Warum junge Menschen den Jagdschein machen

Maria-Xenia Hardt

Sie ist so alt wie der Mensch selbst und in unserer modernen Gesellschaft sehr umstritten: die Jagd. In Deutschland steigt die Zahl der Jagdscheininhaber seit 1968 beständig, zurzeit sind es mehr als 350.000. Auch viele junge Menschen lassen sich jedes Jahr zum Jäger ausbilden. Maxi war beim Jagdscheinkurs dabei.



Es ist dunkel und kalt draußen, als sich im November rund vierzig Menschen zusammenfinden, in einem Geschäft außerhalb von Freiburg. Dort wird „Sicherheitsbedarf“ verkauft – alles von Pfefferspray über Karabinerhaken bis hin zu Jagdhörnern. Es sind Forstwirtschafts- und Medizinstudenten, Auszubildende, Sportschützen, Schüler, Rentner, Naturfreunde und auch einige Männer mit zurückgehendem Haar- und wachsendem Bauchansatz. Was sie eint, ist das Ziel, Jäger zu werden. Dafür werden sie in den nächsten Wochen einiges an Zeit und auch  Geld investieren. Alles in allem um die 2000 Euro, Schüler und Studenten rund 1500 Euro.

An mehreren Abenden in der Woche finden die Theoriestunden zu Jagdtradition, verschiedenen Wildarten und -krankheiten sowie zu Jagdrecht und -ethik statt. Für jedes Thema gibt es im Ausbilderteam der Jagdvereinigung Freiburg Experten. Heute, am ersten Abend, sind fast alle erschienen, um sich der Gruppe vorzustellen. Unter ihnen sind Leiter Christoph Klaas, Anfang 40, Jeans und Hemd, der gerade aus dem Büro kommen könnte; Jäger Udo Zink (73), der seinen Dackel dabei hat, und Schießlehrerin Elisabeth Keil (68), der man ansieht, dass sie viel draußen ist.

Fast drei Monate nach der ersten Stunde liegen viele theoretische Belehrungen hinter den Jungjägern, dazu die ein oder andere Revierbesichtigung und für die meisten auch schon die erste Treibjagd. Seit Kurzem wird auch  auf einer Schießanlage geschossen.



Der Ausbildungsjahrgang ist immer noch so groß wie am Anfang. „Eine super motivierte Truppe haben wir dieses Jahr“, schwärmt Elisabeth Keil, „und wie oft die schon bei den ersten Schießversuchen treffen, das erstaunt mich sowieso jedes Jahr wieder.“

An einem der Tontaubenschießstände entledigt sich Johannes Ströbele (26, Bild oben) seiner Ohrenschützer, klappt das Gewehr auf und verstaut es im dafür vorgesehenen Ständer. „Schießen ist eine Frage der Konzentration“, sagt er. „Da unterscheidet sich das Gewehr nicht allzu sehr vom Bogen. Klar, man muss sich an die neue Waffe gewöhnen, aber im Grunde ist es ähnlich.“

ohannes hat drei Jahre als Wildnispädagoge im Ötztal gearbeitet. „Ich bin von der Naturschutzseite her zum Jagen gekommen“, sagt er. „Ich habe in Österreich gerben und Bogen schießen und Spuren lesen gelernt und der Jagdschein ist ein weiteres Puzzleteil, um all das zu können, was unsere Vorfahren über Jahrhunderte hinweg tagtäglich gemacht haben.“

Für ihn ist die Jagd Bestandteil einer ursprünglichen, natürlichen Lebensform, nicht gegen, sondern im Einklang mit der Natur, und gar nicht so elitär, wie es in Deutschland oft wahrgenommen wird. „Dass das Jagen eher in höheren Gesellschaftsschichten verwurzelt ist, ist typisch für Mitteleuropa und insbesondere für Deutschland“, sagt er, „in den USA oder Kanada ist das viel mehr Teil des alltäglichen Lebens.“



Ein paar hundert Meter weiter hinten auf der Anlage wartet Udo Zink (Bild oben) auf die nächsten Schüler. Der 73-Jährige kann sich nicht genau erinnern, wann er mit der Jagd begonnen hat. „Ich sag's mal so: Ich konnte schießen, bevor ich lesen konnte, das war bei uns früher halt so. Den Schein hab ich erst viel später gemacht, zusammen mit meinem Sohn.“ Jetzt ist er ganz offiziell Jäger im Revier Schönberg, wo er Bestände von Schwarzwild, Rehen und Füchsen im Auge behält. „Wir schießen nicht viel“, sagt er. „Ich finde, man sollte generell die Einstellung haben, dass man nicht schießen muss, sondern schießen kann.“

