Warum Kreuze in staatlichen Gebäuden problematisch sind – eine Freiburger Theologin im Interview

Simon Voss

Ab Juni müssen auf Anordnung der bayerischen Regierung in allen Behörden Kreuze angebracht werden, was der CSU viel Spott und Kritik einbrachte. fudder hat darüber mit der Freiburger Theologin Prof. Dr. Ursula Nothelle-Wildfeuer gesprochen.

Frau Nothelle-Wildfeuer, der bayerische Ministerpräsident Markus Söder behauptet, das Kreuz stehe bei seinem Beschluss gar nicht für eine bestimmte Religion, sondern sei Ausdruck der "kulturellen Prägung" und ein "Bekenntnis zur Identität" Bayerns. Lässt sich diese Deutung bestätigen?

Nothelle-Wildfeuer: Nein, im Gegenteil. Kein Zeichen ist so genuin religiös wie das Kreuz. Für sich betrachtet ist es einfach nur ein Folterwerkzug. Seine Bedeutung bekommt das Kreuz erst durch die christliche Botschaft. Es ist ganz sicher kein Logo für Bayern oder für Deutschland. Das Aufhängen von Kreuzen ist immer eine Selbstverpflichtung, die sich in bestimmten Werten artikuliert. Das sind Werte wie Gerechtigkeit, Freiheit und Meschenwürde. Es darf nicht als eine Verpflichtung anderer benutzt werden, sich dieser Religion unterzuordnen. In diesem Fall wird es außerdem als eine Abgrenzung von anderen benutzt, im Zusammenhang mit der gerade neu angefachten Diskussion, ob der Islam nun zu Deutschland gehört oder nicht.

Kann man also sagen, wie das bereits verschiedene Kommentatoren getan haben, dass die CSU-Regierung das Kreuz für ihre Politik instrumentalisiert?

Ich kann nicht in Söders Kopf hineinsehen. Insofern will ich ihm eine politische Instrumentalisierung nicht direkt unterstellen. Aber es gibt Indizien, die darauf hindeuten. Dieses Jahr sind in Bayern Landtagswahlen. Und die CSU greift damit den AfD-Duktus auf von der christlichen Identität Deutschlands, dem christlichen Abendland. Kein Mensch weiß, was das überhaupt sein soll.

So wie ich die Äußerungen der CSU verstehe, soll das Kreuz ja hier die kulturelle Prägung Bayerns und Deutschlands durch das Christentum verdeutlichen.

Ja, die breite Spur des Christentums in der Gesellschaft ist ja auch unübersehbar. Sie mag wesentlich größer sein, als die des Islam, aber sie ist bei weitem nicht der einzige prägende Einfluss.

Wie Söder und noch einige andere Stimmen geäußert haben, werde das Neutralitätsgebot des Staates gegenüber Religionen dadurch nicht verletzt. Kann ein Staat denn die Religionsfreiheit garantieren, wenn er das Zeichen einer bestimmten Religion selbst offiziell verwendet?

Es ist auf jeden Fall ausgesprochen schwierig, dass der Staat Kreuze aufhängt. Einzelpersonen können dies ohne weiteres tun. Aber dass der Staat das anordnet, geht heutzutage nicht mehr. Früher, als es fast ausschließlich christliche Religionszugehörigkeit auf deutschem Gebiet gab, ging das vielleicht noch. Aber heutzutage gibt es viele Menschen anderer Religionen und Weltanschauungen. Insofern ist Deutschland einfach kein christliches Land. Das ist aus christlicher Sicht auch gut so: Der weltanschaulich neutrale Staat hat einen großen Sinn.
Prof. Dr. Ursula Nothelle-Wildfeuer, geboren 1960, ist Professorin für Praktische Theologie mit dem Arbeitsbereich Christliche Gesellschaftslehre an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.