Warum kann man Uni-Klausuren eigentlich nicht am Computer schreiben?

Christoph Müller-Stoffels

Lieblingsstift, Kuscheltier und andere Glücksbringer, haufenweise Papier – so sieht die herkömmliche Ausrüstung für wichtige Klausuren an der Uni aus. In Zeiten von Computer, Handy und iPad wirkt das recht altbacken und hat mit der späteren beruflichen Realität in der Regel wenig zu tun. Warum Klausuren (noch) nicht digital abgeleistet werden? Wir haben nachgefragt.



„Bei uns wählen die Prüfer selbst, wie sie eine Prüfung abnehmen wollen“, sagt Detlev Doherr, Leiter des Rechenzentrum der Fachhochschule Offenburg. Ob sie dabei auf digitale Unterstützung zurückgreifen oder die Klausuren von Hand schreiben lassen, hänge auch vom Fach ab. „Wo zum Beispiel Zeichnungen entstehen sollen, die sowieso am Computer erstellt werden, bietet es sich natürlich an.“


Doherr hat aber den Eindruck, dass Papierklausuren noch überwiegen. Und an der Uni Freiburg sind elektronische Klausuren, kurz eKlausuren genannt, eine echte Seltenheit. Lediglich am Englischen Seminar werden Eignungsprüfungen am PC abgeleistet. Es ist eigentlich überraschend, wie viele Prüfungsleistungen heutzutage immer noch wie vor hundert Jahren abgenommen werden. Zwar haben die Prüflinge kein Tintenfässchen mehr, dass in ihr Pult eingelassen darauf wartet, dass die Feder eintaucht, aber die Prozedur ist immer noch fast identisch: Stift und Papier, schreiben bis die Hand verkrampft. Muss das noch so sein?

Gerhard Schneider, Leiter des Rechenzentrums der Uni Freiburg, ist da nicht so sicher. „Bei freien Texten können Computer sicher noch nicht zum Einsatz kommen, aber bei Multiple-Choice-Fragen bietet es sich geradezu an“, sagt er, verweist aber auch auf die Gefahren von Multiple Choice-Klausuren, mit denen man nur eine bestimmte Art Wissen prüfen könne. „Es kann natürlich schnell passieren, dass die Prüfer bequem werden und nur noch Multiple-Choice-Prüfungen anbieten. Und das kann niemand ernsthaft wollen.“

Schneider bringt damit zwei Vorurteile an, mit denen die eKlausuren zu kämpfen haben und denen sich Jens Bücking, Mitarbeiter des Zentrums für Multimedia in der Lehre (ZMML) an der Uni Bremen, immer wieder erwehren muss. „Einerseits stimmt es nicht, dass nur Multiple-Choice-Prüfungen möglich sind, andererseits ist mit Multiple-Choice-Prüfungen nicht nur stupide Wissensabfrage möglich“, sagt er. „Man muss die Fragen einfach intelligent stellen.“

Bücking hat Erfahrung mit eKlausuren. Die Uni Bremen ist Vorreiter auf dem Gebiet, hat bereits 2004 angefangen, Studierende digital zu prüfen. Inzwischen sind elf von zwölf Fachbereichen dabei, jedes Jahr werden etwa 4500 Prüfungsleistungen auf diesem Weg erbracht. Dabei gibt es Dutzende verschiedene Formen. „Automatisierte Freitext-Auswertung gibt es bei uns noch nicht“, berichtet er, „da bestehen noch zu viele Unwägbarkeiten.“

Allerdings würden auch bei der Freitext-Auswertung die digitalen Möglichkeiten eine Arbeitserleichterung bringen.Probleme von einer ganz anderen Seite vermutet der Freiburger Gerhard Schneider. Er fragt sich, wie die Studierenden mit der Kombination aus Stress und moderner Technik umgehen würden. „Die Leute kommen doch schon mit Papier nicht klar. Wie oft passiert es, dass Klausuren abgegeben werden, und fünf Minuten später kommen die Leute mit einer einzelnen Seite, die auch noch irgendwie da mit hinein gehört? Was kann da erst am PC schief gehen?“

Vorreiter an der Freiburger Uni in Sachen eKlausur ist das Englische Seminar, wo die Eingangstests am Rechner abgeleistet werden. „Was wir auf jeden Fall sparen“, sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin Hanna Kubowitz, „ist Papier. Der Test ist lang und wir haben viele Bewerber. Auch die Auswertung erfolgt sehr schnell.“ Wegen umfangreicher Vortests sei die Zeitersparnis aber nicht sonderlich groß.

Und die Organisation? FH-Mann Doherr verweist auf die Problematik, wenn sich 24 Prüflinge auf 25 PCs verteilen sollen – und zwei Geräte ausfallen. Auch müsse man bei gleichen Prüfungen in verschiedenen Gruppen andere, aber gleichwertige Fragen stellen. Bei den Eingangstests der Anglisten an der Freiburger Uni werden jeweils etwa 50 Bewerber gleichzeitig getestet. „Wir haben jedes Mal 500 bis 600 Bewerber. Da sind wir mit den Prüfungen schon mal einen oder zwei Tage beschäftigt“, so Kubowitz. Man könne die Prüflinge aber auch nicht wahllos in PC-Säle stecken, denn es müssten Aufseher vor Ort sein.

Jens Bücking schrecken viele Prüflinge nicht. „Wir haben große Fragen-Kataloge, die per Zufall zugewiesen werden.“ Natürlich könnten sich die Studierenden bei besonders markanten Fragestellungen gegenseitig Hinweise geben. „Aber“, stellt er fest, „die Studierenden sind erschreckend schlecht organisiert. Die müssten nur nach jeder Klausur Gedächtnisprotokolle anfertigen und eine frei zugängliche Plattform dafür einrichten.“ Gemacht wird das nicht.

Überhaupt – meint Bücking – könnten die Studierende ziemlich konservativ sein, wenn es um eKlausuren und den Einsatz neuer Medien geht. Allerdings sei das auch abhängig vom Fachbereich. „Die Erziehungswissenschaftler sind immer entsetzt, wenn sie eine Prüfungsleistung am Computer erbringen sollen. Wirtschaftswissenschaftler dagegen sind fast zu unkritisch.“Ein anderer Punkt, der geklärt werden muss, ist die technische Seite. „Obwohl ich IT-begeistert bin“, sagt Schneider, „macht mir die Frage, wie ich die Maschinen sicher kriege, Bauchschmerzen.“

Man brauche ein eigenes Betriebssystem und müsse eine eigene Umgebung schaffen, damit die Studierenden nicht untereinander kommunizieren oder nach den Lösungen googeln könnten. An der Uni Bremen hat man das Problem gelöst, indem man investiert hat. „Wir nutzen ein autonomes Netzwerk. Die Täuschungsversuche sind dadurch nicht anders als bei herkömmlichen Klausuren“, sagt Bücking.

Für das Test-Center seien aber auch etwa 600.000 Euro aufgewendet worden. Schneider ist sich noch nicht ganz sicher, wie er zu den eKlausuren steht. „Mir fehlt noch das Killer-Argument für die Klausuren. Bei Online-Tutoraten oder aufgezeichneten Lehrveranstaltungen zum Nachhören, bin ich sofort dabei.“

Und anderes könne man ausprobieren. „Studenten sind eigentlich ein ideales Versuchsobjekt. Wenn man denen erklärt, was man vorhat, machen die gerne mit.“ Vielleicht bringen in Zukunft also auch Freiburger Studierende statt des Lieblingsstiftes die Lieblingsmaus mit zum Examen.

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[Bild: dpa]