Hierzulande, so Zink, sei Jagen sowieso etwas völlig anderes als in weniger dicht besiedelten Regionen wie Kanada oder Skandinavien. „Einmal lag ich nachts auf der Lauer und hab Geräusche gehört, die im ersten Moment die einer Wildsau hätten sein können. Aber die Bewegungen waren zu unregelmäßig und damit doch eher atypisch. Na ja, das war halt einer, der hatte am Schönberger Hof zu tief ins Glas geschaut, wollte dann eine Abkürzung nehmen und ist durch den Wald gerobbt. Da muss man als Jäger extrem vorsichtig sein.“

Eine Gruppe Jagdschüler biegt um die Ecke. Zink händigt Gewehre aus, erklärt das ein oder andere. „Es ist wichtig, der nächsten Generation was mit auf den Weg zu geben“, sagt er, „deshalb mache ich das hier auch immer noch.“



Ralf Henkelmann (31, Bild oben) sitzt mit Hündin Baghira im kneipenähnlichen Vorraum und wartet auf Freundin Micaela Ebert (25), die noch auf ein paar Papp-Wildschweine schießt. Die beiden sind fast fertig mit dem Medizinstudium, Freunde haben ein Revier. Genug Platz zum Jagen wird es geben, wenn die eigene Ausbildung und die der Hündin erst einmal abgeschlossen ist. Bumm. Das war der letzte Schuss.

Micaela kommt aus der Kabine. Offensichtlich ist sie auf der Schießanlage völlig in ihrem Element. Dass sie eine der wenigen Frauen ist, stört sie nicht allzu sehr. „Vor dem ersten Schießen hatte ich schon Respekt“, sagt sie.  „Weil mir von vielen gesagt wurde, die Waffe sei so schwer und der Rückschlag so stark.“ Eine Waffe wiegt zwischen drei und vier Kilo. „Da ist ja mancher Kochtopf schwerer“, witzelt Ralf und lacht. Im Endeffekt war alles halb so schlimm. Darüber, dass der ein oder andere jagende Frauen belächelt, sieht Micaela einfach hinweg: „Unsere Ausbilder behandeln uns alle gleich. Und Frau Keil schießt sowieso besser als jeder Mann.“

Elisabeth Keil freut sich, dass immer mehr Frauen kommen, um die Ausbildung zu machen. Sie selbst geht seit fast vier Jahrzehnten auf die Jagd. „Als ich angefangen habe, war das alles noch ein bisschen anders.“ Ihr Mann war schon vor ihr Jäger, am Stammtisch verkündete ein Jadgkollege: „Frauen können das eh nicht.“ „Das hat mich schon geärgert“, erinnert sie sich. „Da hab ich zu ihm gesagt: Du bezahlst, ich mach die Prüfung.“ So war es dann auch. „Frauen jagen nicht schlechter als Männer“, sagt sie. Micaelas Ausbeute beim erst dritten Schießtraining auf der 100-Meter-Distanz kann sich auch sehen lassen: 49 von 50 Punkten.

Manche Leute können nachvollziehen, dass Micaela und Ralf eine Jagdausbildung machen, andere eher nicht. „Meine Eltern haben dafür überhaupt kein Verständnis“, sagt Micaela. „Daheim bin ich der Tiermörder. Generell wird das Thema gemieden. Fleisch wird natürlich gegessen, aber das wächst ja an den Bäumen.“ Die Eltern sind nicht die Einzigen in ihrem Umfeld, die alte Vorurteile pflegen. „Jäger sind weder grimmig noch Eigenbrötler“, findet Micaela. „Im Gegenteil, wir haben vor allem sehr viele sehr herzliche Menschen getroffen, die Ehrfurcht vor dem Tier haben, das sie Jagen.“

Auch wenn nicht jeder Schuss perfekt sein kann –  in der Ausbildung wird den Jungjägern vermittelt: Wenn man das Tier nicht so treffen kann, dass es sofort tot ist, dann sollte man nicht schießen. „Wir führen keinen Krieg gegen die Tiere“, sagt Udo Zink. „Der Wald kommt immer vor dem Wild. Das möchte ich den Leuten bewusst machen. In meiner Generation gibt es noch einige Jäger, die respektlos sind, und ich will dazu beitragen, dass das in Zukunft nicht mehr so ist. Aber die allermeisten, die zu uns kommen, haben die richtige Einstellung. Es gibt eine überwiegende Mehrheit, die das macht, um den Pulsschlag der Natur zu spüren.“

Mehr dazu:

 

Fotos: David Cibis

Tipp: Wartet einen Augenblick, bis die Galerie komplett geladen ist. Ihr könnt euch dann ganz bequem jeweils das nächste Foto anzeigen lassen, indem ihr auf eurer Tastatur die Taste "N" (für "next") drückt.