sich international positionieren und deshalb auf Sprachkenntnisse und interkulturelle Kompetenzen angewiesen sind. Fähigkeiten, die man kaum aus Vorlesungen oder Büchern lernt.

„Auslandsaufenthalte sind im Prinzip immer zu begrüßen“, sagt auch Jürgen Kurz, Vice President Human Resources, bei Micronas in Freiburg. „Wenn das Ganze allerdings wie eine Auszeit aussieht, zum Beispiel zwei Jahre Trampen durch Südamerika oder ein Ashram Aufenthalt in Indien, dann sollte schon erklärt werden, warum und wieso das gemacht wurde.“

Wer völlig ziellos wirkt oder den Eindruck macht, dass er grundsätzlich nicht diszipliniert arbeiten kann, bei dem fallen zu viele Umwege im Werdegang eindeutig negativ ins Gewicht. „In einer logischen Abfolge kann eine Auszeit durchaus positiv sein“, sagt Jessica Scholz. „Aber wenn aus dem Lebenslauf hervorgeht, dass mächtig hin und her gesprungen wurde, ist das natürlich meist ein schlechtes Zeichen.“

Ob freie Zeit wirklich zu mehr Lebenserfahrung führt oder nur ein Weg ist, sich vor der Arbeit zu drücken, wird gerne in Vorstellungsgesprächen getestet. „In Bewerbungsgesprächen bieten ungewöhnliche Lebenswege oft eine Möglichkeit, die Person näher kennen zu lernen und zu verstehen, warum sie wann welche Entscheidungen getroffen hat“, sagt Natalie Vogel von PricewaterhouseCoopers. Insofern liegt es nicht zuletzt in der Hand des Bewerbers, ob die Auszeit zu einem Plus- oder einem Minuspunkt für ihn wird.

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[Foto: Ruben Fees]