Warum Julian Finn die Kriegstagebücher seines Uropas als Blog veröffentlicht

Marius Buhl

Von August 1914 bis 1918 schrieb Ernst Pauleit aus Witten jeden Abend in sein Tagebuch, was er im Ersten Weltkrieg erlebte. Von August 2014 bis 2018 will sein Urenkel Julian Finn diese Erinnerungen täglich auf seinem Blog Vierzehnachtzehn.de veröffentlichen. fudder-Redakteur Marius Buhl hat mit ihm gesprochen:



Julian, befassen wir uns ausreichend mit der Geschichte unserer Ahnen?

Julian Finn: Der aktuelle Nationalismus, die Fremdenfeindlichkeit und der aufkommende Antisemitismus sagen mir: Nein, wir befassen uns zu wenig mit unserer Geschichte.
Warum tun Sie es auf Vierzehnnachtzehn.de so ausführlich?

Es war der Wunsch meines Urgroßvaters, dass sein Tagebuch Generationen überdauern möge. Nun, genau 100 Jahre später, mache ich genau das.

Was hat Dich besonders beeindruckt?

Die Sprache, der Ausdruck und die Tatsache, dass alle Tagebücher 1930 in Schreibmaschine abgetippt wurden. Das sind richtige Bücher, die er da geschaffen hat.

Wie stand dein Urgroßvater zum Krieg?

Im Verlauf des Kriegs wandelte sich seine Propagandagläubigkeit in Enttäuschung, ja Kriegsgegnerschaft. Im Zweiten Weltkrieg hat er sich dann geweigert, in die NSDAP einzutreten. Für einen Beamten ganz schön mutig –  das hat ihn auch die Karriere gekostet.

Kannst du von deinem Uropa etwas lernen – und könnte er es von dir?

Er könnte mir sicherlich Stenografie beibringen –  und ich ihm das Internet.

Ein solcher Krieg wie der Erste Weltkrieg in Europa – hältst du das heute noch für möglich?

Nein. Ich glaube, der Gedanke einer kriegerischen Auseinandersetzung mit unseren Nachbarn in Europa ist aus heutiger Sicht recht absurd. Dennoch wäre es wünschenswert, dass Europa nicht nur innerlich zusammen wächst, sondern sich auch nach außen öffnet –  anstatt sich weiter  abzuschotten.

Ist es schwierig, seinem eigenen Uropa Fehler einzugestehen?

Ich bin natürlich nicht damit einverstanden, dass er am Anfang die Kriegspropaganda unkommentiert wiederholt. Aber da ist das Tagebuch eben ein Zeitzeugnis. Lesen und veröffentlichen werde ich das trotzdem alles.

Schreibst du selbst nun – gleich deinem Urgroßvater – ebenfalls Tagebuch?

Ich habe mal auf shortdiary.me Tagebuch geführt, allerdings unregelmäßig. Schön daran ist, dass man ein Jahr später seine Tagebucheinträge noch einmal zugeschickt bekommt und die Einträge nicht einfach verloren gehen. Sonst twittere ich aber sehr viel.

Zur Person

Julian Finn ist ein Kind des Internets. Als studierter Informatiker und Projektmanager diverser Webseiten liebt er das Netz und seine Möglichkeiten. Auf zeitspuk.de bloggt er zudem regelmäßig zu Netzthemen.